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06/12/2016

Bundesregierung will Glyphosat weiter erlauben

Gesundheit und Verbraucherschutz

Bundesregierung will Glyphosat weiter erlauben

Über die Verlängerung für den Einsatz des umstrittenen Pestizids Glyphosat wird noch diskutiert.

Foto: David Ebener/dpa

Ein Verzicht auf Glyphosat wäre möglich, zeigt eine aktuelle Studie. Dennoch will die Bundesregierung das umstrittene Pflanzenschutzmittel mit Einschränkungen weiterhin zulassen.

„Wahrscheinlich krebserregend” lautet die Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO zum Pestizid Glyphosat. Dass es in der Vergangenheit gravierende Fehler in der Risikobewertung von Glyphosat gegeben hat, wiesen zudem im November 96 renommierte Wissenschaftler in einem Offenen Brief an die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) nach.  Dennoch plant die Bundesregierung wenige Tage vor einer Abstimmung des Europaparlaments über die Wiederzulassung des Unkrautvernichtungsmittels  laut Bericht der „Süddeutschen Zeitung“, das Mittel weiterhin zu erlauben.

In  einem Schreiben des Landwirtschaftsministeriums an die EU-Kommission von Ende März heißt es laut dem Bericht: „Mit seiner Zustimmung möchte Deutschland dazu beitragen, das Verfahren zur Wiedergenehmigung des Wirkstoffs Glyphosat (…) erfolgreich abzuschließen.“ Aufgrund des Drucks aus dem Bundesumweltministerium sind allerdings Einschränkungen geplant. So soll in einer Textpassage der Schutz der biologischen Vielfalt festgelegt werden. Zudem sei Deutschland bereit, einigen Mitgliedstaaten entgegenzukommen, die Glyphosat zur „Steuerung des Erntetermins“ untersagen wollen.

Die Zulassung des Pestizids läuft in der EU im Juni aus. Am kommenden Mittwoch wird das EU-Parlament über einen Entschließungsantrag abstimmen, die Zulassung durch die EU-Kommission nicht zu erneuern, solange ernsthafte Bedenken über die krebserregenden und hormonellen Auswirkungen des Herbizids nicht ausgeräumt sind. Die EU-Kommission erachtet bis zuletzt aufgrund der Empfehlungen der europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde Efsa ein Verbot als unnötig.

Hersteller bieten Lesesaal mit begrenztem Zugang zu Studien an

EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis hatte jedoch vor wenigen Tagen auf den zunehmenden öffentlichen Druck in der Debatte um Glyphosat reagiert und in einem Schreiben an Monsanto und andere Konzerne die Offenlegung der Studien gefordert, die Basis für die Entscheidung über die Neuzulassung von Glyphosat sind.  Wie der Hersteller-Zusammenschluss Glyphosat Task Force (GTF) am Donnerstag mitteilte, hätten die Unternehmen EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis nun eine „Lesesaal-Lösung“ angeboten.  Eine komplette Offenlegung der 14 Studien will die GTF untersagt sehen,  weil sie „geistiges Eigentum und vertrauliche Informationen“ enthielten.

Zurzeit ist Glyphosat in Deutschland und global das am häufigsten verkaufte Pestizid. Eine aktuelle Studie des Julius-Kühn-Instituts – einem Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen – zeigt hingegen, dass ein Verzicht auf Glyphosat möglich wäre.

YougovUmfrage: Bürger in den fünf größten europäischen Staaten für Verbot 

Dass auch eine deutliche Mehrheit von 64 Prozent der Bevölkerung in den fünf größten Mitgliedsländern der EU für ein Verbot von Gyphosat plädiert, zeigt nun eine repräsentative Yougov-Umfrage im Auftrag der Bürgerbewegungen Campact und WeMove.EU.

In Italien sind demnach mehr drei Viertel der Befragten für ein Verbot, in Deutschland 70 Prozent und in Frankreich 60 Prozent. Aber auch in Großbritannien und Spanien unterstützt eine deutliche Mehrheit von jeweils 56 Prozent die Forderung nach einem Glyphosat-Verbot. In allen Staaten befürwortet nur eine kleine Minderheit von sechs bis zwölf Prozent die Wiederzulassung des Totalherbizids.

“Das Votum der Bürger in allen großen Staaten Europas ist eine klare Ansage an das EU-Parlament und EU-Kommissar Andriukaitis: Die Bürger wollen keine Gifte in ihrer Nahrung. Glyphosat darf nicht erneut zugelassen werden!”, forderte Gerald Neubauer von Campact. Auch Jörg Rohwedder von WeMove.EU meint: “In der EU gilt das Vorsorgeprinzip. So lange eine Gefährdung für den Menschen nicht ausgeschlossen werden kann, darf es keine Zulassung für ein so starkes Pflanzengift geben.”

Positionen

Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Deutschen Bundestag:
"Die Bundesregierung ist vor der Agroindustrie eingeknickt. Monsanto kann sich über dicke Profite freuen, nicht aber die Verbraucherinnen und Verbraucher. Vorsorgeprinzip und der Schutz unserer natürlichen Vielfalt geht anders. Solange der Verdacht im Raum steht, dass Glyphosat krebserregend ist, bleibt eine Wiederzulassung für 15 weitere Jahre unverantwortlich.“