Wir brauchen weiteren medizinischen Fortschritt

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Wir brauchen dringend weiteren medizinischen Fortschritt, meint der Vorstand der Bayer AG, Kemal Malik. [heipei/Flickr]

Die Gesundheit, heißt es, ist ein hohes Gut. Das sieht auch die Bundesregierung so: Für die aktuelle deutsche G20-Präsidentschaft hat sie die globale Gesundheit zum ersten Mal zu einem der Schwerpunktthemen gemacht. Das hat den Charakter eines Weckrufs – und er kommt zur rechten Zeit. Denn trotz unbestreitbar großer Fortschritte im Gesundheitsbereich gibt es auch eine ganze Reihe drängender Probleme.

So haben wir für einen erheblichen Teil der rund 30.000 bekannten Krankheiten noch immer keine zufriedenstellenden Therapien. Hinzu kommt, dass bestimmte Krankheiten wie Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen immer häufiger auftreten, was vor allem daran liegt, dass die Menschen älter werden. Und in zahlreichen ärmeren Ländern leidet rund eine Milliarde Menschen unter den sogenannten „Vernachlässigten Tropenkrankheitenwie der Chagas-Krankheit, dem Dengue-Fieber oder der Flussblindheit.

All das lässt nur einen Schluss zu: Wir brauchen dringend weiteren medizinischen Fortschritt. Die gute Nachricht ist, dass die nächste Welle der medizinischen Innovation schon unterwegs ist – weltweit sind derzeit mehr als 7.000 Medikamente in der Entwicklung.

Innovationen in der Medizin helfen nicht nur dabei, Krankheiten besser zu bekämpfen und den Menschen ein längeres und aktiveres Leben zu ermöglichen. Häufig tragen sie auch dazu bei, die Kosten zu senken und die Gesundheitssysteme zu entlasten – etwa weil Folgeerkrankungen verhindert werden, weniger Kontrollen durch den Arzt erforderlich sind oder teure Operationen unnötig werden. Leider erfahren gerade kleine Verbesserungsschritte oftmals keine angemessene Wertschätzung. Zu Unrecht, denn auch viele kleine Schritte bedeuten in der Summe großen Fortschritt. Sie kommen den Patienten zugute und bringen die Wissenschaft voran.

Mit seiner Forschungsintensität und Innovationskraft trägt der Gesundheitssektor auch wesentlich zu Beschäftigung und volkswirtschaftlichem Wachstum bei. In Deutschland zum Beispiel lag der Beitrag der Branche zur Wirtschaftsleistung zuletzt bei 324 Milliarden Euro, oder zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Außerdem ist eine gesunde Bevölkerung auch eine wichtige Voraussetzung für Wachstum und Wohlstand. Ökonomen schätzen, dass durch eine Steigerung der durchschnittlichen Lebenserwartung um ein Jahr das Pro-Kopf-Einkommen eines Landes um etwa vier Prozent zunehmen kann.

Vor dem Hintergrund der zahlreichen Herausforderungen im Gesundheitssektor ist es wichtigmedizinische Innovationen stärker zu fördern. Dazu gehören innovationsfreundliche Rahmenbedingungen wie ein starker Patentschutz, unbürokratische Kooperationen zwischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen sowie eine dynamische Gründerszene und ausreichend Wagniskapital für Start-ups. Auch eine steuerliche Forschungsförderung für alle Unternehmen hat sich zur Stärkung der Innovationskraft in vielen Ländern bewährt.

Zudem muss für neue Technologien wie die „Genom-Editierung“ ein angemessener Rahmen geschaffen werden. Diese bahnbrechende Technik könnte es ermöglichen, schwere genetische Erkrankungen beim Menschen zu therapieren oder sogar zu heilen, indem der für die Erkrankung verantwortliche Teil der DNA korrigiert wird. Wir brauchen daher eine gesellschaftliche Diskussion über den richtigen Rahmen, der die Weiterentwicklung dieser Technologie ermöglicht.

Parallel zum medizinischen und technologischen Fortschritt brauchen wir aber auch neue Ideen, um die nationalen Gesundheitssysteme effizienter zu gestalten und den Zugang der Menschen zu Gesundheitsleistungen zu verbessern. Dabei können digitale Lösungen, die seit einiger Zeit auch im Gesundheitsbereich Einzug halten, einen großen Beitrag leisten. Wo möglich und sinnvoll, sollten die Menschen auch dabei unterstützt werden, sich selbst mit rezeptfreien Medikamenten zu versorgen – auch das wäre ein Beitrag zur Entlastung der Gesundheitssysteme.

Dies alles zeigt: Wir brauchen mehr Innovation in der Medizin, nicht weniger, und eine höhere Wertschätzung dafür. Und wir brauchen ein umfassenderes Verständnis von Innovation, das auch soziale und organisatorische Neuerungen mit einschließt. So kann gelingen, was auf den ersten Blick aussieht wie die Quadratur des Kreises: die globale Gesundheit weiter zu verbessern und gleichzeitig die Nachhaltigkeit der Gesundheitssysteme sicherzustellen.

Kemal Malik ist Vorstandsmitglied der Bayer AG und verantwortlich für Innovation.