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09/12/2016

Dänische Gesundheitsministerin: „Ich möchte gegen die Ausgrenzung von Demenz-Patienten kämpfen“

Gesundheit und Verbraucherschutz

Dänische Gesundheitsministerin: „Ich möchte gegen die Ausgrenzung von Demenz-Patienten kämpfen“

Die dänische Gesundheitsministerin Sophie Loehde.

[EU2016 SK/Flickr]

Dänemark hat eine nationale Strategie erarbeitet, die das Land bis 2025 „demenz-freundlich“ machen soll. Was es damit auf sich hat, erklärt die dänische Gesundheitsministerin Sophie Loehde, im Gespräch mit EurActiv auf der 26. Alzheimer-Europe-Konferenz in Kopenhagen.

In Dänemark leiden etwa 35.000 Menschen (gemeldete Fälle) an Demenz. Daher erklärte die Regierung des Landes die Krankheit zur politischen Priorität. „Tatsächlich ist die Zahl der Erkrankten um Einiges größer, denn vielen wurde nie eine Diagnose gestellt. […] In den kommenden Jahren werden noch viele weitere Menschen betroffen sein“, warnt die liberale Ministerin für Gesundheit und Senioren, Sophie Loehde. „Demenz ist eine schreckliche Krankheit, die das Leben der Betroffenen komplett auf den Kopf stellt.“ Angesichts der überaus kritischen Situation habe sich die dänische Regierung entschieden, einen neuen nationalen Aktionsplan gegen Demenz zu entwickeln.

Hauptziele

Dänemarks Demenz-Strategie 2025 ging erst kürzlich an den Start. Sie orientiert sich an bewährten europäischen Praktiken und umfasst ein Budget von über 60 Millionen Euro. Drei Ziele stehen der Ministerin zufolge im Mittelpunkt. „Erstens: Dänemark muss ein demenz-freundlicher Staat werden, in dem die Betroffenen sicher und in Würde leben können.“

Das zweite Ziel besteht laut Loehde in einer maßgeschneiderten Pflege und Prävention. „Die Demenz-Behandlung muss auf die Bedürfnisse und Werte der jeweiligen Einzelperson zugeschnitten werden. Außerdem muss sie kohärent sein, sich auch auf Prävention und Früherkennung konzentrieren und natürlich aktuellsten Forschungserkenntnissen entsprechen.“

Drittens müsse man Familienangehörige besser einbinden und unterstützen. „Verwandte spielen eine wichtige Rolle beim Thema Demenz. Sie stehen einer besonders großen Herausforderung gegenüber […], denn sie müssen sich nicht nur um eine nahestehende, schwer erkrankte Person kümmern, sondern gleichzeitig auch ihre eigene Trauer darüber bewältigen, dass sich ein geliebter Menschen von ihnen entfernt“, betont die Ministerin.

Mit der neuen Strategie sollen 80 Prozent der Menschen eine spezifische Demenz-Diagnose erhalten. Außerdem würden Pfleger sowie die Mitarbeiter von Pflegeheimen und Krankenhäusern besser aus- und weitergebildet werden, so Loehde.

„Die antipsychische medizinische Behandlung von Demenz-Patienten sollte bis 2025 auf 50 Prozent gesenkt werden. Das wird nicht leicht, aber wir können es schaffen“, betont sie zuversichtlich.

Schluss mit der Ausgrenzung

Die dänische Demenz-Strategie sei in Zusammenarbeit mit vielen relevanten Akteuren entstanden, darunter auch zahlreiche Betroffene. Loehde besuchte diesbezüglich bereits 35 dänische Kommunen, die Niederlande, Großbritannien, Norwegen und Schweden. Ihr Ziel bestehe darin, alle 98 Kommunen des Landes „demenzfreundlicher“ zu gestalten. Das bedeutet, „Demenz-Patienten und ihren Angehörigen soll das Leben in Dänemark sicherer und leichter gemacht werden.“

„Gemeinsam [mit den Interessenvertretern] haben wir das Thema Demenz ganz nach oben auf die politische Tagesordnung gesetzt, denn genau da gehört es hin“, unterstreicht die Ministerin und berichtet von einem Verwandten eines Demenz-Erkrankten, der gesagt habe: „Wenn wir Leute treffen, wechseln sie manchmal die Straßenseite, um uns zu meiden. Sie machen das, weil sie nicht wissen, was sie tun oder sagen sollen.“

„Ich möchte gegen diese Ausgrenzung kämpfen“, verspricht Loehde.

Vorbild Großbritannien

Dänemarks nationale Demenz-Strategie orientiert sich vor allem an den Praktiken Großbritanniens. Dort gibt es mittlerweile mehr als 1,5 Millionen gemeldete „Dementia Friends“, die sich für Demenz-Patienten stark machen. Das Vereinigte Königreich sei eine große Inspiration, weil es sich politische Ziele gesetzt habe, deren Fortschritte systematisch durch regionenspezifische Daten mitverfolgt werden können, so die Dänin. „Ich bin wirklich beeindruckt, wie sehr sich Großbritannien im Umgang mit Demenz-Erkrankten und ihren Familien einsetzt. […] Begeistert war ich vor allem vom Engagement der Menschen in Manchester.“

Dann geht sie auf das Beispiel einer britischen Demenz-Patientin ein, die Probleme beim Einkaufen im Supermarkt hatte. Sie fühlte sich stets unter Druck gesetzt von den „geschäftigen“ Menschen, die hinter ihr in der Schlage ungeduldig warteten. Also nahm sie Kontakt mit dem Supermarktleiter auf, der kurzerhand eine eigene Schlange für Menschen wie sie einrichtete. „Ein schönes Beispiel, das zeigt, wie selbst kleine Veränderungen Großes im Leben anderer bewirken können“, so das Fazit der Ministerin.

Die Rolle der Kommunen

Hauptziel der nationalen Demenzstrategie sei es, die Kommunen vollständig miteinzubinden, um demenz-freundliche Lokalgemeinden zu formen, bestätigt die Vorsitzende des dänischen Alzheimer-Verbandes, Birgitte Vølund. „Die Kommunen sollten spezifische Maßnahmen ergreifen und sich selbst klare Ziele setzen. Sie tragen 80 Prozent der wirtschaftlichen Last, und sollten die Veränderungen daher mitmachen.“ Dabei sollten vor allem auch Demenz-Patienten zurate gezogen werden – vor allem in Sachen Durchführung, betont sie. „Wir wollen eine bessere Pflegequalität im Alltagsleben erreichen.“

Im Falle einer Demenz-Diagnose sind viele Patienten Vølund zufolge mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Die Kommunen raten ihnen nur: „Rufen Sie uns an, wenn Sie Hilfe benötigen“, kritisiert sie. „Die Menschen, denen Demenz diagnostiziert wird, sind verwirrt. […] Wir müssen uns dafür stark machen, dass sie schon von Anfang Unterstützung bekommen.“ Die Lokalverwaltung sei hier in der Verantwortung, pro-aktive Strategien zu entwickeln, die den Schwerpunkt auf Besuche und Beratungen legen, meint Vølund. „Gut wäre es auch, mehr  Freizeitzentren auf Freiwilligenbasis in Dänemark zu haben, die soziale, kulturelle und körperliche Aktivitäten anbieten.“