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04/12/2016

Erster „Nanny-Staat“-Index: Finnland an der Spitze

Gesundheit und Verbraucherschutz

Erster „Nanny-Staat“-Index: Finnland an der Spitze

Finnland belegt den ersten Platz im neuen "Nanny-Staat"-Index aufgrund seiner strikten Vorschriften in den Bereichen Essen, Trinken und Rauchen.

[onnola/Flickr]

Finnland ist in Sachen Alkohol, E-Zigaretten, Tabak, Lebensmittel und Getränke das am stärksten regulierte Land Europas. Dicht dahinter liegen Schweden, Großbritannien und Irland – so die Ergebnisse eines neuen „Nanny-Staat“-Index. EurActiv Brüssel berichtet.

„Der schlechteste Ort zum Essen, Trinken und Qualmen“ ist Finnland, meint Epicenter (European Policy Information Centre), das am gestrigen Dienstag zum ersten Mal seinen „Nanny-Staat“-Index veröffentlichte. Am wenigsten Regulierung gibt es den Ergebnissen nach in Tschechien, Deutschland, Luxemburg und den Niederlanden.

Der Index ist eine Initiative von Think-Tanks für die freie Marktwirtschaft wie Epicenter und dem Institute of Economic Affairs (IEA), das sich auf Wirtschaftspolitik spezialisiert hat. Entstanden ist der „Nanny-Staat“-Index aus der Sorge heraus, dass Staaten teilweise Maßnahmen ergreifen, die der freien Kaufentscheidung von Verbrauchern schaden. Dazu zählen zum Beispiel Zusatzsteuern, Werbeeinschränkungen für gewisse Produkte oder Maßnahmen zur „Stigmatisierung“ von Verbrauchern.

Finnland steht an erster dieses neuen Indexes, da es eine breite Palette von Lebensmittel- und Getränkesteuern vorweist: zum Beispiel auf kohlensäurehaltige Getränke, Konfekt, Schokolade und Eis. Darüber hinaus ist dort der Verkauf von E-Zigaretten verboten.

Schweden folgt auf dem zweiten Platz, vor allem aufgrund seiner Alkoholpolitik. Es ist neben Finnland das einzige europäische Land, das über ein staatliches Lizenzmonopol verfügt. In Schweden gibt es die höchsten Spirituosensteuern. Werbung für Alkohol im Fernsehen und Radio ist verboten. Außerdem habe Schweden laut Politikanalysten den besonderen Ruf, einen Hang zur Bevormundung an den Tag zu legen.

Bürger unterstützen strikte Regeln

Der Index gibt jedoch keine Auskunft darüber, inwiefern die politischen Schritte wirksam die allgemeine Gesundheit und das Wohlergehen der Bevölkerung verbessern. Die schwedischen und finnischen Maßnahmen gegen den Alkoholmissbrauch funktionieren gut, betont Lauri Beekmann, Generalsekretär von NordAN, der nordischen Alkohol- und Drogenpolizei. Jugendliche über 15 in Finnland und Schweden konsumieren pro Kopf 11,1 beziehungsweise 9,4 Liter Alkohol im Jahr. In Tschechien, der Slowakei und Portugal dagegen liegt die Menge bei 13 Litern.

Epicenter habe darüber hinaus nicht erwähnt, das die finnischen und schwedischen Bürger die strengen Alkoholvorschriften ihrer Regierungen unterstützen, kritisiert Beekmann. „Für Junggesellenabschiede ist der“Nanny-Staat“-Index vielleicht nützlich. Dann weiß man, wo man besonders einfach und billig Spaß haben kann. Es gibt viele Länder, die Probleme mit Übergewichtigkeit sowie übermäßigem Alkohol- und Tabakkonsum haben. Manche scheinen noch nicht den politischen Willen zu besitzen, ernsthaft etwas dagegen zu unternehmen. Ihnen bietet dieser Index überhaupt keine nützlichen Informationen.“
Steuerliche und gesundheitsfördernde Maßnahmen sind im Sozialmodell der nordischen Staaten eng miteinander verknüpft , erklärt der Gesundheitsaktivist. Schweden und Finnland stehen ihm zufolge schließlich auch bei anderen Indizes an erste Stelle: zum Beispiel in Sachen Zufriedenheit, wirtschaftlichem Wohlergehen, Lebenserwartung, Kinder- und Müttergesundheit oder Lebensqualität.

Weitere Informationen

ZEITSTRAHL

  • Frühling 2016: Gerichtsverhandlung in Edinburgh über die Frage, ob die schottische Regierung landesweit einen Mindestpreis für Alkohol festsetzen darf.