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01/10/2016

Pflanzen-Gentechnik: BASF verlässt frustriert Europa

Forschung und Innovation

Pflanzen-Gentechnik: BASF verlässt frustriert Europa

Mit großen Plakaten wies BASF im April 2010 bei Bütow (Müritz-Kreis) auf die Auspflanzung der gentechnisch veränderten Kartoffel "Amflora" hin. Weil in Europa die Akzeptanz für GVO fehlt, verlegt BASF nun seine Pflanzenbiotechnologie-Aktivitäten von Deuts

Der Chemiekonzern BASF verlagert seine Aktivitäten im Bereich der Pflanzenbiotechnologie von Deutschland in die USA. Die Entwicklung und Kommerzialisierung aller Produkte, die ausschließlich auf den europäischen Markt ausgerichtet sind, werden gestoppt, kündigte BASF an. Die Reaktionen reichen von großer Freude bis zu tiefem Bedauern.

Der deutsche Chemiekonzern BASF hat entschieden, die Unternehmenszentrale der BASF Plant Science von Limburgerhof, Deutschland in die USA nach Raleigh, North Carolina zu verlegen. Die BASF-Aktivitäten im Bereich Forschung und Entwicklung werden nun an den Standorten Raleigh (USA), Gent (Belgien) und Berlin gebündelt. "Die Entwicklung und Kommerzialisierung aller Produkte, die ausschließlich auf den europäischen Markt ausgerichtet sind, werden gestoppt. Die bereits eingeleiteten Zulassungsprozesse werden weitergeführt", teilte BASF am Montag in einer Pressemitteilung mit.

"Wir sind davon überzeugt, dass die Pflanzenbiotechnologie eine der Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts ist. Andererseits fehlt in weiten Teilen Europas immer noch die entsprechende Akzeptanz bei der Mehrheit der Verbraucher, Landwirte und Politiker. Daher ist es aus unternehmerischer Sicht nicht sinnvoll, in Produkte, die für die Kommerzialisierung ausschließlich in diesem Markt vorgesehen sind, weiter zu investieren", sagte BASF-Vorstand Stefan Marcinowski. "Wir werden uns deshalb auf die attraktiven Märkte in Nord- und Südamerika und die Wachstumsmärkte in Asien konzentrieren", kündigte Marcinowski an.

Folgen für Standort Limburgerhof

Für die bisherige Unternehmenszentrale am Standort Limburgerhof bedeutet die Verlagerung vor allem Jobverluste. Von den derzeit 157 Mitarbeiter für BASF Plant Science in Limburgerhof sollen elf Mitarbeiter bleiben, die für Regulierungsfragen in Europa zuständig sind. Die Aktivitäten des Unternehmensbereichs Crop Protection der BASF in Limburgerhof seien von den Maßnahmen nicht betroffen, hieß es bei BASF.

Das Unternehmen plant, seine Standorte in Gatersleben (Deutschland) und Svalöv (Schweden) zu schließen. In Gatersleben arbeiten zurzeit 57 und in Schweden sechs Mitarbeiter. Es sei vorgesehen, 123 Positionen von Limburgerhof und Gatersleben an andere Standorte der BASF Plant Science, hauptsächlich nach Raleigh, zu verlagern und in den kommenden zwei Jahren 78 Stellen zu streichen. Insgesamt würden damit 140 Arbeitsplätze in Europa verloren gehen.

"Unsere Mitarbeiter haben in den vergangenen Jahren hervorragende Arbeit geleistet. Wir bedauern sehr, dass diese qualitativ hochwertigen Arbeitsplätze in Deutschland und Schweden verloren gehen", sagte Marcinowski.

Stoppschild für Amflora & Co

BASF Plant Science wird die Entwicklung und Kommerzialisierung aller Produkte stoppen, deren Kultivierung allein auf die europäischen Märkte ausgerichtet ist. Dies betrifft die gentechnisch veränderten Stärkekartoffeln (Amflora, Amadea und Modena), die gegen Kraut- und Knollenfäule resistente Kartoffel Fortuna, eine gegen Kraut- und Knollenfäule resistente Stärkekartoffel und eine Weizensorte, die resistent gegen Pilzbefall ist. Die Zulassungsprozesse, die bereits angelaufen sind, werden allerdings fortgeführt.

Reaktionen

In Deutschland und Europa wurde die Entscheidung mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Werner Langen, Vorsitzender der CDU/CSU-Gruppe im Europaparlament, bezeichnete die Entscheidung als "bedauerlich, aber unternehmerisch nachvollziehbar". Sie zeige, dass der Flickenteppich an nationalen Regelungen in diesem Bereich Europa zu einem unattraktiven Standort gemacht habe. "Die grüne Gentechnik muss in Europa wieder positiv besetzt und gefördert werden", lautet seine Schlussfolgerung.

Britta Reimers, agrarpolitische Sprecherin der FDP im Europäischen Parlament, bedauerte die Entscheidung ebenfalls: "Die weitgehende Abwanderung der Pflanzentechnologie-Sparte der BASF aus Europa ist ein weiteres trauriges Kapitel in der Geschichte des Verfalls des Wissenschaftsstandortes Europa. Die europäische Angewohnheit, technologische Neuerungen nicht als Chance, sondern hauptsächlich als Bedrohung wahrzunehmen, rächt sich. Gerade in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise kann sich Europa eine solche Politik nicht länger erlauben. Die endlosen Debatten über das Für und Wider von Biotechnologie ohne klare Entscheidungen vertreiben die Industrie", so Reimers.

Der Umweltschutzverband Friends of the Earth Europe (FoE Europe) feierte den Rückzug der BASF-Pflanzen-Gentechniksparte als einen "weiteren Sargnagel" für gentechnisch veränderte Lebensmittel in Europa.

"Niemand will das essen und nur wenige Bauern wollen das anbauen. Das ist ein guter Tag für Verbraucher und Landwirte und öffnet der EU die Tür für einen Wechsel hin zu einer grüneren und öffentlich besser akzeptierten Landwirtschaft", sagte FoE-Aktivist Adrian Bebb.

Bebb wertete die BASF-Entscheidung zugleich als eine Peinlichkeit für den EU-Kommissar John Dalli, der für Verbraucherschutz und Gesundheit zuständig ist. Dalli hatte im März 2010 nach jahrelanger Prüfung durch die EU-Kommission die umstrittene Gen-Kartoffel Amflora von BASF zugelassen.

Wenig später, im Juli 2010 hatte die EU-Kommission angekündigt, nicht mehr zentral über die Zulassung von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) in der EU entscheiden zu wollen. Die Mitgliedstaaten sollten allein entscheiden, ob sie den Anbau von Genpflanzen einschränken oder gar verbieten wollen – auch wenn sie in der EU genehmigt sind. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte die Kommissionspläne damals scharf kritisiert.

Die Kommission wollte mit ihrem Vorschlag einen Schlussstrich unter den jahrelangen Streit um Genpflanzen ziehen. So ist etwa der Anbau der umstrittenen Gen-Maissorte MON 810 des US-Konzerns Monsanto in Deutschland verboten, obwohl sie eine EU-Zulassung besitzt.

BASF hat offenbar nicht länger warten wollen, bis sich die EU auf eine einheitliche Politik beim Thema grüne Gentechnik festlegt.

mka

Links


BASF:
Pflanzenbiotechnologie-Aktivitäten auf Hauptmärkte in Nord- und Südamerika konzentriert (16. Januar 2012)

FoE Europe: GMO giant BASF leaves Europe
(16. Januar 2012)

EU-Kommission

Genetisch veränderte Organismen (GVO): EU-Vorschriften laut Bewertungsberichten auf dem richtigen Weg (28. Oktober 2010)

GVO: Mitgliedstaaten sollen alleinzuständig über den Anbau in ihrem Hoheitsgebiet entscheiden können (13. Juli 2010)

Website mit Informationen zu GVO (englisch)


Zum Thema auf EurActiv.de

EU streitet weiter über den Anbau von Genmais (27. September 2010)

EU-Kommission lässt Genmais zu (28. Juli 2010)

Merkel kritisiert Kommissionspläne zu Genpflanzen (22. Juli 2010)

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EU ringt um Genmais-Zulassung (1. Juli 2010)