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24/08/2016

Flüchtlinge: Eingeschränkter Zugang zu Gesundheitssystem erhöht Kosten

Gesundheit und Verbraucherschutz

Flüchtlinge: Eingeschränkter Zugang zu Gesundheitssystem erhöht Kosten

Flüchtlinge haben bislang nur eingeschränkt Zugang zur deutschen Gesundheitsversorgung. Eine Studie zeigt nun, dass das Gesetz dahinter Zusatzkosten verursacht.

[PROSave the Children/Flickr]

Asylsuchende haben in Deutschland nur eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung – so will der Staat Kosten niedrig halten. Eine Studie zeigt nun jedoch: Die Gesundheitsausgaben sind wesentlich niedriger, wenn Flüchtlinge die Gesundheitsversorgung frei nutzen können.

Bei Schmerzen direkt zum Arzt gehen oder nach einem Unfall einen Krankenwagen rufen – das dürfen Asylbewerber in den meisten Bundesländern nicht selbsttätig tun. Stattdessen müssen sie zuvor eine Erlaubnis der zuständigen Behörden oder der Flüchtlingseinrichtung einholen. Ihr Zugang zu medizinischer Versorgung ist dadurch maßgeblich eingeschränkt.

Geregelt ist das seit 1993 im Asylbewerberleistungsgesetz. Ziel der Regelung soll es sein, die Gesundheitsausgaben niedrig zu halten sowie keine Anreize zur Asylsuche in Deutschland zu bieten. Ethisch umstritten war das Gesetz jedoch von Anfang an. Dass es auch wirtschaftlich keinen Sinn hat, belegt nun eine Studie von Wissenschaftlern vom Universitätsklinikum Heidelberg und der Universität Bielefeld, die im Fachblatt PLOS ONE erschienen ist.

In einer detaillierten Untersuchung der Gesundheitskosten für Flüchtlinge in Deutschland in den Jahren 1994 bis 2013 konnten die Forscher zeigen, dass die geltende Regelung sogar Zusatzkosten schafft. Demnach waren die jährlichen Pro-Kopf Ausgaben für medizinische Versorgung bei Asylsuchenden mit beschränktem Zugang zur medizinischen Versorgung in den letzten 20 Jahren rund 40 Prozent und damit 376 Euro höher, als bei Asylsuchenden, die bereits Anspruch auf die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung haben.

“Die Diskussion um die Gesundheitsversorgung von Asylbewerbern wurde bislang rein politisch geführt”, sagt der Forscher vom Universitätsklinikum Heidelberg, Kayvan Bozorgmehr. “Rationale, gesundheitswissenschaftliche Erkenntnisse und ethische Grundsätze müssen dringend stärker berücksichtigt werden,” mahnt der Autor der Publikation.

Anspruch auf volle Leistungen erst nach 15 Monaten

Asylsuchende werden bislang nur dann behandelt, wenn sie unter akuten Gesundheitsproblemen leiden, Schmerzen haben oder sich eine Behandlung nicht weiter aufschieben lässt. Anspruch auf die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung in vollem Umfang haben die Schutzsuchenden erst nach einem Aufenthalt in Deutschland von derzeit 15 Monaten. Das betrifft Hunderttausende Asylbewerber in Deutschland. Rund 73.000 Asylerstanträge gingen nach Angaben des UNHCR 2014 bei den deutschen Behörden ein, in Jahr 2015 wurden bis jetzt sogar schon 200.000 Anträge gestellt.

Für ihre Studie werteten die Wissenschaftler repräsentative Daten des statistischen Bundesamtes der Jahre 1994 bis 2013 aus und konnten zeigen: Dürfen Asylsuchende ohne bürokratische Hürden und ohne Leistungseinschränkungen Regelversorger wie Allgemein-, Haus- und Kinderärzte aufsuchen, sind die Gesundheitsausgaben niedriger.

Hätten alle Asylsuchenden den gleichen Zugang zum Gesundheitssystem gehabt, hätten die Gesamtausgaben für die medizinische Versorgung der letzten 20 Jahre um circa 22 Prozent gesenkt werden können. Unterschiede im Bedarf – gemessen an Alter, Geschlecht, Herkunftskontinent und Unterbringungsart – konnten die jährlichen Ausgabenunterschiede zum Teil jedoch nicht gänzlich erklären.

Anbindung an die Regelversorgung so früh wie möglich sicherstellen

Die Forscher plädieren vor diesem Hintergrund für eine Umstellung der Regelung nach dem Vorbild von Bremen und Hamburg. Dort erhalten Asylsuchende ohne Wartezeit eine Gesundheitskarte und damit besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung. “Unsere Studie belegt, dass eine bundesweite Umsetzung des Bremer Modells – bei dem seit 2005 bürokratische Hürden zur Versorgung abgebaut wurden – nicht zwingend mit Mehrkosten verbunden sein muss”, betont Ko-Autor Oliver Razum von der Universität Bielefeld.

Es sei wichtig, so früh wie möglich eine Anbindung an die Regelversorgung und somit eine umfassende Versorgung mit primärmedizinischen Maßnahmen sicherzustellen. Dies sei nicht nur ethisch geboten, sondern würde auch gesundheitswissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigen, die mittlerweile international unumstritten seien.

“Qualitativ gute, bedarfsgerechte und kostengünstige Versorgung ist vor allem durch integrierte, primärmedizinisch orientierte Systeme zu erreichen”, sagt auch Razums Kollege Bozorgmehr. Parallelsysteme hingegen seien teuer und ineffizient, vor allem wenn sie Teile der Bevölkerung von der Versorgung ausschließen.

Die Wissenschaftler fordern, dass Daten zur gesundheitlichen Versorgung von Asylbewerbern besser verfügbar gemacht werden, um Bedürfnisse in der gesundheitlichen Versorgung erkennen und die Versorgung evaluieren zu können.

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