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18/01/2017

EU-Studie: Pharmabranche erleidet Milliardenschaden durch gefälschte Medikamente

Gesundheit und Verbraucherschutz

EU-Studie: Pharmabranche erleidet Milliardenschaden durch gefälschte Medikamente

Viele neue Medikamente auf dem Markt bringen den Patienten keinen zusätzlichen Nutzen, zeigen Prüfungen der gesetzlichen Krankenkassen.

Foto: dpa

Gefälschte Arzneimittel sind nicht nur hochgefährlich, sondern vernichten Zehntausende Arbeitsplätze, zeigt eine EU-Studie. Dennoch sind besonders die Deutschen risikofreudig. EurActivs Medienpartner „Der Tagesspiegel“ berichtet.

Durch gefälschte Arzneimittel entsteht der Pharmabranche EU-weit ein finanzieller Schaden von 10,2 Milliarden Euro. Dies ist einer aktuellen Schätzung des Amtes der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) zu entnehmen, die dem Tagesspiegel vorliegt. Die Umsatzverluste für die Arzneihersteller aufgrund von Fälschungen beliefen sich damit in der EU auf 4,4 Prozent. Für Deutschland schätzen die Experten den Schaden auf mehr als eine Milliarde Euro und 2,9 Prozent des Gesamtumsatzes.

Fälschungen kosten 90.000 Arbeitsplätze

Die Verkaufseinbußen durch illegale Produkte wirkten sich auch auf die Arbeitsplätze der Branche aus, heißt es in dem Bericht weiter. Schließlich beschäftigten die legal tätigen Hersteller und Vertreiber von Arznei deutlich weniger Menschen. Den EU-Experten zufolge ist mit der Fälschungsproblematik der direkte Verlust von 37.700 Arbeitsplätzen verbunden. Hinzu kämen weitere 53.200 Arbeitsplatzverluste durch die Folgewirkungen in anderen Wirtschaftszweigen der EU. Auf Deutschland bezogen gingen der Branche durch die Fälschungen unmittelbar 6951 Arbeitsplätze verloren.

Auch die Verluste bei den Staatseinnahmen durch Arzneifälschungen hat die EU-Behörde hochgerechnet. Sie beliefen sich auf schätzungsweise 1,7 Milliarden Euro pro Jahr, heißt es in dem Bericht.

Ähnlich betroffen wie Deutschland sind der Studie zufolge Italien (mit fünf Prozent des Jahresumsatzes und geschätzten Verlusten von 1,59 Milliarden Euro), Frankreich (drei Prozent, eine Milliarde Euro), Spanien (5,9 Prozent und 1,17 Milliarden Euro) und das Vereinigte Königreich (3,3 Prozent und 605 Millionen Euro).

Vom Billig-Schmerzmittel bis zum teuren Krebsmedikament

Die Studie zeige, dass die Fälschungen nicht nur eine ernste Gefahr für die Gesundheit darstellten, sondern auch schwerwiegende Folgen für die Volkswirtschaft hätten, sagte EUIPO-Exekutivdirektor des Antonio Campinos. Analysen der Weltgesundheitsorganisation belegten, dass sowohl Nachahmerpräparate als auch innovative Medikamente gefälscht würden. Die Palette reiche von preiswerten Schmerzmitteln bis zu teuren Krebstherapeutika.

Erst im Frühjahr hatte Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) wegen zunehmender Arzneifälschungen Alarm geschlagen. Im vergangenen Jahr hatte der Zoll 3,9 Millionen gefälschte Tabletten beschlagnahmt – nahezu viermal so viele wie im Jahr zuvor. Besonders oft entdeckt wurden gefälschte Potenzmittel, Schlankmacher oder Anabolika – die meisten aus China, Indien oder Thailand.

Untersuchungen zufolge liegen die Deutsche bei der Risikofreudigkeit von Internetbestellungen an vorderster Stelle. Oft werde bei Arzneibestellungen nicht mal das Impressum des Anbieters gelesen, so die Zollexperten. Bei einer von Ermittlern eingerichteten Fake-Adresse einer Internetapotheke beispielsweise seien 1400 Bestellungen eingegangen – obwohl im Impressum der Hinweis gegeben wurde, dass der Anbieter nur darauf aus sei, die Kunden „zu belügen und zu betrügen“.