EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

28/09/2016

EU-Forschungsprojekt soll Tierversuche für Risikobewertung unnötig machen

Gesundheit und Verbraucherschutz

EU-Forschungsprojekt soll Tierversuche für Risikobewertung unnötig machen

Das europäische Forschungsprojekt EU-ToxRisk soll den Verzicht auf Tierversuche in der Chemikalienbewertung erarbeiten.

[dpa]

Ist eine Chemikalie gefählich für die Gesundheit des Menschen oder seiner Nachkommen? Bislang wird diese Frage noch häufig mit Tierversuchen beantwortet. Das groß angelegte EU-Projekt „EU-ToxRisk“ soll nun Europas Flaggschiff für eine tierversuchsfreie Sicherheitsbewertung werden. Erste Lösungsansätze gibt es bereits.

Die Kritik an der Methode ist so alt wie das Vorgehen selbst: Ob ein Stoff riskant oder gesundheitsschädlich für Menschen ist, wurde und wird heute noch häufig durch den Test an Tieren geprüft. Zwar wurde die Gesetzgebung zu Tierversuchen innerhalb der Europäischen Union im September 2010 durch die neue Richtlinie ersetzt, die im Vergleich zur vorherigen Richtlinie weit mehr Aspekte zur Zucht und zum Schutz der Versuchstiere enthält.

Dennoch ist die Zahl der genutzten Versuchstiere noch immer hoch. Allein in Deutschland mussten laut einer im November 2015 veröffentlichten Tierversuchsstatistik des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMEL) 2014 rund 2,8 Millionen Mäuse, Fische, Affen, Hunde und andere Tiere für Tierversuche leiden und sterben.

Die meisten Versuchstiere sterben

An etwa der Hälfte der Versuchstiere in Deutschland werden Medikamente und Chemikalien getestet, um eine Risikobewertung für die verwendeten Stoffe vorzunehmen. Die Dosierungen sind dabei meist so hoch, dass viele Versuchstiere während der Experimente sterben oder wegen schwerer Vergiftungen anschließend getötet werden. Hinzu kommt eine nie erfasste Zahl von Mäusen und Ratten, die gleich nach der Geburt getötet werden, weil ihre genetische Ausstattung nicht den Vorgaben entspricht.

Um das zu ändern, will die EU will nun einen Paradigmenwechsel in der Toxikologie einleiten – und das nicht nur Europa-weit, sondern mit Blick auf den gesamten Globus. Wie das Risiko chemischer Stoffe künftig ohne Tests an Versuchstieren abgeschätzt werden kann, soll ein groß angelegtes Projekt namens „EU-ToxRisk“ erforschen.

Die Europäische Kommission fördert das auf sechs Jahre angelegte Großforschungsprojekt im Rahmen ihres Forschungsprogramms „Horizon 2020“ mit 30 Millionen Euro. Ziel ist es, dass die Erkenntnisse aus dem Projekt in die zukünftige Sicherheitsbewertung von Chemikalien und in die Risikobewertung einfließen. So sollen neue, hochmoderne Methoden zur Bewertung etabliert werden. Geplant sind unter anderem tierversuchsfreie In-vitro-Methoden ebenso wie sogenannte In-silico-Technologien, die computergestützte Modelle nutzen.

„In der Toxikologie gehen wir neue Wege in Richtung einer Mechanismus-basierten toxikologischen Bewertung. Bei diesem Paradigmenwechsel spielen In-vitro-Methoden, insbesondere solche, die humanrelevant sind, und In-silico-Methoden eine entscheidende Rolle“, sagt Annette Bitsch, Leiterin des Bereichs Chemikalienbewertung am Fraunhofer ITEM in Hannover. Das Institut ist eines der 39 Partner aus Wissenschaft, Industrie und europäischen Regulierungsbehörden, die ab Ende Januar an „EU-ToxRisk“ beteiligt sein werden.

Die dortigen Wissenschaftler können zum Beispiel mit einem am Fraunhofer ITEM entwickelten System über die Luft getragene Substanzen untersuchen, ohne dass dafür Tierversuche hinzugezogen werden müssen. Hierbei werden Zellen oder intakte Gewebe des Atmungsapparates, die vom Menschen oder auch Tieren stammen können, in In-vitro- oder Ex-vivo-Modellen genutzt.

Schwere des den Tieren zugefügten Leids unklar

Ob schon in wenigen Jahren ganz auf Tierversuche verzichtet werden kann, ist alledings unklar. „Die Gesetzgebung fordert für die toxikologische Prüfung von Stoffen aussagekräftige Tierversuche“, heißt es noch im Jahresbericht 2014 des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Zugleich sei jedoch im deutschen Tierschutzgesetz aber die Forderung verankert, Tierversuche, wenn immer es möglich ist, zu ersetzen.

Zur Überprüfung, dass die EU-Richtlinie zu Tierversuchen auch in Deutschland umgesetzt wird, muss seit 2013 über alle Projekte, bei denen Versuchstiere verwendet werden, eine sogenannten „Nichttechnische Projektzusammenfassung“ erscheinen. Dem BfR obliegt die Veröffentlichung dieser verständlichen Projektzusammenfassungen in der 2014 im Internet veröffentlichten Datenbank „AnimalTestInfo„.

Der Verein Ärzte gegen Tierversuche e.V. beklagt jedoch die allgemein zu ungenauen Angaben. Die bislang vom BMEL herausgegebenen Daten etwa ließen noch keine zuverlässigen Rückschlüsse beispielsweise über die jeweilige Schwere des dem Tier zugefügten Leids oder die Anzahl transgener Tiere zu, heißt es von dem Verein.

Weitere Informationen