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27/07/2016

EU-Kommission will beim Klospülen Wasser sparen

Gesundheit und Verbraucherschutz

EU-Kommission will beim Klospülen Wasser sparen

Hier sieht Brüssel Potenzial zum Wassersparen: Pissoirs. © H.D.Volz / PIXELIO

Besonders wassersparende Toiletten und Pissoirs sollen sich bald EU-weit mit einem Öko-Label schmücken dürfen, wie EurActiv von der EU-Kommission erfahren hat. Die EU-Exekutive hat bei der Definition der Kriterien keine Mühen gescheut. Eine sinnvolle Maßnahme zum Schutz der Umwelt oder eine weitere Steilvorlage für Europa-Kritiker?

Die EU-Kommission will den Wasserverbrauch von Toiletten und Pissoirs reduzieren. Dazu wird sie nächste Woche Kriterien für ein entsprechendes Öko-Label verabschieden, mit dem besonders sparsame WC-Modelle gekennzeichnet werden können, wie ein Sprecher von Umweltkommissar Janez Poto?nik gegenüber EurActiv bestätigte.

Brüssel treibt die Angelegenheit mit großem Ernst voran: Die Kriterien für das Label sind das Ergebnis jahrelanger Arbeit von Experten im Auftrag der Generaldirektion Umwelt der EU-Kommission. Auch "Stakeholder" haben zu den Erkenntnissen beigetragen, indem sie das "Verhalten der Nutzer" und "bewährte Methoden" untersucht haben.

Die Vorbereitungen für die EU-weiten Klo-Label begannen laut EU-Dokumenten bereits im Januar 2011. Eine Ad-Hoc-Arbeitsgruppe traf sich im Herbst des gleichen Jahres in Brüssel. Im Juni 2012 fand ein zweites Treffen im spanischen Sevilla statt. Im Anschluss wurde ein 60-seitiger "Tech-Report" veröffentlicht, der die Arbeit des Gremiums dokumentiert. Demnach wurden

– zunächst das Untersuchungsfeld abgesteckt,
– dann die zu untersuchenden Produkte definiert,
– eine Wirtschafts- und Marktanalyse durchgeführt,
– das Nutzerverhalten analysiert,
– die "beste verfügbare Technik" sowie die "bestmögliche, noch nicht verfügbare Technik" bestimmt sowie
– Länderberichte verfasst und "zentrale Erkenntnisse" festgehalten.

Die gewonnenen Erkenntnisse fördern die unterschiedlichen Toilettensituationen in den einzelnen Ländern zu Tage: So können etwa in Frankreich und den Niederlanden keine Toiletten mit einer Spülleistung von weniger als 6 Liter pro Spülung installiert werden. In Großbritannien dagegen sind Toiletten mit mehr als 6 Liter Spülvolumen verboten – jedoch in Abhängigkeit von Ort und Zeitpunkt der Installation und des Abwassersystems.

Mit dem Öko-Label will die Kommission die Hersteller dazu animieren, sparsamere Modelle zu entwickeln. Das Label erhalten sollen demnach nur Toiletten, die mit 5 Litern Wasser pro Spülung oder weniger auskommen. Für Pissoir-Labels gilt eine Spülvolumenobergrenze von einem Liter pro Spülung.

Pissoir-Spülung mit 0,5 Litern "nicht machbar"

Ursprünglich wollte die Kommission noch weiter gehen, doch eine Volumenobergrenze von einem halben Liter pro Pissoir-Spülung sei "nicht machbar". Auch eine Begrenzung der Spülvolumen von Toiletten auf 3 Liter pro Spülung wurde verworfen. Die Begründung: Eine dermaßen niedrige Vorgabe würde dazu führen, dass kaum noch eine Toilette die strengen Bedingungen erfüllen und sich damit auch nicht für das Öko-Label qualifizieren würde. Offenbar will Brüssel vermeiden, ein Zertifikat zu entwerfen, für das sich kaum ein Klosett qualifiziert.

Dem Expertenprotokoll sind weitere relevante Erkenntnisse zu entnehmen:

–  Toilettensitze und –Deckel haben keinen Einfluss auf die Funktion des Produkts
– Toilettensitze und –Deckel werden oft nicht zusammen mit dem Hauptprodukt sondern "separat" verkauft
–  Die Vorlieben der Nutzer umfassen bei Toilettensitzen und –Deckeln eine weites Spektrum

Die Experten halten fest, dass für den Wasserverbrauch bei Toiletten und Pissoirs zwei Faktoren entscheidend sind: deren Design und das Verhalten der Nutzer. Hinsichtlich letzterem haben die Experten "unter Berücksichtigung der Stakeholder" entschieden, das "durchschnittliche Spülvolumen" als das arithmetische Mittel aus einer vollen und drei reduzierten Spülungen zu definieren.

Das Toiletten-Label ist nur das jüngste Beispiel einer langen Reihe von Regulierungsvorschlägen, mit der die EU-Exekutive immer wieder für Spott und Ärger sorgt. Am berüchtigsten ist zweifellos das Beispiel der sogenannten Gurkenrichtline. Im letzten Frühjahr löste Brüssel mit einem geplanten Verbot von Olivenöl-Kännchen auf Restauranttischen Kopfschütteln aus – und krebste wenig später wieder zurück. Und seit kurzem stehen energiefressende Staubsauger im Fadenkreuz der EU-Regulatoren.

Dabei war es Kommissionspräsident José Manuel Barroso höchstpersönlich, der im September in seiner "Rede zur Lage der Union" forderte: "Europa muss bei den größeren Dingen größer und bei den kleineren Dingen kleiner werden."

EurActiv.com/pat

Links

EurActiv Brüssel: Commission to regulate flushing of toilets and urinals (29. Oktober 2013)

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