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26/09/2016

„Fettsteuer“ beugt ungesundem Kaufverhalten vor

Gesundheit und Verbraucherschutz

„Fettsteuer“ beugt ungesundem Kaufverhalten vor

Fette gelten als wichtige Geschmacksträger.

Pim

Die im Oktober 2011 eingeführte, dänische Fettsteuer war zwar nur von kurzer Dauer, hat aber neusten Studienergebnissen zufolge ihr Ziel trotz heftiger Kritik erreicht. So habe sie nicht nur das Kaufverhalten der Dänen verändert, sondern auch Leben gerettet. EurActiv Brüssel berichtet.

Oxford University und die Universität Kopenhagen kamen in einer neuen Forschungskollaboration zu unerwarteten Ergebnissen: Anders als die breite Öffentlichkeit annahm, kauften die Dänen unter der Fettsteuer tatsächlich vier Prozent weniger gesättigtes Fett, mehr Gemüse und mehr salzige Produkte. Die Fettabgabe war von Oktober 2011 bis Januar 2013 in Kraft. Veröffentlicht wurde die Studie von der Fachzeitschrift European Journal of Clinical Nutrition.

„Viele Nahrungsmittel werden durch andere ersetzt, wenn Politiker unseren Konsum regulieren“, erklärt Sinne Smed von der Universität Kopenhagen dem Online-Magazin Videnskab. “Manche Ergebnisse waren durchaus positiv. So kauften die Verbraucher zum Beispiel mehr Obst und Gemüse. Negativ ist jedoch, dass sie mehr Salz konsumierten.“ 16 Kronen (2,14 Euro) zahlten die Dänen zusätzlich für ein Kilo an Fleisch, Milchprodukten oder Speiseöl mit mehr als 2,3 Prozent gesättigten Fettsäuren. So wollte man gegen eine ungesunde Lebensweise kämpfen, denn immerhin sind 13 Prozent der dänischen Bevölkerung übergewichtig.

Die Fettsteuer war weltweit die erste ihrer Art. Insgesamt experimentierten jedoch mehrere EU-Mitgliedsstaaten in den letzten Jahrzehnten mit unterschiedlichen Steuermodellen, um Diabetes oder anderen Zivilisationskrankheiten vorzubeugen. So führten manche Länder eine Zuckersteuer auf beispielsweise Schokolade, Softdrinks und andere Süßwaren ein – darunter Frankreich, Ungarn, Finnland und Großbritannien. Der Verband FoodDrinkEurope beschwert sich regelmäßig im Namen der EU-weiten Lebensmittelindustrie über ein solches Vorgehen. Es diskriminiere die Hersteller bestimmter Lebensmittel und behindere den EU-Binnenmarkt.

Verändertes Kaufverhalten

Das durch die Fettsteuer veränderte Kaufverhalten senkte laut Forschern auch die Zahl derer, die an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Krebs starben. „Die Ergebnisse zeigen einen kleinen, aber bedeutenden Rückgang bei den Todesopfern nichtübertragbarer Krankheiten“, so Smed.

Aus den neuen Daten geht hervor, dass die Fettsteuer 123 Menschen im Jahr das Leben retten könnte – 76 davon unter 75 Jahre. Das Ergebnis hätte sogar noch besser ausfallen können, wenn im gleichen Zeitraum nicht auch der Salzverbrauch gestiegen wäre. „Wenn man die Preise eines Produktes nach oben schraubt, suchen die Käufer sich Alternativen. Fett, Zucker und Salz sind Geschmacksträger. Nutzt man also weniger gesättigte Fettsäuren, nimmt man womöglich mehr Salz als Ausgleich. Sollten wir eine neue Fettsteuer einführen, müssen wir überlegen, wie wir den Salzverbrauch kontrollieren können“, erklärt sie.

Grenzüberschreitender Einkauf

Was die neuen Forschungsergebnisse jedoch nicht erwähnen, sind die hohen Verwaltungskosten, die die Fettsteuer den Unternehmen einbrachte. Auch grenzüberschreitende Einkäufe nahmen merklich zu: So reisten Dänen vermehrt ins benachbarte Deutschland, um dort jene fettreichen Lebensmittel zu kaufen, die in der Heimat so teuer geworden waren. Die Fettsteuer habe darüber hinaus noch einen anderen, nicht zu vernachlässigenden psychologischen Effekt gehabt, so Claus Bøgelund Nielsen, Vizepräsident des dänischen Verbandes für Lebensmitteleinzelhändler (DSK). Ihm nach hätten Dänen das Bedürfnis verspürt, dass sie – wenn sie schon gerade in Deutschland waren – auch andere, nicht von der Fettsteuer betroffene Produkte mitbringen könnten, wie zuckerhaltige Getränke oder Süßigkeiten.

Letzten Endes schaffte die EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager, damals noch dänische Wirtschafts- und Innenministerin, die Fettsteuer ab.

Alte Steuer, neue Grundlagen

Dennoch fordern Forscher und Gesundheitsverbände, die Steuer wieder einzuführen – wenn auch auf der Grundlage neuer unternehmensfreundlicher Prinzipien. Auf diese Weise soll weiterhin die öffentliche Gesundheit gefördert werden. Die Regierung müsse es diesmal „von Anfang an richtig machen“ und gleich auf die Experten hören. „[Die Fettsteuer] muss erneut in Kraft treten – nur eben verbessert und mit der notwendigen Vorarbeit“, meint Bent Egberg Mikkelsen, Professor für Ernährung an der Universität Aalborg. „Erst müssen wir Experten zu Rate ziehen. Denn sie können die grundlegenden Prinzipien für die Abgabe definieren. Dann müssten wir uns mit den einzelnen Unternehmensbranchen zusammensetzen und diskutieren, wie man die Steuer am besten verwalten um umsetzen könnte.“

Sollte sich Dänemark tatsächlich für eine neue Fettsteuer entscheiden, müsste das Land wahrscheinlich erst auf die Einschätzung der EU-Kommission warten. Diese nahm nämlich 2015 Ermittlungen in der Frage auf, inwiefern die erste Fassung als unrechtmäßige staatliche Beihilfe anzusehen ist. Sie will also überprüfen, ob Lebensmittelhersteller, die keine zusätzliche Fettsteuer auf ihre Produkte aufschlagen mussten, illegale Unterstützung erhielten.

Zeitstrahl

  • 2017: Geplante Abschaffung der finnischen Zusatzsteuer auf Süßwaren, Schokolade und Eiskrem.