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06/12/2016

Handelsverbände: Alkoholverkauf an Minderjährige muss ein Ende finden

Gesundheit und Verbraucherschutz

Handelsverbände: Alkoholverkauf an Minderjährige muss ein Ende finden

Ein gut gefülltes Alkoholregal im Supermarkt.

srgp

Für Minderjährige ist es in der EU noch immer viel zu leicht, Alkohol in Supermärkten zu kaufen, kritisieren lokale Handelsverbände und setzen sich nun vermehrt für verantwortungsbewussten Alkoholkonsum ein. EurActiv Brüssel berichtet.

Hotels, Kneipen und Restaurants brauchen Lizenzen, um Alkohol verkaufen zu dürfen, der Einzelhandel nicht. Letztes Jahr starteten mehrere Handelsverbände der EU-Mitgliedsländer Kampagnen, um den lizenzfreien Verkauf von Alkohol an Jugendliche in Supermärkten zu unterbinden. Dies sei umgänglich, wenn man Minderjährige vom Alkoholkonsum abhalten wolle, so die Verbände.

Die Kommission schätzt, dass der EU jedes Jahr Alkoholschäden in Höhe von 150 Milliarden Euro entstehen. Darüber hinaus sterben jährlich 120.000 Europäer an den Folgen von Alkoholmissbrauch, der mit 60 verschiedenen Krankheiten in Verbindung gebracht werden kann.

„Wir wissen, dass Minderjährige sowohl in der Gastronomie als auch im Einzelhandel manchmal an Alkohol herankommen. Daher ist es wichtig, dass wir in diesem Bereich ansetzen, um ihnen den Zugang zu verweigern“, betont Paul Skehan, Generaldirektor von SpiritsEurope, dem EU-weiten Verband der Spirituosen- und Likörindustrie.

In Polen müssen die Käufer von Alkohol mindestens 18 Jahre alt sein und dies mit ihrem Ausweis belegen können. Dennoch bestätigt eine Studie, dass 70 Prozent der Teenager nach eigenen Angaben „leicht oder relativ leicht“ an Alkohol kommen. Daher entschied sich der Verband der Vodkahersteller (ZP PPS), mit Supermarktketten wie Tesco oder Spar zusammenzuarbeiten. Gemeinsam setzen sie sich nun für verstärkte Ausweiskontrollen an den polnischen Kassen ein. „Natürlich sind wir uns bewusst, dann manche auch über ihre Eltern einfachen Zugang zu Alkohol haben. Ein viel zu großer Teil geht jedoch noch immer auf den Verkauf in Supermärkten zurück“, erklärte Iga Wasilewicz von ZP PPS bei einer Veranstaltung am gestrigen Dienstag in Brüssel. „Deswegen haben wir die Kampagne Here we check if you are an adult (Hier prüfen wir, ob du volljährig bist) ins Leben gerufen. Mit dieser Initiative setzen wir uns für Ausweiskontrollen ein. Dabei richten wir uns vor allem an drei Zielgruppen: Minderjährige, Einzelhändler und die Gesellschaft im Allgemeinen, also auch an Jene, die sehen, wie Alkohol illegal verkauft wird“, so Wasilewicz. 2015 habe man mit der Kampagne 6.000 Verkaufsstellen in Polen erreichen können.

Supermarktketten und Spätkäufe mit an Bord

In Frankreich hat Avec Modération, eine Gesellschaft für die Prävention alkoholbedingter Schäden, eine gemeinsame Initiative mit dem Verband der Spätverkaufsstellen gestartet. Dabei verteilten sie landesweit in fast 6.000 Einzelhandelsläden Broschüren, die über französische Alkoholgesetze informieren und Fachpersonal Hinweise für deren Einhaltung geben. Den Alkoholverkauf an Minderjährige zu unterbinden, ist ein wichtiger Schritt, um Jugendliche vom Trinken abzuhalten, bestätigt Alexis Capitant von Avec Modération.

Die Kampagne findet zu einem wichtigen Zeitpunkt statt. Denn am gestrigen Dienstag veröffentliche die Versicherungsgesellschaft Axa eine Studie mit erschütternden Ergebnissen: Fast ein Viertel der französischen Autofahrer geben zu, schon einmal unter Alkoholeinfluss gefahren – und das, obwohl die französische Regierung erst letztes Jahr verschärft gegen Trunkenheit am Steuer, insbesondere bei Minderjährigen, vorging. So senkte sie die gestattete Promillegrenze von 0,5 auf 0,2.

Auch in Rumänien wird nun gehandelt. Nachdem eine UNICEF-Studie gezeigt hatte, dass 20 Prozent der rumänischen Jugendlichen schon einmal betrunken waren, entschied sich das Forum for Responsible Drinking (RFRD, Forum für verantwortungsbewussten Alkoholkonsum), zu handeln. „Wir sind in den Einzelhandel gegangen, um diese Informationen weiterzugeben. Denn wir glauben, dass Jungendliche genau dort Alkohol ausgehändigt bekommen“, meint Stefania Harabagiu vom RFRD. Wenige Zeit später rief die Organisation mit Carrefour und anderen Supermarktketten eine Kampagne gegen den Alkoholverkauf an Minderjährige ins Leben, um mehr als 400 Verkaufsstellen zu erreichen. Die Initiative lief von November bis Dezember, also in der Zeit, in der die meisten Alkoholgelage stattfinden. 20 Prozent der Alkoholkäufer in diesem Zeitrahmen geben an, die Kampagne wahrgenommen zu haben.

Ein ähnlicher Erfolg ist im Nachbarland Bulgarien zu verzeichnen. Dort kam es zu einer gemeinsamen Initiative des Handelsverbandes APITSD mit den Supermarktketten Lidl und Kaufland unter dem Motto „Alkohol ist nichts für Minderjährige“. Über drei Monate hinweg verzeichnete man 8.000 Besucher pro Tag.

Im Dezember 2015 drängten die Mitgliedsstaaten die EU-Kommission, eine neue Strategie gegen alkoholbedingte Schäden vorzulegen. Eine solche ist Ende diesen Jahres zu erwarten – darin vermutlich Empfehlungen, wie Jungendliche von Alkoholkonsum und Trunkenheit am Steuer abgehalten werden können.

Zeitstrahl

  • Frühling 2016: Kommission veröffentlicht Bericht über Lebensmittelkennzeichnungen auf alkoholischen Getränken.
  • Frühling 2016: Hohes Gericht in Edinburgh entscheidet, ob die schottische Regierung einen Mindestpreis für Alkoholeinheiten einführen darf.
  • Ende 2016: Kommission veröffentlicht EU-Strategie gegen alkoholbedingte Schäden.