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29/07/2016

Diabetes: Experten fordern nationale Strategie gegen Wohlstands-Epidemie

Gesundheit und Verbraucherschutz

Diabetes: Experten fordern nationale Strategie gegen Wohlstands-Epidemie

Diabetes wird auch in Deutschland zu einer immer größeren Epidemie.

[ Dennis Skley/Flickr]

Acht Millionen Kranke und mehr als eine Viertel Million neue Patienten jedes Jahr: Diabetes wächst sich in Deutschland zu einem immer bedrohlicheren Leiden aus. Experten bemängeln den nachlässigen Umgang des Landes mit der Wohstandskrankheit und fordern die Schaffung eines nationalen Diabetesplans, um eine weitere Ausbreitung der “Epidemie” zu verhindern. 

Geschätzte acht Millionen Erkrankte, aber viel zu wenige Ärzte und eine mangelhafte Vorsorge: So lautet der alarmierende Befund der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) zur Volkskrankheit Diabetes. Und der Handlungsdruck steigt. Jährlich, so warnen die Experten, kommen in Deutschland etwa 270.000 Neuerkrankungen hinzu.

Diabetes ist zu einer der bedrohlichsten “Wohlstandskrankheiten” in der EU geworden. Deutschland belegt hier sogar einen traurigen Platz in den oberen Rängen: Die Quote der an Diabetes Erkrankten liegt in der Bundesrepublik rund zwei Prozentpunkte über dem EU-Durchschnitt von rund acht Prozent. Brüssel verlangt nun eine kohärentere Strategie unter den Mitgliedsstaaten im Kampf gegen Diabetes. Denn die Krankheit beeinträchtigt die Lebensqualität der Erkrankten und ihrer Familien und belastet die Gesundheitssysteme in der EU immer mehr.

Bleibt Diabetes längere Zeit unentdeckt oder wird falsch behandelt, drohen gravierenden Folgeerkrankungen wie Schlaganfall, Herzinfarkt, Netzhauserkrankung bis hin zur Erblindung, Nierenschäden und Impotenz. Die Mehrzahl der Diabetes-Patienten, 95 Prozent, leiden an einer Typ-2-Diabetes – die häufig durch vermeidbare Faktoren wie Bewegungsmangel, Fettleibigkeit, Übergewicht begünstigt wird. Aber auch genetische Faktoren, das Stresslevel der Mutter während der Schwangerschaft und selbst die Ernährung des Vaters weit vor der Schwangerschaft können das Risiko der Erkrankung steigern.

“Die Vielzahl der Einflussfaktoren auf die Erkrankung macht deutlich, dass wir die Prävention und Therapie personalisieren müssen”, sagte Diabetologe Norbert Stefan vom Universitätsklinikum Tübingen in Berlin. Eine Fettleber, die Blutwerte, der Lebensstil – das alles könnte Hinweise dafür liefern, wie hoch das Risiko für eine Diabetes-Erkrankung ist, so Stefan. Er fordert darum einen intensiveren Austausch zwischen Patient und Arzt sowie ausführlichere, mehrstufige Vorsorgeuntersuchungen.

Bedrohlicher Mangel an Diabetes-Spzialisten

Doch hier offenbart sich ein heikler Punkt in Deutschlands Gesundheitssystem. Es fehlen massenhaft Diabetes-Spezialisten. Ulrich Weigelt von Deutschen Hausaärzteverband warnte, das Durchschnittsalter der Diabetologen liege zurzeit bei 60 Jahren. Schon jetzt mangele es an Spezialisten, vor allem im ländlichen Raum.

“Zwei Stunden werden Mediziner heute während ihres sechsjährigen Studiums in Diabetologie ausgebildet”, sagte DDG-Präsident Erhard Siegel. Für ihn ist klar: Um den drohenden Versorgungsmangel abzubremsen, muss die Ausbildung der Spezialisten gefördert werden. Außerdem gelte es, neue Kriterien in der Betreuung zu entwickeln und den Informationsaustausch zwischen Hausärzten, Fachärzten und Kliniken zu intensivieren.

Mehr Druck von Seiten der Politik nötig

Schon seit Langem fordern zahlreiche Gesundheitsxperten zur Verbesserung der Vorsorge und Behandlung in Deutschland einen nationalen Diabetesplan, wie es ihn schon in 17 europäischen Ländern gibt. Als besonders vorbildlich galt im Jahr 2014 Schweden. Der Euro Diabetes Index bescheinigte dem Land vergangenes Jahr im Vergleich zu den anderen 27 Mitgliedsstaaten sowie Norwegen und der Schweiz die beste Leistung beim Umgang mit Diabetes.

“Eine zielgerichte Prävention und ein nationaler Diabetesplan sind auch in Deutschland nötig”, mahnte etwa der Unions-Politiker Dietrich Monstadt. Auf die Verantwortung des Einzelnen bei der Vorsorge zu zählen, reiche nicht aus.

“Aufklärungskampagnen und mehr Druck von Seiten der Politik sind unerlässlich – gerade, weil die Diabetes-Erkrankung zuerst keine Schmerzen verursacht, aber trotzdem schwere Folgeerkrankungen drohen”, ist Monstadt überzeugt. Eine nationale Strategie, das bedeute zudem eine wichtige Bündelung von Kompetenzen. Auch Landwirtschafts-, Arbeits- und Sozialpolitiker, Stadtplaner, Pädagogen und viele andere müssten daran mitwirken, die Gefahren der Krankheit mehr ins Bewusstsein der Menschen zu rücken und bestimmte Risikofaktoren einzugrenzen, so Monstadt.

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