Hormonähnliche Substanzen: Mehr Sicherheit für Verbraucher nötig

Pflanzenschutzmittel werden oft von Hubschraubern ausgebracht. Foto: dpa

Hormonwirksame Stoffe stehen im Verdacht, unfruchtbar zu machen oder Krebs zu verursachen. Dennoch finden sie sich in Pflanzenschutzmitteln und alltäglichen Produkten wie Lebensmittelverpackungen und Kosmetika. Die EU diskutiert derzeit eine einheitliche Regelung – ein schwieriger Balanceakt zwischen Verbraucherängsten und Wirtschaftsinteressen.

Sie werden in Pestiziden und Nahrungsmittelverpackungen verwendet, kommen als UV-Filter in Sonnencremes oder als Konservierungsstoffe in Hautcremes vor. Auch Antibiotika, Verhütungsmittel, Reinigungsmittel und mittlerweile verbotene Schiffsanstriche können Quelle von endokrinen Disruptoren sein. Doch diese Stoffe stehen zunehmend in der öffentlichen Kritik.

Es besteht der Verdacht, dass sie die die Zeugungsfähigkeit von Männern sowie die Entwicklung von Kindern im Mutterleib oder in der Pubertät beeinträchtigen und eine Zunahme von Tumoren in Organen fördern, die hormonell reguliert werden. Dazu zählen zum Beispiel Brust- und Prostatakrebs.

Ein EU-Forschungsprojekt wies 2006 außerdem nach, dass endokrine Disruptoren auch außerhalb der Fortpflanzungsorgane wirken, etwa in Gehirn, Leber, Knochen, Fettgewebe und Schilddrüse. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte darum in einem Bericht von 2012, endokrine Disruptoren seien eine globale Bedrohung. Die Organisation beobachtet seit einigen Jahrzehnten, dass gesundheitliche Beschwerden zunehmen, die mit dem Hormonsystem zusammenhängen.

Noch immer keine einheitlichen Regeln in der EU

Die EU regelte darum in den vergangenen Jahren zahlreiche bedenkliche hormonaktive Substanzen. Für Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in und auf Lebensmitteln sind mittlerweile Höchstgehalte festgelegt, die nicht überschritten werden dürfen und bei deren Einhaltung keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen von Verbrauchern zu erwarten sind. Auch Blei in Normalbenzin wurde schon 1988 komplett verboten. Die bisherigen Regulierungen aber bedeuten noch lange keine Beruhigung für die Verbraucher – aus verschiedenen Gründen.

So gilt seit 2007 in der EU zwar die Chemikalien-Verordnung REACH. Sie umfasst aber längst nicht alle Stoffe: Pflanzenschutzmittel, Kosmetika und die Wasserqualität etwa werden innerhalb der EU noch immer nach unterschiedlichen Kriterien beurteilt. Die EU-Kommission plant darum, ein EU-weit einheitliches Regelwerk zur Identifizierung von endokrinen Disruptoren vorzulegen. Vorliegen sollte es schon Ende 2013, doch der Dissens war zu groß.

Industrie versus Verbraucherschützer

An einem Pol der Diskussion befindet sich die Industrie: „Der wirtschaftliche Schaden darf durch die Regulierung bedenklicher Substanzen nicht zu groß werden“, sagt Gerd Romanowski vom Verband der Chemischen Industrie. Er fordert, für endokrine Disruptoren, deren Schwellenwerte festlegbar sind, sollte die Verwendung unter dem Grenzwert erlaubt sein.

Kritiker dieser Position werfen hingegen ein, die Schädlichkeit bestimmter Substanzen könnten sich erst wesentlich später zeigen, auch in der Nachkommenschaft.

Karl Ernst von Mühlendahl, Kinderarzt und Geschäftsführer der gemeinnützigen Kinderumwelt, warnt darum, es dürfe nicht gewartet werden, bis durch Krankheiten und Veränderungen im Genom die Schädlichkeit eines Stoffes eindeutig nachgewiesen ist. „Besonders der vorgeburtliche Einfluss von Chemikalien ist besorgniserregend“, sagt Mühlendahl. „Neue Forschungen zeigen, dass endokrine Disruptoren auch in sehr geringen Dosierungen schädlich sein können.“ Über die Vorgänge vor der Geburt aber werde die Wissenschaft in den kommenden Jahren noch keine sicheren Daten liefern können.

Noch viel Forschungsbedarf

Auch andere Forscher weisen darauf hin, die eindeutige Zuordnung von Ursache und Wirkung endokriner Disruptoren sei nach wie vor schwierig, weil ein ganzer Cocktail von Substanzen aus Lebensmitteln und der Umwelt auf den Organismus einwirkt. So warnt Bernd Schäfer vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), die Wissenschaft kenne weder alle Einzelsubstanzen, noch ließen sich die Wechselwirkungen der Verbindungen untereinander abschließend beurteilen.

„Viele glauben, alle Produkte auf dem Markt seien geprüft, doch das stimmt nicht“, sagt Schäfer. Es gebe viele Produkte, für die keine Melde- oder Zulassungspflicht besteht. Für sie sei eine Prüfung auf gesundheitliche Unbedenklichkeit durch Behörden nicht erforderlich. Daher würden den Behörden in der Regel auch keine Informationen über die zur Herstellung solcher Produkte eingesetzten Chemikalien oder Daten aus einschlägigen Untersuchungen zum Gehalt oder zur Freisetzung von möglicherweise gesundheitsgefährlichen Substanzen vorliegen.

„Produkte müssen sicher sein, aber eine Zulassung oder eine Prüfung auf gesundheitliche Unbedenklichkeit durch Behörden ist in manchen Bereichen nicht erforderlich“, sagt Schäfer. Jedoch gelte auch hier, dass Produkte bei bestimmungsgemäßer oder vorhersehbarer Verwendung die Gesundheit nicht gefährden dürfen. Hierfür trage allerdings der Hersteller oder Inverkehrbringer die Verantwortung.

Politik sollte sich nach Mehrheit der Forscher richten

EU und nationale Politiker sind in der laufenden Debatte mit sehr unterschiedlichen Forderungen konfrontiert, die vom generellen Verbot bis hin zu einer sehr zurückhaltenden Regulierung reichen. „Die Politik sollte sich nach der Mehrheitsmeinung der Wissenschaft richten“, rät etwa Anja Weisgerber von der CSU, die seit 2013 dem Bundestagsausschuss für Umwelt und Naturschutz angehört.

Besonders in Bezug auf Pflanzenschutzmittel gibt es Weisgerber zufolge jedoch ein Spannungsfeld zwischen der Frage, wie die Verbraucher ausreichend mit bezahlbaren Nahrungsmitteln versorgt werden können und gleichzeitig ihre Gesundheit geschützt werden kann. Selbst die Verbraucher hätten diesbezüglich unterschiedliche Forderungen und Bedürfnisse. „Es gibt jene, die völlig gegen die Nutzung risikoreicher Substanzen sind. Aber viele wollen andererseits möglichst wenig importierte Produkte, moderate Preise und Lebensmittel, die frei von Schädlingsbefall sind.“

Auch Alternativen bergen Risiken

Letztlich müssten Weisgerber zufolge die Interessen von Industrie und Landwirtschaft ebenso berücksichtigt werden, wie die Gesundheit der Verbraucher. „Dennoch muss klar sein, dass die Politik bei der Zulassung von endokrin wirkenden Stoffen die Dosis und Wirkweise berücksichtigen sollte.“ Bei der Regulierung von hormonaktiven Substanzen müsse darum erst einmal entschieden werden, welche Stoffe komplett verboten werden sollten, weil sie schon in geringen Mengen schädlich sind.

Ein großes Problem bliebe jedoch bestehen – selbst wenn mehr Stoffe verboten oder strenger reguliert würden: Für die verbotenen Substanzen müssten Alternativen gefunden werden. Ersatzstoffe aber, warnt der Umweltsoziologe Ortwin Renn von der Universität Stuttgart, könnten sich unter Umständen später als noch schädlicher erweisen – zumindest wenn sie noch nicht hinreichend geprüft wurden. „Darum“, sagt Renn, „brauchen wir mehr staatliche Forscher, statt wie in den vergangenen Jahren die Gelder für die Toxikologie, Epidemiologie und Public Health weiter zurückzufahren.“