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16/01/2017

Arbeitsbedingte Todesfälle: Grenzwerte sollen Leben retten

Gesundheit und Verbraucherschutz

Arbeitsbedingte Todesfälle: Grenzwerte sollen Leben retten

Millionen Arbeiter sind täglich krebserregenden Stoffen wie Quarzstaub ausgesetzt.

[Susan Sermoneta/Flickr]

Die Industrie fordert die EU auf, noch strengere Grenzwerte für krebserregende Stoffe zu erlassen. Gewerkschaften halten das allerdings für zu wenig.

Silikose durch Quartzstäube, Kehlkopfkrebs durch Asbest, Lungenkrebs durch Chrom – Tausende von Menschen sterben jedes Jahr EU-weit an den Folgen eines Kontaktes mit Gefahrstoffen am Arbeitsplatz. Der Großteil der Menschen fällt Krebskrankheiten zum Opfer, wie die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (OSHA) vermeldet.

Mit Blick auf die Zahlen erhebt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) schwere Vorwürfe gegenüber der Industrie, zu wenig für den Schutz ihrer Arbeitnehmer zu unternehmen. Laut DGB-Arbeitsschutzexpertin Annika Wörsdörfer gibt es heutzutage schon intelligente technische Lösungen, um die Sicherheit der Arbeitnehmer zu gewährleisten: Insbesondere im Bereich des staubfreien Arbeitens gibt es Möglichkeiten, die Schadstoff belastete Luft abzusaugen, so wie dies etwa bei großen Asbestsanierungen der Fall ist.

„In der Praxis jedoch setzen Arbeitgeber solche Lösungen noch zu selten ein. Etliche kleine und mittlere Unternehmen halten einen umfassenderen Arbeitsschutz leider oftmals für zu teuer“, so Wörsdörfer gegenüber EurActiv.de.

Laxer Schutz für Arbeitnehmer?

Arbeitgeber sind gesetzlich dazu verpflichtet, für jeden Arbeitsplatz eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen – also die Gefährdungen aufzunehmen und dann Maßnahmen zur Beseitigung, beziehungsweise zur Minimierung zu treffen. Dabei stehen dem Arbeitgeber Experten wie die Fachkraft für Arbeitssicherheit und der Betriebsarzt zur Verfügung. Doch nur 15,7 Prozent der Betriebe würden eine solche Beurteilung tatsächlich bis zur Kontrolle der Wirksamkeit durchführen, kritisiert Wörsdörfer mit Verweis auf aktuelle Zahlen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

Ein Unternehmen, das Erfahrung im Umgang mit Gefahrstoffen hat, ist der Batterien-Hersteller Johnson Controls. Durch die Einhaltung strenger, selbst aufgelegter Arbeitsplatz-Grenzwerte – noch unter denen der EU – würden die Arbeitnehmer ausreichend vor den Gefahren durch Blei-Verbindungen geschützt, betont Dorothee Ortner von Johnson Controls auf einem EurActiv-Workshop im September.

Ähnlich sehen es viele andere Unternehmen in ganz Europa: Grenzwerte am Arbeitsplatz, am besten EU-weit, seien der „adäquateste und effektivste Weg um potentiellen Risiken am Arbeitsplatz“ zu begegnen, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von in Europa ansässigen Industrieunternehmen. Die Arbeitgeber halten Arbeitsplatz-Grenzwerte zudem für das wirtschaftlich erschwinglichste Instrument, um die Gesundheit der Arbeitnehmer zu garantieren.

Lebensgefährliches Gesetzes-Wirrwarr aus Brüssel

Man sei bereit, alle für die Unternehmen geltenden Regeln umzusetzen – darunter auch verbindliche Arbeitsplatz-Grenzwerte, sagte Guy Thiran, Generaldirektor von Eurometaux, auf einem EurActiv-Workshop Anfang Juli in Brüssel.

Das Problem sei, dass die Arbeitgeber verwirrt darüber sind, welches Regelwerk sie am Arbeitsplatz anzuwenden haben, so Thiran. Er verwies auf die Doppelung zweier Gesetze – die Europäische Chemikalienverordnung REACH und anderen Regeln zur Arbeitssicherheit. Es sei unklar, welche dieser Gesetze sie tatsächlich umsetzen müssten.

Seit 2007 mischt die EU-Chemikalienverordnung REACH beim Arbeitsschutz mit. Besonders besorgniserregende Stoffe sind auf einer EU-weiten Liste (SVHC-Liste) geführt, die gelisteten Stoffe werden dann meist in ein Zulassungsverfahren überführt. Jedes Unternehmen muss dann für jede Anwendung dieses Stoffes eine extra Zulassung beantragen. Es muss beweisen, dass ein gefährlicher Stoff nicht durch einen alternativen Stoff ersetzt werden kann.

Dieser Vorgang ist laut Martin Wieske, Referent für Gesundheits- und Arbeitsschutz von der WirtschaftsVereinigung Metalle (WVM), aufwendig und teuer. „Viele Stoffe, die laut Europäischer Chemikalienagentur (ECHA) besonders besorgniserregend sind und für deren Nutzung die Unternehmen ein aufwendiges Zulassungsverfahren durchlaufen müssen, sind nur am Arbeitsplatz relevant, ohne jegliche Berührungspunkte für den Verbraucher“, so Wieske.

Arbeitsplatz-Grenzwerte „günstig“ und „effizient“

Für solche Stoffe empfiehlt Wieske die Festlegung eines Arbeitsplatz-Grenzwertes. Dieser gibt an, bei welcher Konzentration eines Stoffes in der Luft akute oder chronische, schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit im Allgemeinen nicht zu erwarten sind. Die Festlegung der Arbeitsplatzgrenzwerte erfolgt also ausschließlich auf der Basis vorliegender arbeitsmedizinischer Erfahrungen und toxikologischer Erkenntnisse. Die meisten Arbeitsplatz-Grenzwerte werden auf nationaler Ebene, in Deutschland vom Ausschuss für Gefahrstoffe (AGS), erlassen. Derzeit stehen rund 400 Stoffe auf dieser nationalen Liste.

Brüssel erlässt außerdem – in unregelmäßigen Abständen – EU-Arbeitsplatz-Grenzwerte, die alle Mitgliedstaaten in ihrer nationalen Gesetzgebung umsetzen müssen. Doch blickt man auf die Liste der Gefahrstoffe, für die bislang Grenzwerte existieren, vermisst man etliche Chemikalien – besonders solche, die im Verdacht stehen, krebserregend zu sein. „Bei den Arbeitsplatz-Grenzwerten gibt es Nachholbedarf. Gerade bei den krebserregenden Stoffen haben wir Rückstände“, räumt Martin Wieske ein.

Defizite bei krebserregenden Stoffen

Wieske sitzt selbst in den Arbeitsgruppen, die Grenzwerte erlassen – sowohl auf nationaler als auch europäischer Ebene. Wieske fordert – ähnlich wie andere Industrievertreter – eine institutionelle und legislative Stärkung der Empfehlung der EU-Arbeitsgruppe, um zügiger neue Grenzwerte festlegen zu können. Der Entscheidungsprozess müsse vereinfacht werden und die Beschlussgremien flexibler arbeiten – denn oftmals müssen Grenzwerte im Laufe der Jahre angepasst werden, weil neue wissenschaftliche Erkenntnisse über die Gefahren eines Stoffes vorliegen.

Der Grund, warum jedoch etliche Grenzwerte für Gefahrstoffe noch immer fehlen, sind fehlende Daten – aber auch Interessenkonflikte innerhalb der Gremien, sich auf einen Grenzwert festzulegen. Das jüngste Beispiel ist Quartzstaub: Eigentlich wollte der Ausschuss für Gefahrstoffe die Exposition des Stoffes am Arbeitsplatz – etwa auf Baustellen – durch Festlegung eines realistischen Grenzwertes reduzieren. Doch am Ende hat man sich nur auf einen „Bewertungsmaßstab“ geeinigt.

Gewerkschaften: Grenzwerte sind „Entgegenkommen von uns“

Für die Gewerkschafterin Wörsdörfer sind Arbeitsplatz-Grenzwerte allerdings nicht das Allheilmittel im Kampf gegen schwerwiegende Gesundheitsschäden am Arbeitsplatz: „Mit den Grenzwerten kommen wir den Arbeitgebern entgegen.“ Denn gibt es für einen Stoff keinen Arbeitsplatz-Grenzwert, dann sind die Unternehmen gesetzlich dazu verpflichtet, die Gefahren durch gesundheitsschädliche Stoffe ständig weiter gen Null zu minimieren. „Haben wir einen Grenzwert, dann müssen Arbeitgeber nur darauf achten, dass sie den Wert einhalten“, so Wörsdörfer.

Doch auch wenn ein Grenzwert existiert, sei nicht garantiert, dass Unternehmen die Grenzwerte wirklich einhalten, warnt Wörsdörfer. „Wir haben ein Problem mit der Durchsetzung. In den vergangenen zehn Jahren hat es einen Stellenabbau von 30 Prozent bei der staatlichen Arbeitsaufsicht gegeben. Statistisch gesehen findet in einem Unternehmen durchschnittlich nur alle 25 Jahre eine Kontrolle statt.“

Wörsdörfer fordert deshalb mehr Aufklärung: Arbeitnehmer müssten erklärt bekommen, mit welchen gefährlichen Stoffen sie überhaupt arbeiten und Arbeitgeber müssten verstehen, wie sie zu einem maximalen Schutz der Arbeitnehmer vor Gefahrstoffen beitragen können.

Weitere Informationen

European Agency for Safety and Health at Work: Exposure to carcinogens and work-related cancer (2014)

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: Die Liste der Gefahrstoffe mit Arbeitsplatz-Grenzwerten: TRGS 900 (Aktualisiert 2.3.2015)

DGUV: IFA-Infos "Arbeitsplatzgrenzwerte"

EurActiv.de: Interview mit Martin Wieske (WVM): "Wir brauchen Alternativen zum Breitband-Antibiotikum REACH" (22. September 2015)