Diabetes: Die schwere Bürde der EU

Die Hälfte aller Diabetespatienten stirbt an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Foto: Matt (CC BY-NC-ND 2.0)

Rund 32 Millionen Diabetiker gab es im letzten Jahr in der EU. Das entspricht 8,1 Prozent der Gesamtbevölkerung der EU. Zwar lassen die politischen Entscheidungsträger dem Problem nun besondere Aufmerksamkeit zukommen, Gesundheitsexperten zufolge könne allerdings mehr zur Bekämpfung der Krankheit, die die EU zu den chronischen Erkrankungen zählt, getan werden.

Hintergrund

Nach Angaben des Europäischen Diabeteskongresses (EDLF) stirbt alle zwei Minuten ein EU-Bürger an Krankheiten, die mit einer Diabetes-Erkrankung zusammenhängen. EDLF ist eine Stakeholderorganisation, die der Pharmakonzern Novo Nordisk ins Leben rief, um Diabetes auf der Gesundheitsagenda nach oben zu bringen. 

Die Hälfte aller Diabetespatienten sterben an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Damit ist Diabetes die vierthäufigste Todesursache in Europa, wie die EDLF-Zahlen zeigen. 10-20 Prozent sterben demnach an Nierenversagen. Weitere zehn Prozent entwickeln ernsthafte Sehschäden und 50 Prozent leiden an diabetischer Neuropathie.

Die Denkfabrik Europäisches Zentrum für Internationale Politische Wirtschaft (ECIPE) stellt mangelndes Engagement der Regierungen bei der Eindämmung von Fettleibigkeit fest. Unter anderem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) forderten immer wieder einen Stop oder die Umkehr der Tendenz zur Fettleibigkeit. Sie begünstigt Diabetes.  

In einem Strategiepapier von 2013 schreibt ECIPE, dass man insbesondere auf Diabetes achten sollte. Sie gilt als chronische Krankheit, die mit Herzproblemen und Schlaganfällen in Verbindung gebracht wird. Rund 9,3 Prozent des gesamten EU-Gesundheitsbudgets werden für Diabetes ausgegeben. 

Diabetes wird durch Insulinmangel aufgrund unzureichender Produktion der Bauchspeicheldrüse oder hoher Blutzuckerwerte verursacht. Die Krankheit kann sich auch aus einer Insulinresistenz entwickeln. In diesem Fall wird das von der Bauchspeicheldrüse produzierte Insulin vom Körper nicht angenommen. 

Die EU-Mitgliedsstaaten experimentierten mit Maßnahmen zur Verhinderung von Fettleibigkeit und exzessiver Gewichtszunahme, die Typ-2-Diabetes verursachen. Die OECD schlug folgende Maßnahmen vor: Ernährungsbildung und Sport auf Schulniveau oder Steuern auf Nahrungsmittel mit einem hohen Zuckeranteil oder einem hohen Anteil gesättigter Fettsäuren. 

ECIPE kommt zu dem Schluss: "Bei der momentanen Entwicklung, und wenn keine Veränderungen bei der Gesundheitsvorsorge vorgenommen werden, werden schnell wachsende Behandlungskosten aufrgund von Krankheiten und Gesundheitsproblemen, die mit Fettleibigkeit zusammenhängen, auf die Regierungen in Europa zukommen."

Probleme

Diabeteskosten

Im März 2014 forderten Experten in Brüssel, den Teufelskreis chronischer Erkrankungen zu durchbrechen. Diese haben nicht nur wirtschaftliche Folgen, sondern erzeugen auch soziale Ungleichheit. Außer den Kosten für das Gesundheitssystem wegen der Behandlung verursacht Diabetes auch hohe indirekte Kosten. Das hängt mit der geringeren Produktivität der Arbeitskräfte, Frühpensionierung und der Zahlung von Sozialleistungen zusammen. 

Und das, obwohl Typ-2-Diabetes größtenteils zu verhindern ist. Risikofaktoren sind exzessive Gewichtszunahme und Fettleibigkeit, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel.

EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg betonte bei einer vom Europäischen Diabeteskongress organisisierten Konferenz die Wichtigkeit, die die Vorbeugung bei der Krankheit spielt. Experten zufolge kann die Förderung und Erleichterung einer gesunden Lebensweise die Entstehung von Typ-2-Diabetes bei Kindern, schwangeren Frauen und Risikogruppen verzögern oder verhindern.  

Prinz Joachim zu Dänemark ist seit 1992 der Schirmherr der Dänischen Diabetesvereinigung. Ihm zufolge drückt die schnell wachsende Zahl der Diabetesfälle die entstehende Last nicht adäquat aus. "Diabetes hat auch gewichtige negative Auswirkungen auf Familien und soziale Umgebungen. Wir dürfen das nicht weiterhin zulassen. Die Kosten für den Durchbruch des Diabetesteufelskreises werden beträchtlich sein, aber Hinauszögern wird noch teurer werden", sagte er. 

Die belgische Ministerin für Soziale Angelegenheiten und Gesundheit, Laurette Onkelinx, verwies auf die durch Diabetes verursachten Folgeerscheinungen wie Erblindung und Nierenversagen. 5-10 Prozent der Diabetiker könnten sogar Gliedmaßen verlieren. "Diabetes erfordert eine multidisziplinarische Vorsorge, die beständig und qualitätsvoll ist", sagte die belgische Ministerin. 

Öffentlich-private Partnerschaften könnten eine der Lösungen für eine nachhaltige Strukturierung der Gesundheitssysteme sein. Sie werden sicherstellen, dass Diabetiker Zugang zur Behandlung jetzt und in der Zukunft haben, sagte Jerzy Gruhn, Europavorsitzender des pharmazeutischen Konzerns Novo Nordisk.  

Auch Henrik Nedergaard, der Vorstandsvorsitzende der Dänischen Diabetesvereinigung, ist dieser Auffassung. Mit gemeinsamem Handeln der europäischen Führung und innovativen Partnerschaften können die Patienten ein besseres Leben führen. "Für mich ist es selbstverständlich, dass die Patienten zuerst kommen. Wir müssen gewährleisten, dass Menschen mit Diabetes ihr Leben ohne Einschränkungen leben können und haben die besondere Verpflichtung, Wissen und "best practice" allen Patienten in Europa zur Verfügung zu stellen und nutzbar zu machen", sagte er. 

Vorbeugung ist wichtig

Die französische Diabetesvereinigung hob während der Diabetes Awareness Week im Juni 2014 die "stille Art von Diabetes" hervor. "Es gibt ungefähr vier Millionen Diabetiker in Frankreich und unsere Schätzungen zeigen, dass etwa 700.000 nichts von ihrer Erkrankung wissen. Diabetes ist eine stille Epidemie, die auf dem Vormarsch ist. Wenn in den nächsten zehn Jahren nichts geschieht, wird die Zahl der französischen Diabetiker auf acht Millionen steigen", sagte die Organisation. 

Man muss zwischen Diabetes Typ 1 und Typ 2 unterscheiden. Bei Typ 1 handelt es sich um eine genetisch bedingte Erkrankung, die überwiegend junge Menschen betrifft und weniger verbreitet ist. Typ 2 kann sich in jedem Alter ausbilden und 90-95 Prozent der Diabetesfälle sind darauf zurückzuführen. 

Typ-2-Diabetes entwickelt sich oft unbemerkt. Die Patienten gehen erst dann zu einem Arzt, wenn die ersten ernsthaften Komplikationen auftreten. Zu diesem Zeitpunkt ist die Behandlung bereits zu spät. In Frankreich sind nach Angaben der Vereinigung 2.7 Millionen Menschen betroffen. "Die Diagnose Diabetes kommt oft zu spät, weil es eine schleichende Krankheit ist. Am Anfang steigen die Blutzuckerwerte und der Blutdruck langsam. Es dauert fünf bis zehn Jahre, bevor die ersten Zeichen und Diabetes diagnostiziert werden können", sagte der Pariser Kardiologe Patrick Henry

Viele gesundheitliche Komplikationen gehen mit Typ-2-Diabetes einher. Am Besorgniserregendsten dabei ist das erhöhte Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung. Das gilt insbesondere für Diabetiker, die rauchen, hohe Cholesterinwerte, erhöhten Blutdruck und Übergewicht haben. "Herzanfälle sind ein großes Risiko für Diabetiker. Ihr Risiko ist drei oder vier Mal höher. Die Studie zeigt, dass Patienten mit Typ-2-Diabetes demselben Risiko auf eine Herzkrankheit unterliegen wie Patienten, die unter einer Herzkrankheit leiden", meinte Henry.

Krankheit der Unterprivilegierten

Die bevorzugten Opfer von Diabetes Typ 2 sind die nicht so gut Gestellten. Henry nennt es die Krankheit der Unterprivilegierten, weil sie die gesellschaftlichen Unterschiede in Frankreich widerspiegeln. "Es gibt ein Nord-Süd-Gefälle bei Diabetes. Das könnte sein, weil die Essgewohnheiten in den Nordregionen schlechter sind, verglichen mit dem mediterranen Lebensstil in Südfrankreich, der gesünder für Diabetiker ist", so der Kardiologe. 

Vorbeugung ist für den Stop der Ausbreitung von Diabetes wichtig. Mehr Kontrolle über die Entstehungsphase der Erkrankung würde beim Umgang damit helfen. "Der Trend kann in der Anfangsphase der Krankheit, in den ersten zehn Jahren, umgekehrt werden. Danach ist es nicht mehr möglich. Deshalb ist die Vorbeugung entscheidend", sagte Henry gegenüber EURACTIV. 

Patientenstärkung

Der dänische Gesundheitsminister Nick Hækkerup stimmte Henry zu. Sollten die Politiker nicht handeln, würden viele Menschen in Europa in Zukunft eine niedrigere Lebensqualität erfahren. Die Krankheit spiegle die soziale Ungleichheit wider und betreffe insbesondere Menschen, die der Unterschicht angehören, sagte der Minister gegenüber EURACTIV in einem Interview. 

Diabetes sei eine "ernsthafte Herausforderung" für die europäische Bevölkerung. Das bedürfe einer verbesserten Antwort der politischen Entscheidungsträger, so Hækkerup. Er forderte eine Patientenstärkung für die Bekämpfung von Diabetes. " In einem nicht geringen Maße denke ich, dass einer der Schlüssel für die Bekämpfung von Diabetes in den kommenden Jahren die Patientenstärkung ist, den Patienten über die Krankheit zu informieren, den Patienten buchstäblich zu bilden, wie man die Krankheit behandelt und wie man mit ihr umgeht wenn man die Krankheit hat. Ich denke, dass es bei der Stärkung der Menschen durch Aufklärung viel zu tun gibt, so dass sie die richtigen Entscheidungen für sich treffen können", sagte Hækkerup.

Die anderen Nebenwirkungen

Mit Diabetes verbundene Komplikationen könnten auch zur Erblindung führen, sagt Michael Larsen, Professor für Augenheilkunde beim Glostruper Krankenhaus und der Nationalen Augenklinik Dänemarks. Die Krankheit ist die häufigste Ursache für Blindheit unter Arbeitern, kann aber meistens verhindert und behandelt werden. 

Obwohl bei mehr Menschen Diabetes diagnostiziert wird, führe das nicht automatisch zu einem Anstieg der Blinden in der EU, sagte Larsen. Die Vorbeugung und die Behandlung bei Erblindung würden schneller voranschreiten als die wachsende Zahl der Diabetiker. "Obwohl wir also mehr Leute mit Diabetes sehen, wird ihre Behandlung besser, was bedeutet, dass sie auch eine bessere Behandlung für ihre Augenkomplikationen in Verbindung mit Diabetes erhalten", sagte der Professor. "Wenn wir nur sicherstellen könnten, dass den Diabetespatienten eine Behandlung angeboten wird. Dann könnten wir verhindern, dass die Menschen wegen Diabetes erblinden. Vielleicht würde sich ihre Sicht dadurch verschlechtern, aber in Island zum Beispiel haben sie viele Doktoren und beinahe niemand erblindet an Komplikationen, die mit Diabetes in Verbindung stehen."

Positionen

Prinz Joachim zu Dänemark ist seit 1992 der Schirmherr der Dänischen Diabetesvereinigung. Ihm zufolge drückt die schnell wachsende Zahl der Diabetesfälle die entstehende Last nicht adäquat aus. "Diabetes hat auch gewichtige negative Auswirkungen auf Familien und soziale Umgebungen. Wir dürfen das nicht weiterhin zulassen. Die Kosten für den Durchbruch des Diabetesteufelkreises werden beträchtlich sein, aber Hinauszögern wird noch teurer werden."

Die belgische Ministerin für Soziale Angelegenheiten und Gesundheit, Laurette Onkelinx, verwies auf die durch Diabetes verursachten Folgeerscheinungen. Sie können Menschen unfähig machen, da Diabetes zur Erblindung und Nierenversagen führen kann. 5-10 Prozent der Diabetiker könnten sogar Gliedmaßen verlieren. "Diabetes erfordert eine multidisziplinarische Vorsorge. die beständig und qualitätsvoll ist", sagte die belgische Ministerin.

Henrik Nedergaard, der Vorstandsvorsitzende der Dänischen Diabetesvereinigung, sagte: "Für mich ist es selbstverständlich, dass die Patienten zuerst kommen. Wir müssen gewährleisten, dass Menschen mit Diabetes ihr Leben ohne Einschränkungen leben können und haben die besondere Verpflichtung, Wissen und "best practice" allen Patienten in Europa zur Verfügung zu stellen und nutzbar zu machen."

Während der Diabetes-Bewusstseins-Woche im Juni 2014 sagte der Pariser Kardiologe Patrick Henry: "Die Diagnose Diabetes kommt oft zu spät, weil es eine schleichende Krankheit ist. Am Anfang steigen die Blutzuckerwerte und der Blutdruck langsam. Es dauert fünf bis zehn Jahre, bevor die ersten Zeichen und Diabetes diagnostiziert werden können."

Der dänische Gesundheitsminister Nick Hækkerup sprach gegenüber EURACTIV davon, dass Diabetespatienten gestärkt werden müssten. "In einem nicht geringen Maße denke ich, dass einer der Schlüssel für die Bekämpfung von Diabetes in den kommenden Jahren die Stärkung der Patientenstärkung ist, den Patienten über die Krankheit zu informieren, den Patienten buchstäblich zu bilden, wie man die Krankheit behandelt und wie man mit ihr umgeht wenn man die Krankheit hat. Ich denke, dass es bei der Stärkung der Menschen durch Aufklärung viel zu tun gibt, so dass sie die richtigen Entscheidungen für sich treffen können."

Michael Larsen, Professor für Augenheilkunde beim Glostruper Krankenhaus und der Nationalen Augenklinik Dänemarks, verwies auf die anderen Komplikationen, die mit Diabetes zusammenhängen. "Wenn wir nur sicherstellen könnten, dass den Diabetesatienten eine Behandlung angeboten wird. Dann könnten wir verhindern, dass die Menschen wegen Diabetes erblinden. Vielleicht würde sich ihre Sicht dadurch verschlechtern, aber in Island zum Beispiel haben sie viele Doktoren und beinahe niemand erblindet an Komplikationen, die mit Diabetes in Verbindung stehen."

Zeitstrahl

  • November 2013: der EU-Gesundheitshaushalt 2014-2020 wurde verabschiedet
  • 3.-4. April 2014: EU-Gesundheitsgipfel zu chronischen Erkrankungen 
  • April 2014: Europäischer Kongress zur Fettleibigkeit 
  • 22.-24. Mai 2014: World Health Assembly in Genf
  • 30. August-3. September 2014: European Society for Cardiology Kongress in Barcelona
  • 17. September 2014: Launch of the Diabetes Index 2014 in Vienna, Austria
  • 29. September 2014: Weltherztag
  • 1.-3. Oktober 2014: Gastein Health Forum in Österreich
  • 29. Oktober 2014: Weltschlaganfalltag
  • 4.-6. November 2014: Konferenz im Europaparlament über Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Weitere Informationen

Europäische Kommission

Europäisches Parlament

Weltgesundheitsorganisation (WHO)

NGOs, Denkfabriken & Akademische Welt