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03/12/2016

Ankündigung am Weltherztag: EU-Gesundheitsinformationssystem kommt in Kürze

Gesundheit und Verbraucherschutz

Ankündigung am Weltherztag: EU-Gesundheitsinformationssystem kommt in Kürze

Einer WHO-Studie zufolge sind 40 Prozent aller Todesfälle in der EU auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückzuführen.

[torange]

Die EU-Kommission will ihr paneuropäisches Gesundheitsinformationssystem in rund einem Jahr einsatzbereit haben. Das teilte Kommissionsberaterin Isabel de la Mata bei einer EU-Parlamentsveranstaltung am Weltherztag mit. EurActiv Brüssel berichtet.

Die EU-Kommission will in etwa einem Jahr ein Informationssystem über Indikatoren wie Krankheiten und die Qualität der Gesundheitsversorgung in der EU einrichten. Das erklärte Isabel de la Mata, Beraterin für öffentliche Gesundheit bei der Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (SANTE).

Anfang 2014 begann die Kommission mit der Arbeit an einem gemeinsamen EU-Gesundheitsinformationssystem. Es soll auch die Gesundheitspolitik in den 28 Mitgliedsstaaten vergleichen. Das Informationssystem habe aber nichts mit der Arbeit der Kommission zu seltenen Krankheiten zu tun, so de la Mata.

Sie kam diese Woche mit Gesundheitsexperten und anderen Gesetzgebern bei einer EurActiv-Veranstaltung im Parlament zusammen. Dabei sprachen sie über die Bewusstseinsschaffung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HKL) – die Todesursache Nummer eins in der EU. Das französische Pharmaunternehmen Sanofi und Regeneron unterstützten die Veranstaltung.

Lebensweise und Gene

Erst in der vergangenen Woche wies eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Gesundheit in Europa darauf hin, wie schlechte Entscheidungen beim Lebensstil größtenteils für die erschütternden Todeszahlen durch HKL-Erkrankungen verantwortlich sind. Die Europäer sind der Studie zufolge weltweit die stärksten Raucher und Trinker. Mehr als die Hälfte aller Europäer ist fettleibig.

Nach Angaben des European Heart Network gibt es jedes Jahr 1,9 Millionen HKL-Todesfälle in der EU. 40 Prozent aller Todesfälle in den 28 Mitgliedsstaaten sind darauf zurückzuführen.

Tabak und Alkohol sind die beiden Schuldigen, vor denen Ärzte und die Entscheidungsträger in der Gesundheitspolitik warnen. Doch das Bewusstsein für genetische Herzkrankheiten ist sehr viel geringer ausgeprägt.

Die Familiäre Hypercholesterinämie (FH) ist eine Erbkrankheit, die durch hohe Cholesterinwerte gekennzeichnet ist. Forschern zufolge ist sie die am meisten verbreitete genetische Erkrankung in Europa. Doch viele Menschen in Europa – auch Ärzte – wissen nicht, was das ist.

„Wenn man FH hat, bedeutet das, dass man mit hohem Cholesterin geboren wurde“, sagte Alberico Catapano, Präsident der Europäischen Atherosklerosegesellschaft (EAS).

Aufgrund der mit hohem Cholesterin verbundenen großen Gesundheitsrisiken sinkt die Lebenserwartung für FH-Patienten drastisch. Sie würden im Durchschnitt 61 Jahre alt, sagte Leiv Ose, Professor an der Universität von Oslo.

„Jemand im Alter von 40 mit FH könnte locker das Risiko für einen Herzanfall eines 70-Jährigen haben“, sagte die liberale belgische Europaabgeordnete Frédérique Ries (ALDE).

Das fehlende Bewusstsein zu FH sorgt für Unstimmigkeit, wie viele Menschen in Europa überhaupt davon betroffen sind. Einige Organisationen führen Statistiken an, wonach einer von 500 Menschen von FH betroffen ist.

Doch Catapano zufolge ist diese Annahme weit weg von der Realität.

„Es geht mehr in Richtung einer von 200 Menschen. In Europa sind 4,5 Millionen Menschen von FH betroffen“, sagte er. „Das fehlt: Kenntnis über die Krankheit, Kenntnis des Arztes und eine richtige Kampagne, damit die Menschen verstehen, was die Risiken sind“, so Catapano.

FH-Forscher und Gesundheitsbeauftragte stimmen darin überein, dass es nicht genügend Informationen über die Krankheit gibt. Doch eine neue Kampagne vom März soll etwas an diesem Informationsdefizit ändern.

Europäisches Patientennetzwerk

Die konservative Statistik, wonach einer von 500 Briten an FH leidet, sei im Vereinigten Königreich verbreitet, sagte Jules Payne, Generaldirektorin des fünf Monate alten europäischen FH-Patientennetzwerks. Doch Payne besteht auf eine Korrektur dieser Zahl. Der Grund: „Wir haben nicht genug Patienten ermittelt.“

Das neue Netzwerk hat einen harten Kampf vor sich. „Wir wollen alle FH-Patienten in Europa ermitteln und wir würden es gerne auf die Welt ausweiten“, so Payne.

„Wir wissen von rund 28.000 Kindern im Vereinigten Königreich mit FH, aber wir kennen nur 600 von ihnen“, sagte sie. „Wie viele Kinder in Europa sind unidentifiziert?“

Das Netzwerk hat bereits Mitgliederorganisation in 19 EU-Mitgliedsstaaten und will weiter expandieren.

„Es ist eine Sache, Bewusstsein für die Erkrankung zu schaffen, aber wenn es keine Dienste zur Überweisung gibt, haben wir ein anderes Problem. Dienste werden im Vereinigten Königreich und einigen anderen Ländern aufgenommen. Aber es gibt immer noch bestimmte europäische Länder, die es einfach noch nicht aufgreifen“, so Payne.

Zwischen den verschiedenen EU-Mitgliedsstaaten gibt es große Unterschiede bei den Erkennungsraten.

Eine Studie der Europäischen Atherosklerosegesellschaft (EAS) von 2013 weist die Niederlande als das fortgeschrittenste Land der Welt bei der Diagnose von FH-Patienten aus. Dort wird die Krankheit bei 71 Prozent der Menschen mit FH diagnostiziert.

Belgien, Dänemark, die Slowakei und Spanien diagnostizieren zwischen vier und sechs Prozent der FH-Patienten. In Italien liegt die Diagnoserate bei weniger als einem Prozent.

Hintergrund

Nach Angaben des European Heart Network gibt es jedes Jahr 1,9 Millionen HKL-Todesfälle in der EU. 40 Prozent aller Todesfälle in den 28 Mitgliedsstaaten sind darauf zurückzuführen.

Die Europäer sind der Studie zufolge weltweit die stärksten Raucher und Trinker. Mehr als die Hälfte aller Europäer ist fettleibig.

Die Familiäre Hypercholesterinämie (FH) ist eine Erbkrankheit, die durch hohe Cholesterinwerte gekennzeichnet ist. Forschern zufolge ist sie die am meisten verbreitete genetische Erkrankung in Europa