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30/09/2016

Antibiotika-Resistenz: Bundesregierung sagt Killer-Keimen den Kampf an

Gesundheit und Verbraucherschutz

Antibiotika-Resistenz: Bundesregierung sagt Killer-Keimen den Kampf an

Der Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung unterstützt die Enstehung und Verbreitung antibiotika-resistenter Keime – eine Gefahr für Tier und Mensch.

[James Hill/Flickr]

Mit der neuen Strategie „DART 2020“ will die Bundesregierung die Entstehung und Ausbreitung von Antibiotika-Resistenzen in Medizin und Landwirtschaft eindämmen. Auf dem internationalen Parkett soll Deutschland Vorreiter sein. Doch Kritiker zweifeln an der Durchschlagskraft des Vorhabens – besonders gegen den massenhafte Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung.

Mit strengeren Meldepflichten, schärferer Überwachung und gezielter Forschung will die Bundesregierung die Ausbreitung hochgefährlicher Krankheitskeime bremsen. Ein am Mittwoch vom Kabinett verabschiedetes Strategiepapier sieht unter anderem einen Ausbau der Überwachungssysteme vor, um neue Erreger und Antibiotika-Resistenzen frühzeitig zu erkennen. Die bestehenden Meldepflichten sollen auf weitere multiresistente Erreger ausgeweitet werden.

Vorgesehen sind zudem eine verstärkte Aufklärung der Bevölkerung sowie mehr Fort- und Weiterbildungen für Beschäftigte im Gesundheitswesen. Die Krankenhäuser sollen in ihren Qualitätsberichten zusätzlich über Hygienestandards informieren. Mit der Pharmaindustrie will die Regierung über mögliche Hindernisse in der Forschung und bei der Entwicklung neuer Medikamente beraten.

Antibiotika-Resistenzen führen dazu, dass bakterielle Infektionen schwerer oder auch gar nicht mehr behandelbar sind, weil Antibiotika ihre Wirksamkeit verlieren. Gefährlich sind die Resistenzen besonders in Deutschlands Krankrenhäusern. Dort infizieren sich mittlerweile jährlich zwischen 400.000 und 600.000 Menschen. 10.000 bis 15.000 sterben daran. Immer häufiger sind dabei antibiotikaresistente Erreger mitverantwortlich.

„Die weltweite Ausbreitung von Antibiotika-Resistenzen muss gestoppt werden“, erklärte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. „Wenn Antibiotika nicht mehr wirken, drohen die Behandlungsmöglichkeiten in ein Vor-Penicillin-Zeitalter zurückzufallen.“

Der Plan steht im Zusammenhang mit der deutschen G7-Präsidentschaft. Die Bundesregierung will mit den anderen Industrienationen über Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Antibiotika-Resistenzen bei Menschen und Tieren beraten. „Kein Staat kann den weltweiten Anstieg von Antibiotika-Resistenzen alleine aufhalten“, so Gröhe. Bei der Versammlung der Weltgesundheitsorgansation (WHO) in der kommenden Woche werde man einen gemeinsamen Fahrplan verabschieden.

Umweltschützer: Antibiotika-Einsatz in Tierhaltung zu hoch

Eine Ursache für die Entstehung und Verbreitung von antibiotikaresistenten Keimen ist die Massentierhaltung. Dort setzen Veterenärmediziner im großen Stil Antibiotika ein, gerade weil die Tiere in den Ställen auf engstem Raum gehalten werden, dort ist die Gefahr für Krankheiten besonders hoch.

Seit 2006 sind Antibiotika in Deutschland zwar als Wachstumsbeschleuniger verboten und dürfen nur in Ställen mit kranken Tieren eingesetzt werden. Dennoch sind viele Tierärzte mit ihren Verordnungen großzügig, der Einsatz der Medikamente in Ställen weiterhin verbreitet. Allein 2013 wurden 1.450 Tonnen Antibiotika für 800 Millionen Euro eingesetzt. Das sind 167 Tonnen weniger als 2012. Aber immer noch doppelt so hoch, wie Experten empfehlen.

Mit gesundheitsgefährdenden Keimen besonders belastet ist Putenfleisch. Bei einer bundesweiten Stichprobe vor einigen Monaten fanden Experten vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) auf knapp 90 Prozent der Fleischstücke antibiotikaresistente MRSA-Keime oder ESBL-produzierende Keime, die Antibiotikaresistenzen an andere Bakterien weitergeben können.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt will den Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung begrenzen. Bereits seit dem vergangenen Jahr müssen Landwirte und Tierärzte mit dem neuen Arzneimittelgesetz genauer belegen, wann sie Tieren die Medikamente geben. Seit April 2014 müssen Tierhalter alle sechs Monate amtlich melden, welche Arzneimittel sie ihren Tieren geben. Die Daten werden bundesweit erfasst und verglichen. Behörden können dann Prüfungen und Gegenmaßnahmen anordnen. Feste Obergrenzen will der Landwirtschaftsminister hingegen nicht aussprechen.

Grüne: Strategie hinkt im EU-Vergleich hinterher

Genau das fordern die Grünen. Laut ihrem Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Anton Hofreiter, hinkt die Antibiotika-Resistenzstrategie im europäischen Vergleich den tatsächlichen Erfordernissen hinterher. Vor allem gegen den Antibiotikamissbrauch in der Massentierhaltung werde zu wenig getan.

„Melden, forschen, überwachen – wenn das alles ist, was der Bundesregierung zum drängenden Problem der Resistenzen von Antibiotika in der Tierhaltung einfällt, dann wird sich bald zeigen, dass dieses Paket bei weitem nicht ausreichen wird“, sagt auch der Grüne Europaparlamentarier Martin Häusling. Was fehlt seien klare Reduktionsziele. „Nur so, und das zeigt sich in anderen EU-Ländern deutlich, lässt sich der überbordende Verbrauch in den Griff bekommen.“

Häusling verweist auf das europäische Ausland, wo zum Teil klar formulierte Ziele gelten: In Schweden sei es gelungen, innerhalb acht Jahren den Verbrauch von Antibiotika im Stall um 40 Prozent zu verringern, und in den Niederlanden wurde er in den vergangenen fünf Jahren sogar halbiert.

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