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30/09/2016

EU sagt Krebs den Kampf an

Gesundheit und Verbraucherschutz

EU sagt Krebs den Kampf an

Millionen Arbeiter sind täglich krebserregenden Stoffen wie Quarzstaub ausgesetzt.

[Susan Sermoneta/Flickr]

Inhaltsstoffe wie Quarz- oder Hartholzstaub sind krebserregend, trotzdem sind ihnen jeden Tag Millionen Arbeiter ausgesetzt. Die Kommission fordert jetzt Höchstgrenzen für die umstrittenen Stoffe – und begibt sich damit in schwieriges Fahrwasser. 

Laut WHO ist Krebs mit 53 Prozent die häufigste berufsbedingte Todesursache in Industriestaaten. Besonders betroffen sind Menschen, für die sich das Gesundheitsrisiko nicht einmal finanziell lohnt: Fabrik- oder Minenarbeiter etwa, die tagtäglich krebserregenden Stoffen ausgesetzt sind. Wie zum Beispiel Quarzfeinstaub, der im Bergbau entsteht und Lungenkrebs verursachen kann.

Die EU-Staaten haben unterschiedliche Höchstwerte für solche Substanzen, in einigen gibt es sogar gar keine Obergrenzen. Das bedeutet auch, dass Unternehmen derzeit einen Anreiz haben, ihre Produktion in Länder mit schlechtem Gesundheitsschutz zu verlegen. Einen Wettbewerbsnachteil erleidet, wer seinen Mitarbeitern höhere Standards zugesteht.

Wer seine Mitarbeiter schützt, hat einen Wettbewerbsnachteil

Am 14. Mai hat die EU-Kommission deshalb eine Gesetzesintiative vorgestellt, mit der sie nicht nur den Gesundheitsschutz, sondern auch den Wettbewerb fairer machen will. In eine Richtlinie will sie 13 Inhaltsstoffe aufnehmen, für die dann EU-weite Höchstwerte gelten sollen.

„Krebs hat enorme Folgen für Arbeiter, ihre Familien, Industrien und die Gesellschaft. Mit unserem Vorschlag werden wir in den nächsten 50 Jahren 100.000 Leben retten“, sagt Arbeits- und Sozialkommissarin Marianne Thyssen.

Demnach sollen auch die Betriebe von den strengeren Regeln profitieren: ein gesunder Arbeiter ist schließlich produktiver, als ein kranker.

Trotzdem fürchten sich die Unternehmen vor Umsatzeinbußen. Denn die Diskussion um die umstrittenen Inhaltsstoffe könnte die Konsumenten gänzlich vom Kauf entsprechender Produkte abschrecken. Das aber wäre ungerechtfertigt, weil etwa Quarzfeinstaub nur während des Herstellungsprozesses freigesetzt wird, für den Verbraucher also kein Risiko darstellt.

„Die Kommission hat ihre soziale Agenda nicht eingelöst“

Ohnehin ist die Regulierung chemischer Inhaltsstoffe oft ein Spießrutenlauf: Maßgeblich ist dabei nämlich das Vorsorgeprinzip. Das erlaubt es der EU, Substanzen auch dann zu verbieten, wenn deren Gesundheitsrisiken wissenschaftlich nicht eindeutig beleget sind.

Gerade wenn der öffentliche Druck hoch ist, kann das opportunistische Entscheidungen zur Folge haben. Derweil können für Unternehmen unnötig hohe Kosten entstehen, wenn eine Substanz auf einen bloßen Verdachtsfall hin verboten wird. Die Logik der Hersteller: Auch der Straßenverkehr birgt hypothetische Risiken, und trotzdem verbietet der Gesetzgeber das Autofahren nicht.

Die Gewerkschaften hingegen begrüßen den Vorstoß der Kommission, sehen aber noch jede Menge Handlungsbedarf. „Endlich hat die Kommission unsere Forderungen gehört, allerdings sind die vorgeschlagenen Höchstwerte für einige Substanzen noch zu lasch“, sagt Stéphanie Wouters von der European Trade Union Confederation (ETUC). Außerdem forderten die Gewerkschaften, bis Jahresende noch 15 weitere schädliche Substanzen in das Gesetz aufzunehmen. 

Eigentlich greife der Ansatz der Kommission jedoch viel zu kurz: „Statt karzinogene Chemikalien nur zu limitieren, sollten sie ganz ersetzt werden. Außerdem brauchen wir schleunigst neue Gesetze, um Arbeiter vor anderen schädlichen Einflüssen, wie Nanopartikeln und psychosozialen Risiken zu schützen“. Ohnehin stellt Wouters der Juncker-Kommission kein gutes Zeugnis aus. „Die EU ist weit davon entfernt, ihre ambitionierte soziale Agenda einzulösen“.

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