Kardiologen fordern neue Vorgehensweisen bei kardiovaskulärer Prävention

Mary Kerins.

Mary Kerins spricht beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in London. [Henriette Jacobsen] [-]

This article is part of our special report Herz-Kreislauf-Gesundheit.

SPECIAL REPORT / Bei der Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen raten Europas führende Kardiologen zu unkonventionellen Methoden: Die politischen Entscheider sollten bei der kardiovaskulären Vorbeugung auch über E-Zigaretten und personalisierte Medikamente nachdenken.

Die Präventionsbemühungen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HKL-Erkrankungen) sind oft auf öffentliche Gesundheitskampagnen beschränkt, die sich auf Sport, gesunde Ernährung, weniger Alkohol oder Rauchen konzentrieren.

In Zeiten zunehmender Fettleibigkeit, ungesunder Lebensweisen und des demographischen Wandels gilt die Prävention als kostengünstigster Weg, die wirtschaftliche Belastung durch HKL-Erkrankungen auf Gesundheitssysteme zu reduzieren.

Doch bei der Prävention geht es führenden europäischen Kardiologen zufolge auch darum, Alternativen für Raucher zu finden, kardiovaskuläre Risiken durch personalisierte Medizin zu minimieren und ein besseres Training für Gesundheitsdienstleister anzubieten.

Beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in der vergangenen Woche in London zeigten Experten drei Beispiele als Denkanstoß für die politischen Entscheider für eine andere Art der Prävention.

E-Zigaretten

Bei der Prävention spielt Tabak eine wichtige Rolle. Nach erhöhtem Blutdruck ist Rauchen die zweithäufigste Ursache für HKL-Erkrankungen, so der Weltherzverband. Demnach verursacht das Rauchen beinahe zehn Prozent der Herzkrankheiten weltweit.

Obwohl Rauchverbote sehr zu einer Senkung der Sterberate beigetragen hätten, sollten die politischen Entscheider jetzt auch die Option E-Zigaretten prüfen, sagte Peter Hajek, Professor für klinische Psychologie und Leiter der Abteilung Forschung, Gesundheit und Lebensweise beim Wolfson Institute of Preventive Medicine.

Hajek prüfte die neuesten Studien zu E-Zigaretten. Er stellt die seiner Meinung zu negative Haltung der politischen Entscheider gegenüber E-Zigaretten in Frage. E-Zigaretten seien schädlich, allerdings weitaus weniger als das traditionelle Rauchen, so Hajek. Und im Gegensatz zum weit verbreiteten Glauben gebe es auch klare Belege dafür, dass E-Zigaretten junge Leute nicht zum Rauchen verführt, behauptete er.

„Es gibt keinen Zweifel daran, dass Raucher, die zu E-Zigaretten wechseln, die Risiken dramatisch senken. Am besten sollten sie natürlich mit dem Rauchen aufhören, aber für viele ist das nicht wirklich eine Option“, sagte Hajek beim ESC-Kongress in London.

E-Zigaretten enthalten Kartuschen, die mit Flüssigkeit gefüllt sind. Diese enthalten Nikotin in höheren oder niedrigeren Konzentrationen. Das Gerät erhitzt die Flüssigkeit und das Nikotin wird beim Ziehen vernebelt: Es wird kein Tabak verbrannt und es entsteht kein giftiger Rauch.

Hajek kritisierte die Kommission für ihr Vorgehen bei Snus, einem rauchlosen Tabakprodukt. Der Verkauf ist in der gesamten EU verboten – außer in Schweden. Dort wird das Produkt traditionell verwendet. Es sei zwar gesundheitsschädlich, werde aber für weitaus weniger schädlich gehalten als Rauchen, behauptete er.

„Schweden ist bei [den Todesfällen] durch Rauchen ganz unten“, sagte Hajek, unter Bezugnahme auf die Tabakstatistiken des Landes. „Man kann sich des Gedanken nicht erwehren, dass alle Länder dort wären, wo Schweden ist, hätte die EU Snus nicht verboten. Viele Lungenkrebserkrankungen hätten vermieden werden können. Das war ein sehr ernsthafter Fehler bei der Regulierung der öffentlichen Gesundheit“, so Hajek. Er befürchte, etwas Ähnliches werde nun auch mit den E-Zigaretten passieren.

Auf EU-Ebene haben die politische Entscheider kürzlich darüber diskutiert, ob die E-Zigaretten verboten werden sollten, um junge Menschen vom Rauchen abzuhalten. Nach jahrelangen Verhandlungen entschieden die EU-Behörden: E-Zigaretten, die eine gewisse Nikotingrenze überschreiten, müssen nach der Tabakprodukt-Richtlinie denselben Regulierungen wie Medizinprodukte unterliegen. Die Richtlinie trat im April 2014 in Kraft. Die Mitgliedsstaaten haben bis Mai 2016 Zeit, ihre Gesetzgebung anzupassen.

Personalisierte Medizin

Beim ESC-Kongress wurde auch die personalisierte Medizin als Teil der Präventionsarbeit vorgestellt – ein maßgeschneiderter Ansatz für die individuellen Patienten. Medikamente für alle könnten weniger wirksam sein und manchmal das Wohlbefinden Einzelner übersehen, sagte Mary Kerins, Managerin im Bereich Herzrehabilitation im Krankenhaus St. James in Dublin.

Personalisierte Medikamente böten Kerins zufolge „zeitgemäße, genaue, personalisierte Eingriffe und Behandlungen“. Die Medikamente würden den individuellen Bedürfnissen der Patienten entsprechend dosiert. Sie ermutigte die Gesundheitsdienstleister dazu, das als wirksamen Ansatz für die Prävention und Gesundheitsversorgung zu erwägen. Sie könnten sehr wirksam bei der Risikominderung für ein kardiovaskuläres Ereignis sein.

Die personalisierte Medizin beteiligt die Patienten viel mehr an der klinischen Forschung, zum Beispiel an der Stammzellentherapie. Nach Angaben von Kerins können die Forscher viel von einer engeren Zusammenarbeit mit Patienten lernen. Diese können die Eingriffe im Gegenzug für ihre individuellen Prioritäten beeinflussen.

Bei der Prävention von HKL-Erkrankungen könnten laut Kerins „Bevölkerungs-Screenings“ ein notwendiges Instrument sein, kombiniert mit personalisierten Medikamenten. Doch sie sieht auch große Probleme, die die Forschung im Bereich der personalisierten Medizin zurückhalten: Eine uneinheitliche Gesetzgebung in Europa, genau wie zu strenge Datenschutzregeln.

Die Rolle der Krankenpfleger

Der ESC-Kongress befasste sich auch mit der Schulung des medizinischen Personals, einem oft übersehenen Aspekt bei der Prävention von HKL-Erkrankungen.

Krankenpfleger stehen bei der Prävention an vorderster Front. Sie könnten bei der Reduzierung von HKL-Erkrankungen eine entscheidende Rolle spielen, sagte Barbara Fletcher von Global Cardiovascular Nursing Leadership (GCNL), einem Berufsverband.

Intern befasse sich die GCNL seit 2011 mit kardiovaskulärer Prävention, so Fletcher. Die Krankenpfleger werden bei kardiovaskulärer Prävention auf dem neuesten Stand gehalten, um die Lebenserwartung sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsländern zu erhöhen.

„Seit vier Jahrzehnten behandeln Krankenpfleger Patienten mit Risiko für HKL-Erkrankungen wegen Rauchen, Fettleibigkeit, Diabetes und Bewegungsmangel. Das ist nichts Neues für uns. Wir haben Erfahrung damit. Wir haben gezeigt, dass wir in der Lage sind, kardiovaskuläre Risikofaktoren zu verringern“, so Fletcher.

Durch die verschiedenen Ausbildungssysteme und die unterschiedlichen Technologien, die es weltweit gibt, wird die Organisation eng mit den Krankenpflegern zusammenarbeiten, damit sie ihre wichtige Rolle bei der Prävention behalten können.

Fletcher sagte, das Ziel sei die Erreichung der Vorgabe der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Todesfälle und Behinderungen durch HKL-Erkrankungen bis 2025 um 25 Prozent zu reduzieren.

Hintergrund

Der Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) ist die größte und wichtigste Veranstaltung im Forschungsbereich Kardiologie. Dabei werden die neuesten Entwicklungen in der Forschung präsentiert und diskutiert.

Der diesjährige Kongress in London befasste sich mit der Verbesserung der Patientenversorgung. Die Forscher gaben erhebliche Fortschritte bei der Prävention, Diagnose und der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bekannt.

Zeitstrahl

  • 29. September: EURACTIV Institut Stakeholderdebatte im Europaparlament: “Cholesterol at the heart of the family.”
  • Mai 2016: Frist für die Umsetzung der neuen Regeln für E-Zigaretten durch die Mitgliedsstaaten.