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29/07/2016

Bienensterben: EU prüft befristeten Pestizid-Verzicht

Gesundheit und Verbraucherschutz

Bienensterben: EU prüft befristeten Pestizid-Verzicht

Die Zahl der Bienen geht seit Jahrzehnten zurück. © Saipan / PIXELIO

Drei Pflanzenschutzmittel sind möglichweise für das Bienensterben in Europa verantwortlich. Die EU-Kommission hat die Mitgliedsstaaten deshalb aufgefordert, zwei Jahre lang auf die umstrittenen Pestizide zu verzichten. Einige Mitgliedsstaaten sehen das geplante Pestizid-Moratorium skeptisch.

"Wir fordern die Mitgliedsstaaten dazu auf, in den nächsten zwei Jahren auf den Einsatz dieser Pestizide bei der Behandlung von Saatgut zu verzichten, deren Pflanzen Bienen anziehen, also Sonnblumen, Mais, Raps und Baumwolle", sagte Frédéric Vincent, Sprecher von EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg am Donnerstag (31. Januar 2013). Das geplante Pestizid-Moratorium bezieht sich auf Chemikalien aus der Gruppe der sogenannten Neonikotinoide, die Insektzide Clothianidin, Imidacloprid und Thiametoxam mit denen Saatgut gebeizt wird.

Die Kommission prüft derzeit "angemessene Maßnahmen, um die Bienen zu schützen", hatte EU-Kommissar Borg diese Woche angekündigt. Brüssel reagiert damit auf einen aktuellen Bericht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Diese fordert, die hochgiftigen Pflanzenschutzmittel zu verbieten. Ein EU-Expertenkomitee wird Ende des Monats über ein mögliches zweijähriges Pestizid-Moratorium abstimmen. Bis März soll der Gesetzesentwurf stehen und könnte bereits am 1. Juli in Kraft treten.

Die Neonikotinoide stehen im Verdacht, maßgeblich für das Bienensterben in Europa verantwortlich zu sein. Zwar wirken die Pestizide laut EFSA-Studie nicht unmittelbar tödlich auf die Bienen. Den Tieren ginge jedoch der Orientierungssinn verloren, so dass sie nicht zurück in den Bienenstock fänden.

Bedeutung der Bienen

"Bienen spielen eine wichtige Rolle beim Erhalt unserer Pflanzenwelt. Wenn die Biene als Bestäuber ausfällt, schadet dies nicht nur der Umwelt, sondern auch der Nahrungsmittelproduktion", so Markus Ferber. Der CSU-Europaabgeordnete unterstrich die Bedeutung der Insekten für die Umwelt: "Bienen produzieren nicht nur Honig, sondern sie bestäuben unsere Nutzpflanzen, wie Obstbäume und etwa 80 Prozent der bunt blühenden Blütenpflanzen. Die Honigbiene ist einer der wichtigsten Bestandteile unserer heimischen Tierwelt, deshalb ist es dringend notwendig, die Ursachen für die wachsende Sterblichkeit der Bienenvölker zu erforschen und wirksame Maßnahmen zu ergreifen", so Ferber weiter.

Harald Ebner, Sprecher für Agro-Gentechnik der Grünen-Bundestagsfraktion, drückt es noch deutlicher aus: "Wenn wir auch in Zukunft noch bezahlbares Obst und Gemüse essen wollen, können wir es uns nicht leisten, dem Bienensterben weiterhin tatenlos zuzuschauen. Der Wert der Bestäubungsleistung von Bienen wird allein für Deutschland auf 2,5 Milliarden Euro geschätzt, weltweit sogar auf bis zu 200 Milliarden Euro."

Zwischen 1985 und 2005 sind rund 16 Prozent der europäischen Bienenvölker verschwunden. Vom Rückgang besonders stark betroffen sind Großbritannien, Tschechien, Schweden – und Deutschland, heißt es in einer EU-finanzierten Studie. Bestäuberinsekten wie Honig- und Wildbienen helfen bei der Befruchtung von rund 84 Prozent der 264 europäischen Getreide- und 4.000 Gemüsesorten. Damit tragen sie geschätzte 22 Milliarden Euro zur europäischen Wirtschaftsleistung bei, so die Studie.

"Ein wichtiger erster Schritt"

In der Öffentlichkeit ist das Thema Bienensterben emotional stark aufgeladen. Mehr als zwei Millionen Menschen unterstützen eine Onlinepetition der Aktivistengruppe Avaaz. Die Kampagne fordert ein sofortiges und unbefristetes Verbot der umstrittenen Pestizide.

Umweltschützer zeigen sich über das Vorgehen der EU-Kommission erfreut. Friends of the Earth-Sprecher Andrew Pendleton spricht von einem "extrem wichtigen ersten Schritt, um dem Bienensterben Einhalt zu gebieten".

Bei den Agrargewerkschaften gibt man sich dagegen besorgt über mögliche Kosten. "Als Bauern wissen wir um den Wert der Bienen als Bestäuber – und wir brauchen diese Arbeiter", erklärte Arnaud Petit, Direktor für Agrarprodukte und Handel bei der Dachorganisation für europäische Landwirte und Bauerngenossenschaften Copa Cogeca. Gleichzeitig werde unter einem Totalverbot der EU-Kommission in erster Linie die Tierhaltung leiden, und das könne man sich nicht leisten, gibt Petit gegenüber EurActiv zu bedenken.

Position der Mitgliedsstaaten

Ob das Verbot tatsächlich zustande kommt, hängt von den EU-Mitgliedsstaaten ab. Die EU-Agrarminister konnten sich beim Treffen am 28. Januar nicht auf ein Verbot der Neonikotinoide einigen. So würden einige Länder, darunter Spanien, ein "doppeltes Spiel" spielen und auf der Bremse stehen, hieß es aus EU-Kreisen gegenüber EurActiv. Offiziell zeigten sich alle sehr um das Wohl der Bienen besorgt. Wenn es allerdings um konkrete Schritte gehe, ließen einige Länder keine Taten folgen. So habe auch der britische Landwirtschaftsminister angekündigt, er wolle zunächst eine britische Studie abwarten, um sich auf mehr Daten berufen zu können.

Andere Staaten sind beim Erteilen von Verboten entschlussfreudiger: So hat Deutschland bereits 2009 sowohl das Beizen von Saatgut mit Neonikotinoiden bei Mais und Getreide als auch die Einfuhr, das Inverkehrbringen und die Aussaat von entsprechendem Saatgut verboten. "Um den Schutz der Bienen zu stärken, ist ein europaweit einheitliches Vorgehen auf wissenschaftlicher Basis entscheidend", begrüßte Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner begrüßte die Ankündigung aus Brüssel.

Frankreich zog im letzten Juni die Genehmigung für das Pestizid Cruiser von Syngenta zurück, aus Angst vor negativen Auswirkungen auf die Bienen. Slovenien und die Niederlande haben ebenfalls Restriktionen für Pestizide erlassen.

Der französische Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll begrüßt in einem Statement die Ankündigung der Kommission. Sie stünden im Einklang mit der Entscheidung Frankreichs, Cruiser zu verbieten.

EurActiv Brüssel

Übersetzung: Patrick Timmann

EurActiv Brüssel: Plan Bee: Brussels pitches two-year pesticide ban (01. Februar 2013)

Links


EU-Kommission:
Vorschläge zum Schutz von Bienen vorgelegt (30. Januar 2013)