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26/08/2016

“Eine neue Vision für die europäische Forschung und Innovation”

Forschung und Innovation

“Eine neue Vision für die europäische Forschung und Innovation”

EU-Forschungskommissarin Máire Geoghegan-Quinn kündigt mit "Horizont 2020" ein 80 Milliarden Euro schweres Programm für Investitionen in Forschung und Innovation an. Foto: EC

Die EU-Kommission hat ihren Entwurf des neuen Europäischen Forschungsrahmenprogramms “Horizont 2020” vorgelegt. Mit 80 Milliarden Euro wird es das weltweit größte Forschungsprogramm und nach den Strukturfonds und dem Agrarfonds der drittgrößte EU-Haushaltsposten.

Die EU-Kommission hat am Mittwoch ein Paket von Maßnahmen zur Förderung von Forschung, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit in Europa vorgelegt. EU-Forschungskommissarin Máire Geoghegan-Quinn kündigt mit "Horizont 2020" ein 80 Milliarden Euro schweres Programm für Investitionen in Forschung und Innovation an.

Geoghegan-Quinn erklärte: "Angesichts der dramatischen Veränderungen des wirtschaftlichen Umfelds brauchen wir eine neue Vision für die europäische Forschung und Innovation. ‘Horizont 2020’ bietet direkte Anreize für die Wirtschaft und sichert unsere Wissenschafts- und Technologiebasis sowie die industrielle Wettbewerbsfähigkeit für die Zukunft. Zudem schafft das Programm die Voraussetzungen für eine intelligentere, nachhaltigere und stärker integrierte Gesellschaft."

Mit "Horizont 2020" werden erstmals EU-Forschung und Innovation in einem einzigen Programm zusammengefasst. Das Programm ist darauf ausgerichtet, wissenschaftliche Durchbrüche in innovative Produkte und Dienstleistungen zu verwandeln, die Geschäftsmöglichkeiten bieten und das Leben der Menschen verbessern. Gleichzeitig soll mit vereinfachten Regeln und Verfahren der Verwaltungsaufwand reduziert werden, um noch mehr Spitzenforschern und einer größeren Bandbreite innovativer Unternehmen Anreize zu bieten.

Drei Hauptziele

Mit "Horizont 2020" werden schwerpunktmäßig drei Hauptziele gefördert. Unterstützt wird mit 24,6 Milliarden Euro die weltweit führende Stellung der EU in der Wissenschaft. Für den Europäischen Forschungsrat (ERC) werden die Fördermittel um 77 Prozent aufgestockt. Die Sicherung der industriellen Führungsposition in der Innovation wird mit 17,9 Milliarden Euro unterstützt. Dies beinhaltet Investitionen in Höhe von 13,7 Milliarden Euro in Schlüsseltechnologien, einen leichteren Zugang zu Kapital und Unterstützung von KMU. Schließlich werden – aufgeteilt auf sechs Hauptthemen – auch 31,7 Milliarden Euro für die Behandlung der Fragen bereitgestellt, die "vielen Europäern große Sorgen bereiten": Gesundheit, demografischer Wandel und Wohlergehen; Ernährungs- und Lebensmittelsicherheit, marine und maritime Forschung sowie die Biowirtschaft; sichere, saubere und effiziente Energie; intelligenter, umweltfreundlicher und integrierter Verkehr; Klimaschutz, Ressourceneffizienz und Rohstoffe sowie integrative, innovative und sichere Gesellschaften.

"Finanzierung lässt viel zu wünschen übrig"

Reinhard Bütikofer, stellvertretender Vorsitzender und industriepolitischer Sprecher der Grünen/EFA sagte: "Auf der einen Seite scheinen die KMU-spezifischen Instrumente den Bedürfnissen und der Realität von KMU gerechter zu werden als in der Vergangenheit, sowohl innerhalb des Horizon 2020 als innerhalb des Programms für KMU und Wettbewerbsfähigkeit, auch wenn die Abstimmung zwischen beiden Programmen noch weiter verdeutlicht werden muss. Allerdings lässt die Finanzierung viel zu wünschen übrig. KMU-spezifische Mittel werden um fast 50 Prozent gekürzt. Dies ist inakzeptabel angesichts der gegenwärtigen Konjunktur sowie der Rolle der KMU als Rückgrat unserer Wirtschaft. In diesem Rahmen betone ich nochmals meine Enttäuschung über die Abschaffung des Rahmenprogramms für Wettbewerbsfähigkeit und Innovation, welches sich als erfolgreiches Instrument für die KMU bewiesen hat."

Die EU-Abgeordnete Angelika Niebler (CSU) erklärte: "Innovationen können nicht verordnet werden, sondern entstehen oft im Alltag der Spitzenforschung. Es ist eine gute Idee, diesen Bereich stärker zu fördern." Lobende Worte fand Niebler für die Aufteilung der EU-Unterstützung in drei Kernbereiche: "Wir müssen weg vom reinen Gießkannenprinzip; der Ansatz, die innovativen Forschungsprojekte durch die Wissenschaft, die Industrie und die Gesellschaft stärker definieren zu lassen  ist ein wichtiger Schritt, denn er verbreitert den kreativen Input", sagte die CSU-Forschungsexpertin.

"Das richtige Signal"

"Die deutliche Aufstockung der Mittel für Forschung, technologische Entwicklung und Innovation ist auch und gerade angesichts der Schuldenkrise in einigen EU-Staaten das richtige Signal: Europa muss in seine Zukunft investieren, wenn es im globalen Wettbewerb bestehen will. Dazu brauchen wir Spitzenleistungen von der Grundlagenforschung über die anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung bis hin zur Innovation. Ohne Forschung und Entwicklung auf höchstem Niveau und die Bündelung der Kompetenzen in Europas Wissenschaft und Industrie werden wir nicht erfolgreich sein", sagte der Vorsitzende des Ausschusses für Industrie, Forschung und Energie des EU-Parlaments, Herbert Reul (CDU).
 
"Mein erster Eindruck ist, dass die Kommission in ihrem Entwurf die Forderungen des Parlaments aufgegriffen hat. Dies werden wir natürlich noch eingehend prüfen. Ich freue mich, dass der Entwurf dem starken Wunsch des Parlaments Rechnung trägt, dass die Strukturfonds künftig stärker zum Aufbau einer Forschungsinfrastruktur in Mitgliedsländern mit schwächer entwickelter Forschungslandschaft genutzt werden sollen", so Reul.
 
Die Mitglieder des federführenden Forschungsausschusses werden sich in den kommenden Monaten mit dem Entwurf befassen und ihn mit Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutieren. Das EU-Parlament ist gemeinsam mit dem Rat Gesetzgeber; es wird also mit Rat und Kommission über alle Aspekte des Programms verhandeln und letztlich gemeinsam mit dem Rat entscheiden. "Der vorliegende Entwurf ist eine gute Ausgangsbasis. Für uns Parlamentarier gilt aber: Das Bessere ist der Feind des Guten. In diesem Sinne werden wir die Beratungen engagiert und zügig angehen", sagte der CDU-Europaabgeordnete. "Es wird ein hartes Ringen um die Förderkriterien und die Finanzausstattung. Die Richtung der künftigen EU-Forschungspolitik stimmt aber", sagte Niebler.

Ein englischsprachiger Beitrag zum Thema erschien auf EurActiv.com.

dto

Links

Dokumente

EU-Kommission: Horizon 2020 Website

EU-Kommission: Horizont 2020: Europäische Kommission schlägt vor, zur Ankurbelung von Wachstum und Beschäftigung 80 Mrd. EUR in Forschung und Innovation zu investieren (30. November 2011)

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