EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

01/10/2016

Antibiotikaresistenz: Mediziner warnen vor neuem Superkeim

Gesundheit und Verbraucherschutz

Antibiotikaresistenz: Mediziner warnen vor neuem Superkeim

Die sogar gegen Notfall-Antibiotikum resistenten Superkeime finden sich in zahlreichen Geflügelbeständen.

[ Stephen Fulljames/Flickr]

Das Notfall-Antibiotikum Colistin galt bislang als letzte Maßnahme gegen hartnäckige Infektionen mit Darmkeimen. Doch nun wurden in Deutschland Keime gefunden, die gegen Colistin resistent sind – bei Nutztieren und beim Menschen. Als Ursprung gilt der intensive Einsatz von Antibiotika in der chinesischen Tierzucht.

Human- und Tiermediziner sind gleichermaßen beunruhigt: Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat in einer Untersuchung in Deutschland Bakterien aufgespürt, die gegen jede Art von Antiiotikum gewappnet sind – selbst gegen das Notfall-Antibiotikum Colistin.

Die Bakterien mit dem übertragbaren Gen mcr-1, das eine Resistenz gegenüber dem Antibiotikum Colistin verursacht, finde sich häufig auch in Darmbakterien von Nutztieren in Deutschland, heißt es in dem Bericht. Doch die Erreger konnte auch bei Menschen nachgewiesen werden. Eine künftige Resistenz auch gegen dieses Antibiotikum könnte somit dazu führen, dass bestimmte Erkrankungen nicht mehr behandelt werden können.

Wie sich bei der Untersuchung von Geflügelbeständen zeigte, sind einige der fatalsten Erreger – Salmonellen und Darmbakterien der Art Escherichia coli – gegen das Antibiotikum Colistin resistent. Am häufigsten wird diese Resistenz bei Escherichia coli von Mastgeflügel nachgewiesen, wie bereits ein Beitrag im Fachmagazin „The Lancet Infectious Diseases“ für das zuerst in China beschriebene Gen konstatiert hatte.

„Die aktuellen Ergebnisse bestätigen erneut, dass die Strategie eines verantwortlichen Einsatzes von Antibiotika weiter konsequent verfolgt werden muss“, mahnte Andreas Hensel, Präsident des BfR , das die Untersuchungen zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) durchgeführt hat. „Diese sollte im Sinne eines One-Health-Ansatzes alle Wirkstoffgruppen in der Tier- und in der Humanmedizin einbeziehen“, so Hensel. Neue molekularbiologische Untersuchungen sollen nun weitere Aufschlüsse zum Übertragungsrisiko geben.

Als Ursache für die Entwicklung der resistenten Keime wird der intensive Einsatz von Antibiotika in der chinesischen Tierzucht vermutet. Wie das Wissenschaftsmagazin „Scienxx“ kürzlich berichtete, seien die Bakterien erstmals im November 2015 von Forschern in China identifiziert worden – sowohl bei Menschen als auch bei Tieren und in Lebensmitteln. Die Analysen verweisen nun darauf, dass sich das Resistenzgen offenbar seit einigen Jahren auch in Europa verbreitet. 2015 hatten die Behörden in Dänemark das Gen in Proben von Geflügelfleisch aus Deutschland nachgewiesen. Auch in England und den Niederlanden fanden sich die Keime.

Experten schlagen nun Alarm, denn das neu entdeckte Resistenzgen kann, im Gegensatz zu den bisher bekannten Colistin-Resistenzen, zwischen unterschiedlichen Bakterienstämmen übertragen werden. Somit könnte sich die Resistenz schnell weiterverbreiten und die Keime kzu einer ernsthaften Gefahr für das Gesundheitswesen werden, warnen die Forscher.

Fälle von Campylobacter-Infektionen ansteigend in Deutschland

Bislang ist die Infektion mit Campylobacter-Keimen die in Deutschland und Europa am häufigsten vorkommende bakterielle Erkrankung durch Lebensmittel. Das Robert Koch-Institut und auch das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) registrierten im Jahr 2014 einen Anstieg von bis zu 11,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In der Masthähnchen-Züchtung nahm die Zahl der Campylobacter-Bakterien EU-weit zu.

„Jedes Jahr sterben rund 15.000 Menschen an antibiotikaresistenten Keimen“, kritisierte zuletzt Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer. Daran habe die industrielle Massentierhaltung einen Anteil.“ Der Grünen-Politiker forderte Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) auf, eine Liste mit Reserveantibiotika vorzulegen, die in der Massentierhaltung gar nicht mehr oder nur mit hohen Auflagen verwendet werden dürfen.

Der BUND sieht die Hauptursache für die wachsenden Resistenzen in der Massentierhaltung. „In Deutschland werden bei der Billigfleischproduktion noch immer über 1.200 Tonnen Antibiotika und Reserveantibiotika eingesetzt, doppelt so viel wie in der Humanmedizin“, der BUND-Vorsitzender Hubert Weiger. Ohne diese Medikamente würden viele Tiere die Turbomast bis zur Schlachtreife gar nicht überstehen. Der Preisdruck der Discounter und tierquälerische Haltungsmethoden müssten darum durch eine tiergerechte Haltung und angemessene Preise für die Produkte abgelöst werden.

Weitere Informationen