„Drogen-Konsumenten werden ungewollt zu Versuchskaninchen“

Das Internet und die sozialen Medien spielen dem EMCDDA-Direktor Alexis Goosdeel zufolge für den Markt neuer und besonders wirksamer Drogen eine große Rolle. [Foto: European Union , 2016]

Das Internet wird in Europa zum unüberschaubaren Marktplatz für neue gefährliche Substanzen  – und  immer mehr junge Menschen greifen unbedacht zu, warnt der Direktor der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen EMCDDA, Alexis Goosdeel.

Der EMCDDA-Jahresbericht zur Lage des Drogenkonsums in Europa warnt, dass der Konsum neuer synthetischer Drogen mit unbekannter Wirkung gerade unter jungen Menschen  zunimmt. Um welche Drogen geht es dabei?

Das unterscheidet sich von Land zu Land – sowohl das Alter der Konsumenten und auch die Art der Drogen betreffend. Unsere Recherchen zeigen aber, dass immer mehr immer jüngere Menschen das als Partydroge geltende Amphetamin MDMA nehmen. Aber während MDMA früher vor allem auf Techno-Partys eingenommen wurde, wird der Konsum außerhalb von Clubs und Partys immer gängiger. Dadurch dürfte es noch schwieriger werden, den Konsum zu kontrollieren.

MDMA ist nach Angaben der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht eine der beliebtesten „Partydrogen“. In der elektronischen Tanzszene liegt es aktuell auf Platz 2 der meistkonsumierten illegalen Substanzen hinter Speed. Woran liegt die wachsende Verbreitung von MDMA und anderen Substanzen?

Die Chemie erlaubt es, alle Arten von Molekülen zu ändern. Und die synthetischen Drogen haben ein großes Potenzial: Mit einem Zehntel Gramm bestimmter Substanzen kann man zehntausende Dosen produzieren. Oft kommen synthetische Substanzen aus China und Indien, und auch in Europa gibt es immer mehr Laboratorien. Seit einigen Jahren werden außerdem zunehmend Transport-Container benutzt, um die Drogen nach Europa und Amerika zu schmuggeln. Diese Wege systematisch zu kontrollieren ist schwer. Aber zum Glück haben noch nicht alle Mittel einen Markt gefunden.

Dennoch nimmt in einigen Ländern die Zahl der Todesopfer infolge einer Überdosis zu. Um welche Drogen geht es, und welche Länder sind besonders betroffen?

Die Zahlen sind besonders in Irland, Großbritannien, Finnland und auch Staaten aus ganz anderen europäischen Regionen wie Frankreich gestiegen. Aber wir kennen die Ursache nicht. Was wir wissen ist, dass in einer Gruppe von 18 der 28 Staaten mittlerweile mehr Menschen an Opioiden und Heroin sterben. Die Frage bleibt: Woher kommt das. Den immer wieder angesprochenen Verdacht, das für die Behandlung von Abhängigen genutzte Opioid Methadon gelange zu häufig über den Schwarzmarkt in falsche Hände, teile ich eher nicht. Denn in einigen dieser Länder wird Methadon gar nicht angewandt – aus Angst vor Missbrauch und Weiterverkauf. Ich halte die Standards zur Vergabe von Methadon für ziemlich hoch. Wir haben keine Hinweise darauf, dass die Art der Behandlung schlecht läuft. Toxikologische Analysen zeigen aber: Oft traten Todesfälle durch die Einnahme mehrerer Substanzen in Kombination auf.

Ihrem Bericht zufolge waren allein 2015 98 neue psychoaktive Substanzen in Europa im Umlauf. Damit gibt es nun mehr als 560 solcher Drogen auf dem Markt, deren Auswirkungen auf die Gesundheit oft noch nicht bekannt sind. Sie warnen, so könnten Konsumenten leicht als Versuchsobjekte für eine neue Generation synthetischer Drogen dienen. Was kann Politik hier tun?

Das ist ein komplexes Thema, denn sowohl Produzenten als auch Konsumenten ändern sich. Aber der Fakt, dass viele Produzenten und Dealer neue Substanzen auf den Markt bringen wollen, deren Risiko nicht bekannt ist und Konsumenten ungewollt zu Versuchskaninchen macht, ist beunruhigend. Die Hersteller der Mittel versuchen auf jeden Fall, ihre Märkte auch online auszuweiten. In den Mitgliedsländern gibt es aber viele Initiativen und NGOs, die Präventionsprogramme leiten und Internetrecherchen durchführen, um potenzielle Drogenkäufer zu erreichen. Vor allem jene, die regelmäßig Drogen nehmen, erreicht man inzwischen selten über traditionelle Wege.

Das Internet und die sozialen Medien spielen ihren Recherchen zufolge für den Markt neuer und besonders wirksamer Drogen eine große Rolle.

Ja, das Internet ist zum Marktplatz geworden, vor allem in den lokalen Märkten. Online-Plattformen helfen, neue Konsumenten zu finden. Die Menschen tauschen sich dort über ihre Erfahrungen aus, und manche Gruppen laden geradezu dazu ein, neue Substanzen auszuprobieren. Auch für den Vertrieb der Mittel aus China und Indien nutzen die Produzenten  bestimmte Netzwerke. Das Problem ist, dass wir immer einen Schritt hinter den Dealern sind.

Der EU-Kommissar für Inneres, Dimitris Avrampopoulos, hat auf die Befunde des Drogenberichts hin auch die Internetbetreiber dazu aufgerufen, das wachsende Problem anzugehen. Was lässt sich denn hier tun?

Das ist in der Tat eine schwierige Herausforderung. Die jungen Leute als Digital Natives kommunizieren anders als die ältere Generation. Darum sind nicht nur die traditionellen Warnungen zur Prävention wichtig. Man muss die Menschen erreichen, die regelmäßig Onlineplattformen zum Verkauf und Erfahrungsaustausch nutzen. Es bringt nichts, ihnen zu sagen, hör auf das Zeug zunehmen. Aber sie genau über die Wirkung und Risiken der Substanzen zu informieren  macht Sinn.

Eine magische Lösung gibt es eben nicht. Aber in manchen Fällen können wir durchaus Websites identifizieren, die Drogen verkaufen. Um hier zu helfen, müssen Internetbetreiber im Prinzip handeln, wie auch beim Handel mit Waffen oder Pornografie. Die Initiative des Kommissars, die Situation zu analysieren, Experten aus den Mitgliedsstaaten hinzuzuziehen und zwischen den Ländern mehr Informationen auszutauschen, ist hier ein wichtiger Schritt. Denn das Internet kennt keine Grenzen.

Natürlich sind weitere Maßnahmen nötig. An Orten, wo Drogen genommen werden, kann man auch die schlimmsten Wirkungen abzufedern versuchen, etwa indem etwa man genügend Wasser in Clubs anbietet. Denn Mittel wie Ecstasy, MDMA und andere Designerdorgen führen zu Dehydrierung, was einen Kreislaufzusammenbruch verursachen kann.

Würden Sie sagen, dass es Mängel bei der Drogenpolitik Europas gibt?

Eigentlich nein. Im Moment haben wir 28 Staaten, die gut beim Informationsaustausch kooperieren, wenn neue Substanzen entdeckt werden. Wissen dazu zu sammeln und zu schaffen ist wichtig. Vor 20 oder 30 Jahren gab es das so noch nicht.

Wir verzeichnen auf jeden Fall auch Erfolge: Europa hat die Möglichkeiten der Behandlungen von Drogenabhängigkeit in den vergangenen Jahren erweitert, die Zahl der HIV-Infektionen als auch der Überdosis-Opfer gesenkt. Die USA etwa schauen inzwischen auf Europa als Vorbild, wenn es darum geht,  wie man Drogennutzung entkriminalisieren kann. Wir haben zunehmend ein Herangehen, junge Leute nicht wegen der Drogeneinnahme ins Gefängnis zu stecken. Wenn ich einen Sohn mit Drogenproblemen habe, kann ich in Europa überall Orte finden, an denen er beraten und behandelt wird.

Was wären nächste Schritte für die Politik?

Die Vision ist, ein gemeinsames Frühwarn-System für neue Substanzen zu entwickeln. Daran arbeitet die Kommission in Kooperation  mit den Mitgliedsstaaten im Moment. Informationen über Nutzung, Toxikologie und Strategien auszutauschen, ist das Wichtigste. Europa hat als einzige Region in der Welt in den letzten 20 Jahren Daten gesammelt und viele Experten dazu, die verschiedene Zukunftsszenarien entwickeln.

Wichtig ist die Einsicht: Drogen ändern sich. Wir müssen die Situation analysieren und einschätzen können, was uns in der Zukunft an Problemen erwartet und wir dem begegnen können.

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