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29/07/2016

“In Europa toppt das nur Griechenland” – Deutsche geben überdurchschnittlich viel für Arzneimittel aus

Gesundheit und Verbraucherschutz

“In Europa toppt das nur Griechenland” – Deutsche geben überdurchschnittlich viel für Arzneimittel aus

Die Arzneimittelausgaben in Deutschland sind höher als in den meisten anderen europäischen Staaten.

[oliver.dodd/Flickr]

Die Ausgaben für Arzneimittel in Deutschland sind der OECD zufolge höher als in fast jedem anderen europäischen Land. Teilweise lässt sich das mit einem hohen Konsumniveau erkla?ren: Bei einigen Medikamenten sind die Deutschen im Verbrauch Spitzenreiter.

2013 lagen die Arzneimittelausgaben in Deutschland kaufkraftbereinigt bei 678 US-Dollar pro Einwohner und damit 30 Prozent über dem OECD-Durchschnitt. Dies geht aus der jüngsten Ausgabe des OECD-Berichts “Gesundheit auf einen Blick” hervor. “In Europa toppt das nur Griechenland”, heißt es dort.

Im vergangenen Jahr stiegen die Ausgaben in Deutschland nach einer Phase der Stagnation (2009-2013) sogar um etwa sieben Prozent. Zum Vergleich: Die allgemeinen Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben wuchsen von 2009 bis 2013 im Schnitt und inflationsbereinigt um zwei Prozent jährlich, 2014 nach vorläufigen Schätzungen um 2,5 Prozent.

Dass die Arzneimittelkosten so stark nach oben gegangen sind, begründet sich zum Teil mit erhöhten Ausgaben für sehr teure Medikamente, etwa Hepatitis C-Präparate. Außerdem ist der Rabatt, den Hersteller Krankenkassen für patentgeschützte Arzneimittel gewähren müssen, mit Beginn des Jahres 2014 gesunken.

Hinzu kommt: Die Deutschen nehmen verhältnismäßig viele Medikamente ein. Ihr Verbrauch von blutdrucksenkenden Mitteln zum Beispiel ist höher als in allen anderen OECD-Ländern. Er liegt sogar beim Dreifachen der in Österreich konsumierten Menge. Auch Antidiabetika werden in Deutschland wesentlich häufiger verschrieben als im OECD-Schnitt. Zwischen 2000 und 2013 hat sich der Verbrauch fast verdoppelt. Die Zunahme von Diabetes hängt auch mit der Alterung der Gesellschaft und der verstärkten Verbreitung von Übergewicht und Fettleibigkeit zusammen.

Noch stärker gewachsen ist der Verbrauch von Antidepressiva: Hier liegt Deutschland zwar mit 53 Tagesdosen für tausend Einwohner noch etwas unter dem Schnitt der Industrieländer (58 Tagesdosen). Im Jahr 2000 kam das Land aber erst auf 21 Tagesdosen. In der gleichen Zeit verzeichnen nationale Behörden auch mehr Krankheitstage durch Depressionen. Es ist allerdings nicht abschließend geklärt, ob psychische Erkrankungen heute häufiger diagnostiziert werden, weil sie weiter verbreitet sind als noch vor ein paar Jahren oder ob die gestiegene gesellschaftliche Akzeptanz es leichter macht, über die Krankheiten zu sprechen.

Nirgendwo sonst stehen Arzneimittel so schnell zur Verfügung

Bereits im Juni dieses Jahres war eine Studie zum Ergebnis gekommen, dass Deutschland im europäischen Vergleich überdurchschnittlich hohe Arzneimittelausgaben hat. Dafür stünden allerdings neue Arzneien nirgendwo sonst “so schnell und umfassend” für die Behandlung von Krankheiten zur Verfügung wie hierzulande.

Im Auftrag des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) hatte Reinhard Busse von der TU-Berlin die Arzneimittelversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland sowie in 15 anderen europa?ischen Gesundheitssystemen einem systematischen Vergleich unterzogen. Busse kam zum Schluss, dass nirgendwo sonst neue Arzneimittel so schnell und umfassend fu?r die Behandlung von Krankheiten o?ffentlich erstattet zur Verfu?gung stehen wie in Deutschland. “Bezahlt wird dies mit im europa?ischen Vergleich hohen Arzneimittelausgaben, wozu aber auch das weiterhin u?berdurchschnittliche Preisniveau in Deutschland beitra?gt”, erklärte Busse.

Deutschland versucht Anwendung von Generika zu fördern

Um die Arzneimittelkosten im Zaum zu halten, hat Deutschland eine Reihe von Maßnahmen ergriffen. Nicht zuletzt versucht es, die Verwendung von günstigeren Generika zu fördern. Im Jahr 2000 waren 47 Prozent der im Land verschriebenen Medikamente Generika, 2013 waren es bereits 80 Prozent. In der OECD liegt der Anteil bei 48 Prozent. Insgesamt beliefen sich die Arzneimittelausgaben in den OECD-Ländern 2013 auf 800 Milliarden US-Dollar. Zählt man den Medikamentenverbrauch in Krankenhäusern dazu, dann entspricht dies etwa 20 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben.

Hintergrund

In der Mehrzahl der Staaten der Europäischen Union entstehen Arzneimittelpreise durch eine gesetzliche Preisbindung. Deutschland zählte bis 2012 zu den drei Ländern, in denen es keine Preisregulierung für Arzneimittel gibt.

Mit dem Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) gilt für Deutschland seit 2012 eine neue Preisfindungsregel für neue Arzneimittel. Danach verhandelt der GKV-Spitzenverband mit den Arzneimittelherstellern über Rabatte auf den Listenpreis neuer Medikamente, den das Unternehmen zuvor selbst festgelegt hat. In den zwölf Monaten vor den Verhandlungen gilt der vom Hersteller festgelegte Preis.

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