EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

25/09/2016

Antibiotika in der Tierzucht: Experten warnen vor wachsender Zahl tödlicher Erreger

Gesundheit und Verbraucherschutz

Antibiotika in der Tierzucht: Experten warnen vor wachsender Zahl tödlicher Erreger

Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: Abgabe von Antibiotika in der Tierzucht sinkt.

[Marianne Perdomo/Flickr]

Ob Schweine, Rinder oder Hühner: Masttiere in Deutschland erhalten immer mehr Antibiotika, die eigentlich bedeutend für die Therapie beim Menschen sind. So verbreiten sich Keime, gegen die kein Antibiotikum wirkt. Experten fordern darum strengere Maßnahmen gegen die Medikamentenvergabe im Stall.

Auf den ersten Blick wirkt die Entwicklung positiv. Laut den jüngsten Zahlen aus dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit ist der Einsatz von Antibiotika in der Tierzucht zurückgegangen. Im Jahr 2014 wurden demnach in der Tierhaltung in Deutschland gut 1.200 Tonnen der Medikamente verabreicht – rund 15 Prozent weniger als im Vorjahr. Im Vergleich zur ersten Erfassung im Jahr 2011 sank der Verbrauch um mehr als ein Viertel.

Der vermeldete Rückgang verdeckt allerdings nach Meinung vieler Experten, dass gleichzeitig immer mehr Reserveantibiotika in Ställen verabreicht werden – also Medikamente, die laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine „hohe Bedeutung für die Behandlung spezifischer Infektionen beim Menschen“ haben. Damit zählt Deutschland EU-weit noch immer zu den Topverbrauchern beim Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung.

Gerade die Reserveantibiotika, die eine bis zu 40 mal höhere Wirksamkeit aufweisen als die üblichen Antibiotika, machen Experten jedoch Sorgen.

„Reserveantibiotika haben in unseren Ställen nichts zu suchen – sie sollten der Humanmedizin vorbehalten werden“, mahnt der Grüne Agrarexperte Friedrich Ostendorff. Diese Medikamente würden vor allem in der Tiermast nach wie vor breitenwirksam eingesetzt, um strukturelle und hygienische Mängel zu kompensieren. 

WHO warnt vor imer mehr resistenten Keimen

Seit langem drängt auch die WHO darauf, Antibiotika sowohl in der Tier- als auch in der Humanmedizin nur dann zu verwenden, wenn es wirklich nötig ist. Doch noch immer gibt es zwischen verbotener Prophylaxe – der vorbeugenden Gabe von Antibiotika – und der erlaubten metaphylaktischen Vergabe solcher Medikamente an alle Tiere im Stall im Fall eines Krankheitsfalles, faktisch kaum einen Unterschied. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ist bei der Resistenzentwicklung kaum entscheidend, ob der Einsatz von Antibiotika pro- oder metaphylaktisch erfolgt.

In Deutschland kommen Antibiotika regional sehr unterschiedlich in der Tiermast zur Anwendung. Im Gebiet zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen etwa ist die Abgabemenge bundesweit noch immer die höchste, hat aber von 703 auf etwa 506 Tonnen abgenommen. In Brandenburg hingegen hat die Verwendung durchschnittlich um 15 Tonnen zugenommen – laut BUND liegt der Grund hierfür vor allen in der Inbetriebnahme sehr großer Mastanlagen in der Region. 

Antibiotika-Abgabemengen in Deutschland 2014Antibiotika-Abgabemengen in Deutschland 2014

Mit strengeren Meldepflichten, schärferer Überwachung und gezielter Forschung will die Bundesregierung nun zwar die Ausbreitung hochgefährlicher Krankheitskeime bremsen und plant dazu eine neue Strategie.

Die wachsende Verwendung mancher Medikamente sehen Kritiker als Alarmzeichen, dass dies nicht weit genug gehe: „Trotz der Deutschen Antibiotikaresistenzen-Strategie (DART) breiten sich die Resistenzen weiter aus“, warnt Gesundheitsexpertin Kordula Schulz-Asche von den Grünen. Verbindliche Reduzierungsziele für den Antibiotikaeinsatz, eine feste Zeitschiene zur Umsetzung der Maßnahmen und stärkere Kontrollen seien nötig. Ansonsten könnten bis 2050 weltweit zehn Millionen Menschen an Infektionen durch multiresistente Erreger sterben.

Das Thema Antibiotika-Resistenz ist indes nicht nur weit oben auf der politischen Agenda Deutschlands, sondern war sogar Gipfelthema beim G7-Treffen in Elmau. Die G7-Staaten verabredeten dort, den Einsatz von Antibiotika einzuschränken, um Resistenzen zu verhindern.

Nach Ansicht der Agrarexpertin Reinhild Benning vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) bleiben die Beschlüsse jedoch zu schwammig. „Minister Christian Schmidt schaut bislang tatenlos nach Brüssel, von wo sogar noch Aufweichungen der bestehenden Regeln für Antibiotika im Futter drohen“, so Benning. Der Berichterstatter im Umweltausschuss im EU-Parlament, Martin Häusling, kündigte an, er werde besonderes Augenmerk darauf legen, wie der Einsatz von Antibiotika geregelt wird. 

Bis diesbezüglich etwas passiert, bleibt für die Verbraucher in Deutschland die Suche nach Fleischprodukten aus Tierhaltung ohne Antibiotika schwierig. Auch Biobetriebe dürfen ihre Tiere mit Antibiotika behandeln. Nur Betriebe mit dem aus den USA stammenden NOP-Zertifikat bilden hier eine Ausnahme. Werden dort Tiere krank, erhalten sie keine Antibiotika, sondern ausschließlich homöopathische Mittel.

Hintergrund

Seit dem Jahr 2011 muss die pharmazeutische Industrie in Deutschland erfassen, welche Mengen an Antibiotika und anderen Tierarzneimitteln, sie jährlich an Tierärzte abgibt. Grundlage dafür ist die Arzneimittelverordnung von 2010. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) nimmt die jährliche Auswertung der Daten vor.   

Mit gesundheitsgefährdenden Keimen besonders belastet ist Putenfleisch. Bei einer bundesweiten Stichprobe vor einigen Monaten fanden Experten vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) auf knapp 90 Prozent der Fleischstücke antibiotikaresistente MRSA-Keime oder ESBL-produzierende Keime, die Antibiotikaresistenzen an andere Bakterien weitergeben können.

Antibiotika-Resistenzen führen dazu, dass bakterielle Infektionen schwerer oder auch gar nicht mehr behandelbar sind, weil Antibiotika ihre Wirksamkeit verlieren. In Deutschlands Krankrenhäusern infizieren sich mittlerweile jährlich zwischen 400.000 und 600.000 Menschen. 10.000 bis 15.000 sterben daran.

Weitere Informationen