Glante: „Copernicus ist zukunftsweisende Infrastruktur“

Über den Mond weiß man nach wie vor nicht viel. Die Erde lässt sich da schon genauer beobachten und auswerten. Nikolaus Kopernikus lässt grüßen. Foto: dpa

Waldschädlinge, Flutkatastrophen, Konfliktherde – Was das Erdbeobachtungsprogramm GMES/Copernicus bringt, welches Potenzial die europäische Raumfahrtpolitik hat, was Regionen davon haben und warum Budgetkürzungen scharf zu kritisieren sind, schildert der Europaparlamentarier Norbert Glante (SPD) in seinem Standpunkt exklusiv für EURACTIV.de.

Zur Person" /

Norbert Glante (SPD) sitzt als Energieexperte im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie (ITRE) des EU-Parlaments. Der Brandenburger Ingenieur und Informatiker ist zudem Vizepräsident der Europäischen Energiestiftung (EEF)

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GMES steht für Global Monitoring for Environment and Security (Globale Umwelt- und Sicherheitsüberwachung) und ist ein Erdbeobachtungsprogramm unter Führung der Europäischen Union in Zusammenarbeit mit den Mitgliedsstaaten. Dabei handelt es sich um eines der politisch und technisch modernsten Programme der Welt, das vielseitige Anwendungsmöglichkeiten vereint.

Durch die Verbindung nationaler und supranationaler Weltraumorganisationen und dem Einsatz von sowohl terrestrischen Anlagen als auch Satelliten soll mit GMES der zuverlässigste und umfassendste Erdbeobachtungsdienst der Welt aufgebaut werden.

Die dabei erstellten Daten bieten nicht nur den europäischen Staaten vielfältige Möglichkeiten für eine höhere Sicherheit ihrer Bevölkerungen, sondern auch der Privatwirtschaft ein hohes Innovationspotenzial. Zu Ehren des Astronomen Nikolaus Kopernikus wurde das Programm vor kurzem in Copernicus umbenannt.

Start mit zwei Satelliten

GMES/ Copernicus wird stufenweise als modulares System mit der Infrastruktur auf der Ebene der Nationalstaaten sowie der Europäischen Union aufgebaut. Mit der Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates über das Europäische Erdbeobachtungsprogramm und seine ersten operativen Tätigkeiten hat Copernicus erstmals eine Rechtsgrundlage erhalten, und 2011 konnte die operationelle Phase beginnen.

In diesem Jahr plant die Europäische Weltraumagentur ESA, erstmals zwei Satelliten (die sogenannten Sentinel-I-Satelliten) ins All zu schicken. In den Folgejahren sollen je zwei weitere folgen. Obwohl die volle Funktionsfähigkeit derzeit noch nicht erreicht ist, liefert das Programm durch die nutzbare Infrastruktur der Mitgliedsstaaten bereits erste Dienste.

Voraussetzung für einen kontinuierlichen Betrieb von Copernicus ist eine stabile und ausreichende Finanzierung. Nur dann können der Bau und die Starts weiterer Satelliten sowie der Aufbau der nötigen Infrastruktur langfristig und sicher geplant, die Dienste entwickelt und die kontinuierliche Datenbereitstellung gesichert werden.

Der Nutzung sind kaum Grenzen gesetzt

Raumfahrt ist zukunftsweisende Infrastruktur. Die im Oktober 2012 erschienene, gemeinsam vom Netzwerk der Weltraumtechnologie nutzenden europäischen Regionen NEREUS und der ESA veröffentlichte Publikation "The Growing Use Of GMES Across Europe’s Regions" zeigt eindrücklich das große Innovationspotenzial und den wirtschaftlichen und sozialen Nutzen für Regionen, der aus den Diensten von Copernicus hervorgehen kann.

Der möglichen Nutzung von Copernicus sind kaum Grenzen gesetzt: Sie erstreckt sich über die Identifizierung von Schädlingsbefall bei Kiefernwäldern bis zu der Erfassung der Ausbreitung eines Ölteppichs oder einem besseren Krisenmanagement im Fall von Naturkatastrophen. Bei diesen wie auch bei von Menschen verursachten Krisenherden spielen Erdbeobachtungsdienste eine wichtige Rolle.

Verlässliche Daten bei Flutkatastrophen

Flutkatastrophen, wie Ende September in Südspanien, erfordern eine effiziente Hilfe, bei der lokale Entscheidungsträger und Rettungskräfte auf verlässliche Daten angewiesen sind, die im Ernstfall Leben retten können. In den Alpen beispielsweise wird durch Erdbeobachtung die Schneedecke überwacht. Mit ebenfalls erfassten Wetterdaten können bei heftigem Regen und Schneeschmelze frühzeitig von Überflutung bedrohte Regionen lokalisiert und Warnungen ausgesprochen werden.

Mit Hilfe der hochauflösenden Mikrowellen-Bildgebung der Sentinel-I-Satelliten kann dieser Dienst künftig verbessert und ausgeweitet werden, da die Daten schneller verbreitet und öfter aktualisiert werden.

Ein weiteres Beispiel aus England zeigt, wie Copernicus für das Energiemanagement eingesetzt werden kann: mit Hilfe von Luftaufnahmen sowie Satellitenbildern wird die nutzbare Fläche auf Hausdächern berechnet, die zum Anbringen von Photovoltaikanlagen zur Verfügung steht. Dabei werden unter anderem Himmelsrichtung, Sonneneinstrahlung, Schornsteine oder Dachfenster in die Modellrechnung mit einbezogen. So kann in Verbindung mit der Leistung der geplanten Photovoltaikanlagen, dem Strompreis und gegebenenfalls staatlichen Vergünstigungen schnell und kostengünstig berechnet werden, wo sich solche Installationen lohnen.

Scharfe Kritik an Budgetkürzung

Bislang wurde der Erdbeobachtungsdienst mit Geldern in Höhe von 3,2 Milliarden Euro finanziert, die sich aus Mitteln der Mitgliedsstaaten, der ESA und der Europäischen Union zusammensetzen. Für die Zeit nach 2014 sieht der Vorschlag der Europäischen Kommission ein Budget in Höhe von 5,8 Milliarden Euro vor, dem wir Abgeordneten voll und ganz zustimmen.

In den bisherigen Verhandlungen zum mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) – dem Budget der Europäischen Union für den Zeitraum 2014 bis 2020 – zeichnet sich ab, dass aufgrund von Kürzungsforderungen verschiedener Mitgliedsstaaten auch der Etat von Copernicus in Millionenhöhe zusammengestrichen wird. Dies kritisiere ich scharf.

Dramatische Konsequenzen bei Nichteinigung

Mit Sorge betrachte ich in diesem Zusammenhang auch das kommende Ende der aktuell gültigen Verordnung zu Copernicus und seinen ersten operativen Tätigkeiten, die Ende 2013 ausläuft. Eine neue Verordnung für die Zeit ab 2014 muss je nach haushaltstechnischer Ansiedelung und finanzieller Ausstattung des Programms im MFR entsprechend ausgestaltet werden.

Solange sich die Verhandlungen zum MFR weiter hinziehen, weigert sich die Europäische Kommission, einen konkreten Gesetzesvorschlag zu machen. Je später dieser kommt, desto höher wird der Zeitdruck für das Europäische Parlament und den Ministerrat bei der Arbeit an einer neuen Verordnung. Dies ist nur ein Beispiel für die dramatischen Konsequenzen, die die mangelnde Fähigkeit der Mitgliedsstaaten zur Einigung nach sich zieht.

Europäisches Parlament fordert solide finanzielle Basis

Um eine breite und innovative Nutzung von Copernicus-Daten vor allem durch kleine und mittlere Unternehmen sicherzustellen, unterstütze ich auch weiterhin die Open Data Policy des Programms. Diese dient als Katalysator für neue Dienste und der Kommerzialisierung von technologischem Know-how und der gewonnenen Daten durch die Privatwirtschaft.

Darüber hinaus ist die kontinuierliche und zuverlässige Bereitstellung von Daten wichtig, damit die Nutzer Planungssicherheit haben und sich stabile Geschäftsmodelle entwickeln können. Das Europäische Parlament fordert daher eine solide finanzielle Basis für Copernicus im kommenden MFR, um Europas Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, die Sicherheit der Menschen zu erhöhen und schließlich um uns weiter den Zugang zu so wichtigen Informationen über den Zustand der globalen Umwelt zu sichern.