Interessenkonflikte: Vertrauen in Lebensmittel-Behörde EFSA sinkt

Die EFSA will ihre Regelungen zu Interessenskonflikten reformieren. [Likoper/Shutterstock]

Fast die Hälfte der Experten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) haben finanzielle Interessenkonflikte. Das stellt die Gültigkeit ihrer Arbeit in der Behörde in Frage, meint die NGO Corporate Europe Observatory (CEO) in einem Report. Ein Bericht von EURACTIV France.

„46 Prozent der [EFSA] Ausschussmitglieder haben mindestens einen finanziellen Interessenkonflikt mit Firmen, die sie regulieren sollen“, schreibt CEO in dem am Mittwoch vorgestellten Bericht. Aufgabe der EFSA ist es, die potentiellen Risiken innerhalb der europäischen Lebensmittelketten zu beurteilen und unabhängige wissenschaftliche Empfehlungen auszusprechen.

Lebensmittelsicherheit vernachlässigt?

Doch die tatsächlich Unabhängigkeit der Wissenschaftler sei zweifelhaft, behauptet CEO. Die Studie mit dem Titel „Recruitment errors“ (in etwa: Fehler beim Einstellungsverfahren), wird mit einer Frage des Epidemiologen David Michaels eingeleitet: „Wenn es gefährlich ist, sich bei der Interpretation von Daten auf Wissenschaftler mit finanziellen Interessenskonflikten zu verlassen, warum sollte man dann genau diesen Wissenschaftlerm erlauben, Empfehlungen für Regulierungsbehörden auszusprechen?“

Seit vier Jahren fordert das Europäische Parlament immer wieder, die EFSA müsse sicherstellen, dass sie unabhängig von der Lebensmittelindustrie bleibt. In einer Studie von CEO im Jahr 2013 hieß es, 60 Prozent der EFSA-Experten hätten Verbindungen zu den Firmen, deren Produkte die Behörde überprüft. Trotz der Forderungen des Parlaments und einer Reihe von Skandalen hat sich die Situation in den vergangenen vier Jahren kaum verbessert.

Die EFSA wies die Schlussfolgerungen der CEO-Studie zurück. Eine Sprecherin der Agentur sagte, die Zahlen der NGO seien „irreführend“ und basierten „auf einer speziellen Interpretation, der die EFSA nicht zustimmen kann.“ Sie fügte hinzu: „Wir möchten klarstellen, dass die finanziellen Interessen aller Experten, die in EFSA-Ausschüssen sitzen, genauestens entsprechend der strikten Unabhängigkeits-Regeln der Behörde geprüft werden.“ Wenn sich Untersuchungen der EFSA und finanzielle Interessen einzelner Wissenschaftler überschneiden, dürften diese Experten „keine Ausschussmitglieder werden, solange sie sich dieser Interessen nicht entledigen.“

In einer Pressemitteilung kündigte die Behörde an, man werde die Empfehlungen der CEO dennoch beim nächsten Treffen des Verwaltungsrats am 21. Juni besprechen. Bei diesem Treffen will die EFSA ohnehin eine neue Unabhängigkeits-Strategie verabschieden. Der CEO-Bericht nannte den bisherigen Entwurf aber bereits „nicht ausreichend.“

Die EFSA und das Glyphosat

Die EFSA, die europäische Lebensmittel-Agentur, steht aufgrund ihrer Bewertung von Glyphosat in der Kritik.

Symbolfall Glyphosat

Die neueste Kontroverse um eine EFSA-Empfehlung war die Erneuerung der Glyphosat-Zulassung. Während das Pflanzenschtzmittel von der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) als potentiell krebserregend und möglicher endokriner Disruptor eingeschätzt worden war, hält die EFSA es für sicher.

Für diese Einschätzung erntete sie heftige Kritik von Umwelt- und Verbraucherschutzorganisationen. Diese fordern, die Studien, die die EFSA zur Entscheidungsfindung verwendete, müssten der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden. Bisher ist es den Glyphosatproduzenten aber gelungen, ihre Daten aus der Öffentlichkeit zu halten. Sie argumentieren, eine Veröffentlichung verletze ihr Recht auf Handelsgeheimnisse.

Glyphosat-Kritiker fordern im Gegenzug, Gesetzgebung, die die öffentliche Gesundheit betrifft, könne nicht auf geheimen Studien basieren, die von den Produzenten der Pflanzenschutzmittel selbst finanziert wurden. Mit dieser Meinung stehen sie nicht alleine da: eine Europäische Bürgerinitiative gegen die Glyphosat-Zulassung hat inzwischen die Marke von einer Million Unterschriften überschritten. Die Kommission muss sich somit mit dem Thema befassen.

Auch im Europäischen Parlament gibt es weiterhin Widerstand. Ende Mai wurde eine parlamentarische Anfrage zum Thema Glyphosat gestellt, in der die Antragsteller die „Glaubwürdigkeit von einigen von Monsanto geförderten Studien“ anzweifeln. Darüber hinaus haben vier grüne MEPs ein Rechtsverfahren gegen die Weigerung der EFSA, die benutzten Studien und Dokumente öffentlich zugänglich zu machen, angestrengt. Die Parlamentarier erklärten, sie wollten nicht nur Zugang zu den Dokumenten erreichen, sondern dadurch auch die Transparenz sowie die Arbeitsweise der Behörde für Lebensmittelsicherheit verbessern.

Glyphosat: Parlamentarierer wollen EU-Behörde vor Gericht reformieren

Grüne MEPs haben eine Beschwerde gegen die EFSA wegen mangelnder Transparenz in ihrer Glyphosat-Bewertung eingereicht. Dadurch sollen Änderungen in den Regularien der Behörde erreicht werden.