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27/07/2016

Ebola: Erforschung armutsbedingter Krankheiten mangelhaft

Gesundheit und Verbraucherschutz

Ebola: Erforschung armutsbedingter Krankheiten mangelhaft

Die jüngste Ebola-Epidemie forderte mehr als 11.000 Opfer – vor allem in Entwicklungsländern.

© DFID (CC BY 2.0)

Mehr als 11.000 Opfer forderte die jüngte Ebola-Epidemie. Die Impfallianz will nun die Entwicklung eines Ebola-Impfstoffes fördern – denn ohne öffentliche Gelder schenken Laboratorien den Krankheiten der Ärmsten kaum Beachtung. EurActiv Frankreich berichtet.

Ebola hat der internationalen Gemeinschaft eine Lehre erteilt. Nur wenige Tage nachdem man die Ebola-Epidemie in Westafrika für beendet erklärte, verkündet nun die Impfallianz (Gavi) die Unterzeichnung einer Partnerschaft mit dem Pharmahersteller Merck. Gemeinsam wollen sie die Entwicklung eines Impfstoffes gegen den Virus beschleunigen.

“Das Leid, das die Ebola-Krise anrichtete, war für viele der globalen Gesundheitsorganisationen ein Weckruf”, sagt Seth Berkley, Gavis Exekutivdirektor. “Die neuen Herausforderungen erfordern kluge Lösungen. Unsere innovative Finanzübereinkunft mit Merck wird sicherstellen, dass wir für zukünftige Ebola-Ausbrüche gewappnet sind.”

Kaufzusage in der Planung

Die Impfallianz finanziert sich größtenteils über Fördergelder aus den Regierungstöpfen der Industrieländer, Stiftungen und der Wirtschaft. Mit Merck ging sie eine Kaufverpflichtung in Höhe von fünf Milliarden Dollar ein. Im Gegenzug wird der Pharmahersteller bis Mai 2016 300.000 Impfstoffdosen zur Bekämpfung eines potenziellen Neuausbruchs einer Ebola-Epidemie bereitstellen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) muss dem Vorhaben noch zustimmen.

Der Ebola-Virus, auch als hämorrhagisches Ebola-Fieber bekannt, ist eine Krankheit, von der vor allem Menschen und Primaten betroffen sind. Sie überträgt sich durch das Blut und andere Körperflüssigkeiten des Infektionsträgers. Unklarheit besteht noch immer über den Reservoirwirt, in dem der Virus bis zum Ausbruch der Krankheit beim Menschen oder Primaten überlebt. Experten vermuten jedoch, dass es sich hierbei um eine Fledermausspezies handelt. Bisher konnte man noch nicht zeigen, ob eine Ansteckung in natürlicher Umgebung über die Luft erfolgen kann. Zwischen 50 und 90 Prozent aller Ebola-Erkrankungen enden tödlich.

Mehr als 11.000 Tote

Die Inkubationszeit beträgt in der Regel acht bis zehn Tage, kann jedoch auch zwischen zwei und 21 Tagen liegen. Bisher gibt es noch keine spezifische Behandlungsmethode gegen den Virus. Im Verlauf des jüngsten Ebola-Ausbruchs fanden Testdurchläufe für Impfstoffe in Liberia statt, eines der am schwersten betroffenen Länder.

In nur zwei Jahren starben 11.315 der 28.637 gemeldeten Ebola-Erkrankten aus zehn Ländern, darunter Spanien und die USA. Laut WHO zeigt diese Zahl, die effektiv noch um Einiges höher liegen könnte, dass die jüngste Epidemie mehr Leben gefordert hat als alle bisherigen Ausbrüche zusammen seit der Entdeckung des Erregers 1976 in Zentralafrika. Die Entwicklung eines Impfstoffes gegen Ebola ist so dringend wie eh und je, denn schon einen Tag nachdem die WHO das Ende der Epidemie verkündet hatte, bestätigte Sierra Leone am 15. Januar einen weiteren Fall.

“Wir befinden uns an einem entscheidenden Punkt in der Ebola-Epidemie: dem Übergang von der Behandlung einzelner Fälle und Patienten hin zum Management des Restrisikos von Neuansteckungen”, so Dr. Bruce Aylward, Sonderbeauftragter der WHO für die Antwort auf die Ebola-Krise. “Wir erwarten ein erneutes Wiederaufflammen der Krankheit und sollten uns darauf vorbereiten.”

Ärzte ohne Grenzen (MSF) begrüßte die Ankündigung der Gavi-Merck-Partnerschaft. Dennoch will die NGO den Endpreis des Impfstoffes fest im Auge behalten. Dieser wird darüber entscheiden, ob der Impfstoff auch in Entwicklungsländern breite Anwendung findet. “Wir möchten verstehen, wie Gavi und Merck den Preis festlegen, vor allem langfristig. Außerdem brauchen wir eine Bestätigung dafür, dass der Endpreis in etwa den Produktionskosten entsprechen wird”, so Manica Balasegaram, Vorsitzender der MSF-Access-Kampagne.

“In Anbetracht der öffentlichen und wohltätigen Investitionen in den Impfstoff hoffen wir, dass sich Merck den üblichen Trends der Pharmaindustrie widersetzt und so transparent wie möglich vorgeht: Hierbei geht es um die Offenlegung der Beiträge, der Finanzierung von Forschung und Entwicklung (FuE), der Entwicklungszuschüsse und der Entgeldstruktur des rVSV-ZEBOV-Impfstoffes. Öffentliche Geldgeber und Wohltäter sollten keinen doppelten Preis für die Erforschung und Entwicklung des Impfstoffes zahlen.

Rückgang bei der Erforschung armutsbedingter Krankheiten

Die Ebola-Epidemie enthüllte die Defizite des Systems zur Erforschung von Krankheiten, die vor allem arme Menschen betreffen. Eigentlich hatte man bereits vor mehr als zehn Jahren erste Schritte zur Entwicklung eines Ebola-Impfstoffes unternommen. In der Regel betrafen die Epidemien jedoch vor allem ländliche Gegenden in Entwicklungsländern und ließen sich jedes Mal eindämmen. Daher hatte die Entwicklung eines Impfstoffes in den Laboren eher niedrige Priorität.

“Wir wollen sicherstellen, dass all jenen, die aufgrund eines Marktversagens keinen Impfschutz genießen, der Zugang zu einem solchen ermöglicht wird. Das ist der Hauptgrund, weshalb Gavi eine so große Rolle bei der weltweiten Gesundheit spielt”, erklärt Dr. Ngozi Okonjo-Iweala, gewählte Vorsitzende des Gavi-Vorstandes. “Es ist unsere moralische Pflicht, dafür zu sorgen, dass niemand aufgrund seines Geburtsortes oder seiner finanziellen Situation von der Gesundheitsversorgung ausgeschlossen wird.”

Kein Ausnahmebeispiel

Bruno Rivalan von Global Health Advocate erklärt, Ebola sei nicht das einzige Beispiel, bei dem finanzielle Interessen über der öffentlichen Gesundheit stünden. “Auch bei der Tuberkulose ist dieses Forschungsmodell gescheitert, das die Krankheiten der ärmeren Bevölkerung einfach ignoriert. In 40 Jahren haben die Pharmahersteller nur zwei Moleküle auf den Markt gebracht. Die Behandlung dieser vor allem in Entwicklungsländern auftretenden Krankheit macht also keine Fortschritte – und das, obwohl sich gerade multiresistente Tuberkulosestämme entwickeln”, betont er.

“Das FuE-Modell für armutsbedingte Krankheiten funktioniert nicht mehr, weil es an Gewinne gebunden ist. Außerdem gibt es keinen spezifischen Anreiz zur Erforschung von Krankheiten, die vor allem ärmere und Entwicklungsländer betreffen”, kritisiert Rivalan. Das Fehlen solch wirtschaftlicher Anreize (Zuschüsse, Innovationsauszeichnungen, Steuererleichterungen, Kaufgarantien usw.) will die Gavi-Merck-Partnerschaft zumindest teilweise angehen.

Der Ebola-Impfstoff “sollte uns eine Lehre sein für die Entwicklung neuer Modelle zur Erforschung armutsbedingter Krankheiten. Nach Lösungen sollte man nicht erst dann suchen, wenn die Panik zu groß wird”, so Rivalan. “Denn wenn es Anreize gegeben hätte, wäre vielleicht schon vor dem Ausbruch der Epidemie ein wirksamer Impfstoff vorhanden gewesen.”