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28/09/2016

Neue Chance für CCS

Forschung und Innovation

Neue Chance für CCS

Die EU schreibt zum zweiten Mal Fördergelder für innovative Erneuerbare Energie- und CCS-Projekte aus. Insbesondere die ins Hintertreffen geratene Technologie zur Verringerung von Treihausgasen soll so wieder angekurbelt werden. © Heike / PIXELIO

Die EU möchte Unternehmen belohnen, die sich für die Weiterentwicklung der Erneuerbaren Energien und der CCS-Technologie einsetzen. Insbesondere der Ausbau der CCS-Verfahren ist bisher kaum vorangekommen. Einige Mitgliedsstaaten haben ihn komplett aufgegeben: Zu teuer sei die Umrüstung der Kraftwerke, die Umweltfolgen seien nicht absehbar, und die Energiewende werde behindert.

Die EU-Kommission startete am 3. April den zweiten Aufruf für die Bewerbung zum NER300-Programm zur Förderung von CO2-Abscheidung und -Speicherung (carbon capture and geological storage-CCS) und Erneuerbaren Energien.

Unternehmen, Sponsoren oder Konsortien aus EU oder EFTA-Staaten, die Geschäftsmodelle oder Technologien für kommerzielle Demonstrationsprojekte im Bereich CCS oder Erneuerbare Energien entwickelt haben, können sich um die Fördermittel bewerben. Die Bewerbungsfrist endet am 3. Juli 2013. Bis dahin sollen die Mitgliedsstaaten die Vorschläge an die Europäische Investitionsbank (EIB) übermitteln.

Das NER300-Programm kann als Teil der EU-Bemühungen gesehen werden, die umstrittenen CCS-Verfahren marktfähig zu machen. Mit der CCS-Richtlinie wollte die EU die Technik zur Kohlendioxod-Abscheidung als Brückentechnologie des Klimawandels etablieren.

Die CCS-Technologie umfasst verschiedene Verfahren, mit denen klimaschädliche Treibhausgase bei der Verbrennung fossiler Energieträger abgespalten und in unterirdische Stätten eingelagert werden.

Bei den Demonstrationsprojekten geht es primär darum, die Funktionsfähigkeit und Alltagstauglichkeit der neuen Technologien nachzuweisen. Im Gegensatz zu Pilotprojekten steht also nicht mehr die Forschungsfunktion, sondern öffentliche Überzeugungswirkung und mögliche Etablierung am Markt im Vordergrund.

Dies erscheint notwendig, da insbesondere die CSS-Technologie, auch in Deutschland, mit erheblichen Akzeptanzproblemen zu kämpfen hat.

Kommission hält trotz Widerstand an CCS fest

Die Kommission hält jedoch an der Förderung der CCS-Technologie fest. In Anbetracht der steigenden Energienachfrage könne nicht allzu bald auf fossile Energieträger verzichtet werden. Um deren klimaschädliche Wirkung wenigstens abzumildern, solle CSS weiter ausgebaut und gefördert  werden. 

Weltweit gibt es laut Angaben der EU-Kommission 20 Demonstrationsprojekte für die CCS-Technologie, keines davon jedoch auf EU-Territorium, lediglich zwei in Norwegen. Aufgrund des derzeit niedrigen Marktpreises für fossile Energieträger sowie mangelnder gesetzlicher Vorgaben gebe es keine Anreize für Unternehmen, im CSS-Bereich Investitionen zu tätigen.

Die Technologie ist nämlich nicht billig. Der Bau der ersten Kraftwerke, die mit CCS-Technologie ausgestattet wären, würde 60 bis 100 Prozent der Kosten eines konventionellen Kraftwerkes verschlingen. Diese Ergebnisse gingen aus einer öffentlichen Konsultation der Kommission hervor, deren Ergebnisse vergangene Woche veröffentlicht wurden.

Kritik aus Deutschland: CCS zu teuer und Umweltauswirkungen unklar

Diese Erkenntnisse decken sich weitgehend mit den Ansichten der Energieversorger in Deutschland. Aus einem Positionspapier des Konzerns EnBW vom September 2012 geht hervor: "Für diese Technologie gibt es in Deutschland bisher keine Akzeptanz. Im Moment gibt es kein einziges Projekt mehr, mit dem CCS im großtechnischen Maßstab auch nur untersucht werden könnte. Außerdem ist die CCS-Technologie mit erheblichen Kosten verbunden, die perspektivisch die Förderkosten der Erneuerbaren inklusive der Photovoltaik deutlich übertrifft."

Zusätzlich kam es häufig zu öffentlichem Widerstand gegen die unterirdische Einlagerung von CO2. Einige Mitgliedsstaaten haben die Technologie daher grundsätzlich verboten. 

Der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) beispielsweise kritisierte, dass bisher nicht nachgewiesen sei, ob die Lagerstätten für CO2 wirklich dicht sind und kein langfristiges Austreten von Gasen stattfindet. Zudem würde die Förderung von CCS den Zielen der Energiewende entgegenstehen, da auf die Art länger als notwendig an fossilen Energieträgern festgehalten würde.

In Deutschland ist der Einsatz der CCS-Technologie seit dem 24. August 2012 gesetzlich geregelt. Vier Millionen Tonnen CO2 dürfen seitdem jährlich gespeichert werden. Einzelne Bundesländer können CCS jedoch auf ihrem Territorium verbieten. Mit dem Kohlendioxid-Speicherungsgesetz  (KSpG) wurden die Bestimmungen der CCS-Richtlinie der EU in nationales Recht umgesetzt.

NER300: Neue Chance für Brückentechnologie CCS

Klimapolitik-Kommissarin Connie Hedegaard zum Start des aktuellen Förderprogramms: "Mit dem heutigen Startschuss setzt die Kommission ihre Bemühungen fort, den europäischen Unternehmen eine starke Unterstützung zukommen zu lassen, die jene Technologien entwickeln, welche benötigt werden, um den Klimawandel anzugehen. Die überwältigende Teilnahme am ersten Aufruf zeigte, dass EU-Unternehmen sowohl über das Know-how als auch über die Ambition verfügen, eine Vorreiterrolle bei der Umstellung auf eine Low-carbon-Energiegewinnung zu übernehmen. Die zweite Runde bietet allen innovativen Technologien im Bereich der Erneuerbaren Energien und der CCS eine neue Chance auf finanzielle Unterstützung, auch für diejenigen, die in der ersten Runde nicht mit Fördergeldern belohnt wurden. Wir hoffen, dass bis 2018 eine volle Bandbreite an Low-carbon-Projekten in Betrieb sein wird."   

Fördergelder finanziert aus EU-Emissionshandel: Mehr CO²-Ausstoß erhöht Fördergelder

Das NER300-Programm wird aus dem Verkauf von bis zu 300 Millionen Treibhausgaszertifikaten finanziert, die aus der Reserve für neue Marktteilnehmer stammen. Diese Reserve beinhaltet fünf Prozent der EU-weit insgesamt zu vergebenden CO2-Zertifikate. Verantwortlich für den Verkauf der Zertifikate aus der Reserve am Markt und die Auszahlung der Erträge an die Mitgliedsstaaten ist die Europäische Investitionsbank. Die Mitgliedsstaaten leiten das Geld anschließend an die Sieger des NER300-Wettbewerbes weiter.

200 Millionen Zertifikate wurden bereits während des ersten Aufrufs 2011 zur Förderung herangezogen. Rund 1,2 Milliarden Euro konnten so bereits an 23 Erneuerbare-Energie-Projekte in 16 Mitgliedsstaaten vergeben werden. Laut Kommissionsangaben werden diese Förderungen mehr als zwei Milliarden Euro an privaten Investitionen nach sich ziehen und könnten Tausende von neuen Arbeitsplätzen in Europa schaffen.

Von insgesamt 78 Projekten, die am ersten Aufruf teilnahmen, waren nur 13 aus dem CCS-Bereich, davon kamen allein 7 aus Großbritannien.  

Die Gesamthöhe der Förderung im zweiten Aufruf lässt sich noch nicht genau bestimmen, da sie von der Entwicklung der Zertifikatpreise abhängig ist. 

Ausgewogene Verteilung der Gelder

Die Fördermittel sollen möglichst ausgewogen zwischen den Mitgliedsstaaten und verschiedenen Technologien verteilt werden. Acht Projekte werden jeweils im Bereich CCS und im Bereich Erneuerbare Energien als Sieger gekürt, die sich gleichmäßig auf die jeweiligen Subkategorien verteilen.

Im Bereich der Erneuerbaren Energien kann es für jede der acht geförderten Technologien (Wind, Geothermie, Photovoltaik, Wasserkraft etc.) jeweils nur einen Gewinner geben.

CCS ist in vier Subkategorien aufgeteilt. Mindestens für jeweils eines der verschiedenen Verfahren (pre-combustion, post-combustion, Oxy Fuel, Industrial) soll ein spezielles Projekt gefördert werden.

Die  Bewerbungsformulare werden in der jeweiligen Kategorie vom Antragsteller ausgefüllt und an die zuständigen Entscheidungsinstanzen in den Mitgliedsstaaten geschickt. Dort wird entschieden, welche Projekte in Frage kommen, um der Europäischen Investitionsbank präsentiert zu werden.

Andreas Klinger

Links

EU-Kommission: Commission launches second call of investment programme for innovative low-carbon technologies (3. April 2013)

EU-Kommission: Consultative Communication on the future of Carbon Capture and Storage in Europe (27. März 2013)

BUND: Kritik an CCS-Verfahren

Richtlinie 2009/31/EG: Über die geologische Speicherung von Kohlendioxid (23.Apri 2009)

EU-Kommission: Formulare und generelle Informationen zu NER300 (3.April 2013)