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04/12/2016

Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Experten fordern Fokus auf Gene bei Patientenbehandlung

Gesundheit und Verbraucherschutz

Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Experten fordern Fokus auf Gene bei Patientenbehandlung

Zahi Fayad während seines Vortrags bei der EAS-Konferenz in Glasgow. Foto: Henriette Jacobsen

Heutige Medikamente können so präzise sein, dass Ärzte eine Krankheit zum richtigen Zeitpunkt bestimmen können, sagen Experten. So könne man die Therapie auf den einzelnen Patienten zuschneiden. EurActiv Brüssel berichtet aus Glasgow.

Bei der Konferenz der Europäischen Atherosklerose-Gesellschaft (EAS) wollen sich die Gesundheitsexperten in dieser Woche in Glasgow auf die genetischen Ursachen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen konzentrieren.

Seit Jahrzehnten haben Politiker die Veränderung einer ungesunden Lebensweise auf dem Schirm, um die rasante Ausbreitung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfällen und Diabetes umzukehren.

Doch es kann immer noch mehr zur Verbesserung von Forschung und Innovation getan werden. Letztendlich werden so auch die Medikamente für die Patienten verbessert. Das gilt besonders für Patienten, die unter erhöhten Cholesterinwerten leiden.

Man müsse versuchen, die richtige Therapie zur richtigen Zeit auf den Patienten zuzuschneiden, betonte Zahi Fayad, Professor für Radiologie und Medizin an der Icahn School of Medicine in New York am Montag bei der EAS-Konferenz.

„Eine neue Studie empfiehlt die Notwendigkeit, über die Erkrankung der Gefäßwand nachzudenken, nicht auf das Alter des Patienten bezogen, sondern auf die Erkrankung, die sie haben. Sie sollte der Altersuhr ihrer Gefäße entsprechen“, sagte Fayad.

„Man muss das endgültige Alter oder das Ausmaß der Krankheit bestimmen, um den Eingriff vorzunehmen und die unterschiedlichen, vorhandenen Therapiearten einzuleiten. Die Therapien sollten damit übereinstimmen. Die Intensität der Therapie muss zur Verringerung der Aggression der Krankheit ebenfalls bestimmt werden. Es wird natürlich wichtig sein, wie das auszuwerten und zu bestimmen ist“, so der Professor.

Viele Medizin-Experten hätten in der Vergangenheit Fragen zu diesem Ansatz gehabt, meinte Fayad. Heute habe man aber tatsächlich die Möglichkeit, dies in der Praxis durchzuführen.

„Die uns zur Verfügung stehenden Werkzeuge werden besser. Wir sind nicht nur in der Lage, die Erkrankung in (ihrem) Herzen und die Risikofaktoren zu definieren. Wir haben auch nicht-invasive Eingriffe. Wir haben Erkenntnisse über die Demographie und Verbreitung. Zusammen mit der Analyse des Bluts und der Zellen können wir eine exzellente Analyse erstellen“, so Fayad.

Fayad hob dabei die familiäre Hypercholesterinämie (FH) hervor. Diese Erkrankung ist durch hohe Werte „bösen“ Cholesterins (LDL) gekennzeichnet. Bei dieser bestimmten Patientengruppe könne man mehrere Instrumente nutzen, um die verschiedenen Stadien der Krankheit zu beurteilen.

FH betrifft einen von 200 bis einen von 500 Menschen weltweit. Menschen, bei denen FH nicht behandelt wird, haben der FH-Stiftung zufolge ein 20 Mal höheres Risiko, eine frühe Herzkrankheit auszubilden. Statine werden seit Jahren genutzt, um das LDL-Cholesterin zu senken. Sie sind jedoch nicht bei allen Patienten wirksam und können Nebenwirkungen haben.

Mäuse oder Nanotechnologie?

Bei der Krebsbehandlung hätten neue Therapien mit zielgerichtetem Vorgehen und der Einsatz von neuer Nanomedizin auch wertvolle Ergebnisse geliefert, so Fayad. Dabei gehe es zum Beispiel darum zu verhindern, dass die Medikamente die falschen Organe negativ beeinträchtigen.

Christine Mummery, Professorin und Vorsitzende des Bereichs Entwicklungsbiologie im Medizinzentrum der Universität Leiden stellte im Vergleich dazu den Nutzen von Mäusen bei der medizinischen Forschung dar. Medikamente seien mit Mäusen bis klinischen Phase-III-Studien gekommen. Allerdings seien 50 – 60 Prozent dieser Medikamente in den Phasen II oder III beim Menschen durchgefallen, so Mummery. 50 Prozent aller Medikamente hätten es aufgrund mangelnder Wirksamkeit nicht geschafft.

„Das ist ein ernsthaftes Problem und sehr teuer für die pharmazeutische Industrie, Medikamente vorzulegen. Es ist vielleicht an der Zeit, nach neuen Modellen zu schauen. Wenn wir uns das Herz einer Maus anschauen, schlägt es 500 Mal pro Minute und ein menschliches Herz 60 Mal. Vielleicht ist es gar nicht so verwunderlich, dass es keinen wirklich guten Vergleich gibt“, sagte sie.

Für einige Krankheiten hat die Verwendung von Mäusen laut Mummery in den vergangenen 30 Jahren keine signifikanten neuen Medikamente geliefert. Stattdessen könne die Erforschung von Stammzellen den Forschern einige neue Modelle geben. Man benötige aber einige Tausend Einzelpersonen, um eine Schlussfolgerung über eine bestimmte Krankheit ziehen zu können. 

Zeitstrahl

  • 22. März- 25. März: Konferenz der Europäischen Atherosklerose-Gesellschft (EAS) in Glasgow