Kohleatlas 2015: „Europa muss die Finger von der Kohle lassen“

Kohlekraftwerk Drax in North Yorkshire, England: Kohle ist Klima-Killer Nummer Eins. [Jonathan Brennan/Flickr]

Gewaltsame Verteibungen, Tausende Todesfälle, klimaschädliche CO2-Emissionen – der „Kohleatlas 2015“ zeigt auf die verheerenden Folgen der Kohlekraft. Seine zentrale Botschaft: Die EU sollte endlich Rückgrat zeigen gegen die übermächtigen Energiekonzerne.

Jedes Jahr blasen Kohlekraftwerke weltweit 15,5 Milliarden Tonnen CO2 in die Luft, und damit ein Viertel der gesamten Treibhausgas-Emissionen. Für die EU bedeutet das nicht nur eine Belastung für das Klima, sondern für das Gesundheitssystem. 48 Milliarden Euro Gesundheitskosten gehen jährlich auf das Konto der Kohlekraft. Mit solchen Zahlen will der am Dienstag veröffentlichte „Kohleatlas 2015“ von der Grünen-nahen Heinrich Böll-Stiftung und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) wachrütteln – und der Politik den Kohle-Ausstieg schmackhafter machen.

„Bundeskanzlerin Merkel will Vorbild beim Klimaschutz sein. Das funktioniert aber nicht, wenn in Deutschland trotz der Energiewende die Treibausgas-Emissionen aus der Kohleverstromung steigen“, kritisiert Barbara Unmüßig, Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung, gegenüber EURACTIV.de.

Will die Weltgemeinschaft die Erderwärmung bis 2050 unter zwei Grad halten, darf die Menschheit nur noch rund 1.000 Gigatonnen (Milliarden Tonnen) Kohlendioxid ausstoßen. Das sei nur möglich, wenn 80 Prozent der weltweit gesicherten Kohlevorkommen im Boden bleiben, heißt es im Kohleatlas.

Gesundheitsschäden und Menschenrechtsverletzungen

Doch die Kohle hat laut dem Bericht noch weitere gravierende Auswirkungen: Tagebaue zerstören Naturlandschaften und das Verfeuern von Kohle setzt große Mengen giftiger Schadstoffe frei – eine Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung. Mehr als 18.000 Menschen sterben jährlich in der EU an den Folgen der Luftverschmutzung durch Kohleförderung und -kraftwerke, so der NGO-Verband Health and Environment Alliance (HEAL), auf die sich der Kohleatlas bezieht.

Erst vor einer Woche warnte auch Greenpeace vor den gesundheitsschädlichen Folgen des Quecksilber-Ausstoßes von Kohekraftwerken. Das giftige Schwermetall steht im Verdacht, die Risiken für Herzinfarkte, Krebs- und Alzheimer-Erkrankungen zu erhöhen. Demnach dürften Braunkohlekraftwerke, die in Deutschland die Hälfte der Quecksilberemissionen verursachen, künftig zehn Mal mehr Quecksilber ausstoßen als bereits heute technisch möglich ist.

Der Kohleatlas verweist außerdem auf schwere Menschenrechtsverletzungen. Bei der Kohleförderung unter Tage seien insbesondere Sicherheitsvorkehrungen und Arbeitsbedingungen unwürdig. Außerdem würden Tausende Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Sie verlieren Ackerland, Weiden und Jagdgebiete.

In häufigen Fällen würde Grubenwasser an die Erdoberfläche hochgepumpt und unbehandelt abgeleitet. Durch die gelösten Salze aus dem Erdinnern kann es vollkommen unbrauchbar und noch zusätzlich mit Maschinenöl kontaminiert sein.

Ein aktuelles Beispiel ist laut Kohleatlas Bangladesch: Dort seien durch die geplante Phulbari Coal Mine im Nordwesten des Landes 130.000 Menschen von Umsiedlung bedroht. 220.000 Menschen müssten fürchten, kein sauberes Wasser mehr zu haben, schreiben die Autoren.

Ungebrochener Erfolg der „Big Coal“

Doch die Politik unterstützt die Kohlewirtschaft mit hohen Summen Steuergeld – sowohl im Ausland als auch in der EU selbst. Europaweit erhält die Kohlewirtschaft jährlich fast zehn Milliarden Euro. Dieser Umstand ist laut Böll-Vorstandsmitglied Unmüßig ein Erfolg der mächtigen Kohlelobby, der „Big Coal“.

Jüngster Triumph ist laut Unmüßig die von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel geplante Klimaabgabe für Kohlekraftwerke. Ursprünglich plante der SPD-Poltiiker, 22 Millionen Tonnen CO2 durch Abgaben einzusparen. „Noch besser gewesen wären Kraftwerkstillegungen“ sagt Unmüßig. Laut einem Papier des Wirtschaftsministeriums sollen es jetzt nur noch 16 Millionen Tonnen sein, die die Kraftwerke aufbringen sollen. Beobachtern zufolge eine Reaktion auf den Protest von Unternehmen und Gewerkschaften, die vor dem Verlust Tausender Arbeitsplätze gewarnt hatten. „Herr Gabriel ist vor der Kohlelobby eingeknickt“, sagt Unmüßig.

Den nächsten Angriff auf gut gemeinte Klimaschutzpläne würde die Industrie nun auf die EU starten, meint Unmüßig. Anfang Juni legen EU-Fachleute im spanischen Sevilla neue Emissions-Standards für Großkraftwerke fest. Konkret geht es dabei um die Definition von Best-Praxis-Technologie für die Abgasreinigung im Rahmen der EU-Direktive über Industrielle Emissionen, die ab 2020 gelten werden. Am Verhandlungstisch sitzen auch Lobbyisten der großen Energiekonzerne, stellvertretend für einzelne EU-Mitgliedsländer.

„Grotesk“ nennt der Kohleatlas etwa den Fall Griechenlands: Die Delegierten würden allesamt für den staatlichen Energiekonzern Public Power Corporation, dessen Kraftwerke zu den schmutzigsten der EU gehören, oder für Hellenic Petroleum arbeiten. „Strenge Schadstoffgrenzwerte kosten der Kohleindustrie bares Geld. Deshalb setzen die Industrievertreter alles daran, diese Grenzwerte zu verwässern“, so Unmüßig.

Aufwind in Asien, Gegenwind in Europa

Trotz der allseits bekannten Gefahren durch die Kohlekraft nimmt die Kohleförderung zu – und damit auch die Treibhausgas-Emissionen. Optimistisch stimmt jeoch der jüngste Report der NGO CoalSwarm im Zusammenarbeit mit der US-Umweltorganisation Sierra Club. Demnach ist in Europa und Nordamerika eine Trendwende zu beobachten: Zwei Drittel der seit 2010 geplanten Kraftwerksprojekte seien entweder zurückgestellt oder ganz aufgegeben worden – weil sie nicht mehr rentabel sind oder Bürgerproteste die Realisierung der Projekte blockieren. Doch in Asien geht die Entwicklung in die umgekehrte Richtung. Besonders in Indien boomt die Kohle, und auch im Top-Emissionsland China lauern noch immense Vorkommen.

„Wir müssen die Finger von der Kohle lassen, unsere Regierungen müssen ernst machen mit dem Klimawandel, glaubwürdig agieren gegenüber den Schwellenländern in Asien und auf dem Pariser Klimagipfel klare Ziele formulieren“, fordert Unmüßig. Ein zustätzlich notwendiger Schritt: Europas Staaten und deren Förderbanken dürften keinen Cent mehr für Kohlekraftwerke ausgeben. „Die EU-weit knapp zehn Milliarden Euro wären bei der Förderung von erneuerbaren Energien besser aufgehoben“, sagt Unmüßig. Das wäre ein positives Signal – und genau so ein Signal bräuchte es in diesem so entscheidenden Gipfeljahr.

Weitere Informationen

Heinricht-Böll-Stiftung / BUND: Kohleatlas 2015 (2. Juni 2015)

EURACTIV.de: Kohleindustrie in der EU auf dem Rückzug

EURACTIV.de: Gabriel lenkt bei umstrittener Kohle-Abgabe ein