Pharma-Boss: „Manche EU-Länder bremsen den Markteintritt von Generika aus“

EU Europa Nachrichten

Jacek Glinka ist Vorsitzender des Industrieverbandes Medicines for Europe. [Medicines for Europe]

Wie senkt man Arzneimittelpreise und verbessert die medizinische Versorgung? Für Jacek Glinka liegt die Lösung auf der Hand: Generikapräparate brauchen einen besseren Marktzugang. EURACTIV Brüssel berichtet.

Jacek Glinka ist Vorsitzender von Medicines for Europe, dem Verband der europäischen Generika-, Biosimilar- und Value-added-Pharmaindustrie.

EURACTIV: In der EU und ihren Mitgliedsstaaten diskutiert man eifrig über Arzneimittelpreise und den Zugang zur Gesundheitsversorgung. Wie sieht Ihr Ansatz aus?

Glinka: Viele Politiker und Gesundheitsminister übersehen, dass man den Zugang zur medizinischen Behandlung am effektiven verbessern kann, indem man Generikaprodukten den Markt öffnet und ihre Verbreitung zulässt. Man sollte so viel wie möglich tun, um den kommerziellen Einstig solcher Produkte auf dem Markt wirksam zu koordinieren. Auf diese Weise verbessert man den Zugang zur Gesundheitsversorgung. Denn solange das Originalprodukt unter Patentschutz steht, genießt es eine Art Monopolmacht und man kann kaum an der Preisschraube drehen.

Italiens Pharma-Skandal heizt Debatte um Arzneimittelpreise an

Angesichts eines Skandals in der italienischen Pharmaindustrie fordert die Europäische Verbraucherorganisation (BEUC) die Kommission dazu auf, „unethische“ Preissetzung im Wirtschaftszweig zu untersuchen. EURACTIV Brüssel berichtet.

Andererseits ist es natürlich gut, einen anständigen Preis für Innovationen zu verlangen. Das ermutigt die Industrie, sich in dieser Hinsicht mehr anzustrengen. Von dem Moment an, an dem das Präparat jedoch seinen Patentschutz verliert, sollten Regierungen ihr Äußerstes tun, um sicherzustellen, dass es von der Generikaindustrie und möglichst vielen verschiedenen Akteuren anderer Branchen vermarktet werden kann.

Das schafft Zugang und verbessert das Preis-Leistungs-Verhältnis ungemein. Denn der Preis für Medikamente sinkt, sobald Generikaprodukte ins Spiel kommen und das geschieht nicht vor Ende des Patentschutzes ­– durch Marktregulierung und nicht etwa weil jemand einen Preis ausgehandelt hat. So fördert man Wettbewerb auf dem Markt.

Medicines for Europe vertritt die Generikaindustrie, die 100 Milliarden Euo an Einsparungen ermöglicht, weil sie den Zugang zu erschwinglichen Qualitätsprodukten verbessert.

Das heißt, die europäische Gesellschaft müsste andernfalls 100 Milliarden Euro mehr aufbringen, wenn es unsere Präparate nicht geben würde. Je eher wir also ein positives Umfeld schaffen, je eher wir all die Schranken beseitigen, die Generika vom Markteintritt direkt nach dem Verfall eines Patents abhalten und je eher wir Anreize für die Industrie schaffen, den Marktanteil dieser Produkte zu vergrößern, desto besser ist der von der Regierung bereitgestellte Zugang zu medizinischer Behandlung.

Warum kommt es international immer wieder zu Verzögerungen?

Das liegt an den Herstellen von Originalpräparaten. Sie versuchen, ihre Monopolstellung so lange wie möglich beizubehalten. Auch ineffiziente Vorschriften spielen eine wichtige Rolle. Auf vielen Märkten gibt es noch immer unterschiedliche Mechanismen, die den effektiven Markteintritt von Generika ausbremsen.

Was würden Sie davon halten, wenn Länder mit ähnlichen medizinischen Bedürfnissen als Gruppe gemeinsam mit Pharmakonzernen verhandeln würden?

Das betrifft meiner Meinung nach vor allem die Hersteller der Originalpräparate. Wir vertreten die Generikabranche. Für uns ist die Frage nach einer gemeinsamen öffentlichen Ausschreibung nicht relevant. Wichtig für das System ist meiner Meinung nach, zu welchem Preis das Produkt letzten Endes über die Ladentheke wandert. Wenn die Regierungen meinen, dass sie bessere Ergebnisse erzielen, indem sie Einkaufsgemeinschaften gründen, sollen sie das tun.

Malta: Mehr Transparenz bei Arzneimittelpreisen

Malta will in seiner EU-Ratspräsidentschaft mehr Transparenz in den Preisverhandlungen für Arzneimittel zwischen Pharmakonzernen und Mitgliedsstaaten erreichen, bestätigt Maltas Gesundheitsminister Chris Fearne im Interview mit EURACTIV Brüssel.

Das, wofür wir uns einsetzen – nämlich die Harmonisierung der Regulierungsrahmen – betrifft Generikapräparate und Markenprodukte gleichermaßen. Sie ist absolut notwendig, wenn wir Fortschritt in dieser Dimension erreichen wollen. Auch bei Generika-Produkten ist es häufig so, dass es in einem Land zu Engpässen kommt, während es in einem anderen ein Überangebot gibt. Dennoch können die Produkte des Letzteren nicht dort verkauft werden, wo Knappheit herrscht, weil die Verpackungsgröße nicht stimmt, die Verpackungssprache nicht die Richtige ist oder andere Vorschriften den Fluss der Waren auf dem Markt verhindern. Es handelt sich um dieselbe Tablette vom selben Hersteller, die jedoch nicht auf anderen Märkten verkauft werden darf.

Wir setzen uns für die vollständige Harmonisierung der Vorschriften ein. Verpackungsgrößen, elektronische Beipackzettel, die Verpackungen an sich sollten soweit es geht EU-weit standardisiert werden. So können nationale Regeln die Generikaverteilung zwischen einzelnen Märkten nicht länger behindern und Engpässe werden ausgeglichen.

In dieser Hinsicht lässt sich über Verhandlungen noch viel erreichen. Denn wie will man ein gemeinsames Beschaffungswesen einrichten, wenn die Produkte aus regulativer Sicht nicht gleich sind.

Wie steht es derzeit um Generikapräparate in Europa und wie können sie den Gesundheitsmarkt langfristig nachhaltiger gestalten?

Die Situation ist gut, könnte jedoch um Einiges besser sein. Momentan machen Generika etwa 56 Prozent des Gesamtvolumens in Europa aus, nicht jedoch, was den Wert betrifft. Abgesehen von den USA gibt es auch in Europa bereits Länder, in denen die Marktdurchdringung von Generika 80 oder 90 Prozent aus macht.

Wir haben uns also noch Einiges vorgenommen. Offensichtlich gibt es noch viel Raum für Verbesserungen. Die Werkzeuge, mit denen wir die Leistungsfähigkeit unserer Gesundheitssysteme steigern können, liegen uns bereits vor – Generika und Biosimilars. Aber wir nutzen sie einfach nicht. Es kann noch viel getan werden, um die Effizienz auf 70, 80, 90, wenn nicht sogar 100 Prozent zu steigern. Es gibt keinen Grund, Marken zu schützen, wenn doch Generikaprodukte zur Verfügung stehen.

Wie groß ist das Potenzial von Biosimilars (biotechnologisch hergestellte Arzneimittel)?

Ihr Potenzial ist riesig. Im Grunde genommen sind sie wie Generika auf den Märkten für Kleinmoleküle. Sie sorgen beim Patienten für das gleiche Ergebnis wie das Originalprodukt. Das ist möglich, weil der Regulierungsrahmen bereits sicherstellt, dass dieser Grundsatz für die Patienten gewahrt bleibt.

Sind sie bezahlbar?

Generika sind laut Definition immer günstiger als das Original, weil sie keine klinischen Studien mehr erfordern. Das Gleiche gilt für Biosimilars. Im Durchschnitt liegen ihre Herstellungs- und Entwicklungskosten deutlich über denen für Kleinmoleküle, aber die zugrundeliegenden Mechanismen funktionieren genau gleich.

Wenn ich also sage, dass wir eine effiziente Umgebung für Generikaprodukte schaffen müssen, damit diese eines Tages ungehindert auf den Markt kommen und sich dort einen bis zu 100-prozentigen Anteil sichern können, gilt das auch für Biosimilars. Wir müssen ein Umfeld erzeugen, dass es neuen Biosimilars ermöglicht, schnell Marktzulassungen zu erhalten. Hier geht es um die gesamte Preisbildung, die Erstattungsentscheidungen und die Notwendigkeit, Anreize und Informationen für Patienten, Apotheker und Hausärzte bereitzustellen, damit diese Produkte auch entsprechend angenommen werden.

Welche Zukunft haben Biosimilars in der EU?

Man muss wissen, dass biologische Arzneimittel mit Patentschutz zu den teuersten Medikamenten gehören. Sieben der zehn teuersten Präparate, die zusammen 30 bis 40 Prozent aller Ausgaben umfassen, sind Bio-Arzneimittel. Und jedes dieser sieben Produkte hat einen Biosimilar-Konkurrenten.

Auch wenn es also weniger Biosimilars gibt beziehungsweise geben wird, bleiben noch immer mehr als 1.000 Generika. In den kommenden zehn Jahren wird es wahrscheinlich nur 25 bis 30 Biosimilars geben. Ihre Auswirkungen auf den Haushalt werden jedoch gewaltig sein – einfach weil die biologischen Patentprodukte dem System unheimlich hohe Kosten verursachen. Europa kann dadurch schätzungsweise 30 bis 40 Milliarden Euro einsparen – und das mit nur 25 Arzneimitteln.

Wir sind also dafür, dass die Regierungen Informationen austauschen, wie sie es seit Kurzem tun, und gemeinsam Markenmedikamente erstehen, sobald diese auf den Markt kommen. Eine solche Zusammenarbeit fordern wir auch beim Austausch von Know-How und bewährten Verfahren, wenn es darum geht, Generikapräparaten und Biosimilars einen effektiven Markteinstieg zu ermöglichen, damit diese so schnell wie möglich ihren Marktanteil ausbauen können.

Worin besteht Ihrer Meinung nach die derzeit größte Herausforderung?

Ach, da gibt es so viele! Zunächst einmal mangelt es den verschiedenen Akteuren meist an Verständnis und Wissen. Daher liegt es uns, der Industrie, besonders am Herzen, ihnen zu klarzumachen, dass diese Produkte sicher und wirksam sind.

Das Interview wurde gekürzt. Die vollständige Fassung finden Sie hier.

Weitere Informationen

EU-Gesundheitsminister im Kampf gegen hohe Arzneimittelpreise

Die EU-Gesundheitsminister sagen den exzessiven Preissteigerungen auf dem Arzneimittelmarkt den Kampf an. EURACTIV Brüssel berichtet.

Steigende Arzneimittelkosten belasten Gesundheitssysteme

Frankreich verlangt von den G7, gegen inflationäre Medikamentenpreise vorzugehen. Die machen den sozialen Sicherungssystemen weltweit schwer zu schaffen. EURACTIV Frankreich berichtet.