Kardiologen fordern niedrigere Grenzwerte für „böses Cholesterin“

Vortrag beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie in London. [Henriette Jacobsen]

This article is part of our special report Herz-Kreislauf-Gesundheit.

SPECIAL REPORT / Je niedriger desto besser: Beim Low-Density-Liptoprotein-Cholesterin (LDL), auch als „böses“ Cholesterin bekannt, braucht es neue, niedrigere Grenzwerte, wie Herz-Kreislauf-Forscher erklären. Neue Medikamente sollen das ermöglichen.

Beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) forderten Forscher in der vergangenen Woche eine Senkung des offiziell empfohlenen Schwellenwerts für böses Cholesterin. Neue Medikamente würden es ermöglichen, unter die derzeit anerkannte Grenze zu gehen. Das war eine der Hauptbotschaften beim ESC-Kongress.

Die Europäische Atherosklerosegesellschaft (EAS) und der ESC sprachen 2011 Empfehlungen für Patienten mit einem sehr hohen Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aus. Sie sollten ihre LDL-Werte unter 70 Milligramm pro Deziliter (mg/dl) halten.

Für Patienten mit einem hohen Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen liegt dieses Ziel bei unter 100 mg/dl. Ärzten wird geraten, die LDL-Werte zumindest zu halbieren, sollte dieses Ziel nicht erreicht werden können.

Doch 2013 präsentierten das American College of Cardiology (ACC) und die American Heart Association (AHA) neue Leitlinien. Sie strichen konkrete Zielwerte für LDL-Cholesterin.

Forscher, die am ESC-Kongress in London teilnahmen, wollen diese Ziele aber wiedereinsetzen. Spezielle LDL-Ziele für Hochrisikopatienten werden demnach nicht nur gebraucht, sie müssten auch niedriger liegen als die derzeitigen Ziele.

Sie seien komplett anderer Meinung als die Leitlinien der ACC und AHA, die keine expliziten LDL-Ziele aufweisen, sagten John Kastelein, Medizinprofessor der Universität Amsterdam und Kausik Ray, Professor für die Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Trotz der der Empfehlungen der EAS und des ESC würde er Ärzten immer raten, die LDL-Werte so niedrig wie möglich zu bekommen, sagte Ray. „Das ist zum Besten für den Patienten“, erklärte er beim ESC-Kongress.

Ziel verfehlt

Hochrisikopatienten, die LDL-Cholesterinsenker – auch als Statine bekannt – erhalten, würden in mehr als einem Drittel der Fälle ihre Ziele nicht erreichen, so Kastelein. Bei Patienten mit Familiärer Hypercholesterinämie (FH) liegt der Anteil noch höher. FH ist eine genetisch bedingte Störung, die durch hohe Cholesterinwerte gekennzeichnet ist. Sie wird von Generation zu Generation übertragen.

Ursprünglich glaubte man, dass einer von 500 Menschen FH hat. Forscher gehen jetzt aber von einer weitaus größeren Verbreitung aus: einer von 250 Menschen soll nach derzeitigem Stand an FH leiden. Damit ist sie weltweit eine der verbreitetsten erblichen Krankheiten.

Kastelein führte zwei Gründe dafür an, warum Patienten ihre Cholesterinziele nicht erreichen können. Zunächst sind Statine nicht immer so leistungsstark, um die LDL-Werte auf das gewünschte Niveau zu senken.

Außerdem vertragen nicht alle Patienten Statine. „Vor 20 Jahren war die Hauptursache für Überweisungen in meine Klinik sehr hohes LDL-Cholesterin. Jetzt ist die Statin-Unverträglichkeit eine der Hauptgründe für eine Überweisung“, so Kastelein.

Maßgeschneiderte Behandlung

Neue Medikamente könnten das Problem angehen und die LDL-Werte für Patienten mit Statin-Intoleranz drastisch senken. Im Februar bekam Praluent, ein neuer leistungsstarker Cholesterinsenker von Sanofi und Reneron, grünes Licht für die Marktzulassung in Europa – zwei Monate nach dem Konkurrenzprodukt Repatha von Amgen.

Die neuen Medikamente müssen laut Ray aber mit Vorsicht behandelt werden. Die Ärzte müssten unterschiedliche Dosierungen für die individuellen Patienten erwägen.

„Maßgeschneiderte Behandlungen für unterschiedliche Ausgangspunkte beim LDL-Cholesterinspiegel sollten der Ausweg sein“, sagte Ray. „Für eine Einzelperson denke ich, müssen wir uns einen Weg einfallen lassen, das absolute Risiko zu integrieren und dann die absolute Risikominderung zu bestimmen, wenn man Ziele für eine bestimmte Einzelperson setzt“, meinte Ray.

Auch Robert Eckel, Medizinprofessor an der Universität Colorado, forderte den Einsatz neuer Medikamente. Einige senken den „bösen“ Cholesterinspiegel um bis zu 70 Prozent.

Eckel sagte: „Sie scheinen relevant zu sein, wenn eine zusätzliche Senkung des Cholesterins zum Beispiel für FH benötigt wird, für Hochrisikopatienten und für Menschen, die statinintolerant sind.“

Hintergrund

Der Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) ist die größte und wichtigste Veranstaltung im Forschungsbereich Kardiologie. Dabei werden die neuesten Entwicklungen in der Forschung präsentiert und diskutiert.

Der diesjährige Kongress in London befasste sich mit der Verbesserung der Patientenversorgung. Die Forscher gaben erhebliche Fortschritte bei der Prävention, Diagnose und der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bekannt.

Mehr als 500 Tagungen und über 4.600 abstrakte Präsentationen wurden dabei abgehalten.

Zeitstrahl

  • 29. September: EURACTIV Institute-Stakeholderdebatte im Europaparlament: "Cholesterol at the heart of the family."