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25/02/2017

Steuerliche Forschungsförderung

Forschung und Innovation

Steuerliche Forschungsförderung

Foto: dpa

In den meisten EU-Mitgliedsstaaten gibt es steuerliche Maßnahmen zur Förderung von Forschung und Entwicklung. In Deutschland ist es noch immer nicht gelungen, die Vereinbarung aus dem Koalitionsvertrag umzusetzen und eine steuerliche Forschungsförderung einzuführen – obwohl weitgehend Einigkeit in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft darüber besteht, dass dies sinnvoll wäre.

Die Mitgliedsstaaten der EU hatten sich 2002 das Ziel gesetzt, die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung (FuE) bis zum Jahr 2010 auf 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) anzuheben (davon zwei Drittel Wirtschaft, ein Drittel Staat). In ihrem Aktionsplan für Forschungsinvestitionen hob die EU-Kommission hervor, dass FuE ein Schlüsselfaktor für die Erzielung von Produktivitätsgewinnen und zur Erhöhung des Wirtschaftswachstums sind, dass aber gleichzeitig der gesellschaftliche Ertrag der Investitionen die private Rendite für das investierende Unternehmen oft übersteigt. Das damit verbundene Versagen des Marktmechanismus könne nicht ohne öffentliche Maßnahmen behoben werden.

Unter den Instrumenten, die die Mitgliedsstaaten zur Förderung der privaten FuE-Tätigkeit einsetzen, würden Brüssel zufolge steuerliche Anreize den besonderen Vorteil bieten, dass sie voraussehbar und transparent seien. Auch bewegten sie mehr Unternehmen zu Investitionen in FuE – und zwar nachhaltig.

Heute setzen 24 von 34 OECD-Ländern und 15 Mitgliedsstaaten der EU in der öffentlichen Forschungsförderung auf eine indirekte Förderung über das Steuerrecht, darunter so bedeutende Länder wie die USA oder Frankreich. Im Unterschied zur klassischen Projektförderung liegt die Entscheidung, woran und wie geforscht wird, allein bei den Unternehmen.

Eine steuerliche Begünstigung von Forschungsaktivitäten führt zu höheren Forschungsaufwendungen der Unternehmen und gleichzeitig zu gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrtsgewinnen. Dies zeigt eine Studie im Auftrag des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) und des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Demnach würde jeder so eingesetzte Euro des Staates 25 Prozent zusätzliche FuE-Aufwendungen der Unternehmen induzieren.

Frankreich

In Frankreich erhalten Unternehmen seit 2008 eine Steuergutschrift von 30 Prozent ihrer Forschungsaufwendungen ("crédit impôt recherche" – CIR). Nehmen sie die Regelung erstmals oder nach eine fünfjährigen Pause in Anspruch, sind es sogar 50 Prozent. Die Einführung dieser Förderpraxis führte dazu, dass Unternehmen ihre ins Ausland verlagerten Aktivitäten zurückholten. Das Forschungsministerium wies im Mai 2010 darauf hin, dass die Zahl der ausländischen Unternehmen, insbesondere ihrer französischen Tochtergesellschaften, die sich die Neuregelung des CIR zu Nutze gemacht haben, im Jahre 2008 um 25 Prozent zugenommen hat. Neben Großunternehmen profitierten auch junge Start-up-Unternehmen. Fast 90 Prozent gaben bei einer Umfrage des französischen Bildungsministeriums an, die Förderung genutzt zu haben. Die neue Förderung führte zudem zu mehr Kooperationen der Unternehmen mit wissenschaftlichen Institutionen.

Österreich

In Österreich kommen Unternehmen jeder Größe in den Genuss der steuerlichen Förderung, für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie Start-ups gibt es zusätzliche Vergünstigungen. Der Fiskus erstattet unterm Strich bis zu 125 Prozent. Seit die Regierung im Jahr 2000 die steuerliche Forschungsförderung reformiert hat, stiegen die Ausgaben für FuE bis 2010 um 80 Prozent auf rund 7,5 Milliarden Euro. Im gleichen Zeitraum kletterte der Anteil der in FuE investierten Gelder gemessen am BIP von unter zwei auf 2,78 Prozent.

Neben einem Freibetrag von zehn Prozent wurde 2002 eine Forschungsprämie von drei Prozent eingeführt. Diese Prämie ermöglicht es auch Betrieben, die eine ungünstige Ertragslage aufweisen und in wirtschaftlich schwierigen Zeiten keine Ertragssteuer zahlen, eine steuerliche Forschungsförderung zu erhalten. 2003 wurde der Freibetrag auf 15 Prozent angehoben und die Prämie auf fünf Prozent. 2004 folgte eine weitere Erhöhung auf 25 Prozent beziehungsweise acht Prozent. "Mit den derzeitigen impliziten Fördersätzen besitzt Österreich eine im internationalen Vergleich höchst attraktive steuerliche Förderung", erklärte der ehemalige Bundesminister für Finanzen und Vizekanzler Josef Pröll.

Wien hat sich das Ziel gesetzt, im Jahr 2020 nicht weniger als 3,76 Prozent des BIPs für Forschung und Entwicklung auszugeben. "Die politischen Absichten" würden allerdings nur unzureichend mit den Umsetzungsmöglichkeiten korrelieren, sagte Ratsvorsitzender Hannes Androsch bei der Präsentation des Berichts zur wissenschaftlichen und technologischen Leistungsfähigkeit Österreichs im Juni 2012. Derzeit liegt man mit 2,8 Prozent Forschungsquote immerhin auf Platz fünf der EU-27, aber eben noch deutlich hinter dem vorgegebenen Ziel.

Australien

In Australien wurde 1985 eine Regelung eingeführt, die es forschenden Unternehmen erlaubt, ihre FuE-Ausgaben zu 150 Prozent auf ihre Steuerbemessungsgrundlage anzurechnen. Binnen eines Jahrzehnts stiegen die privaten FuE-Ausgaben von knapp 2 Milliarden AUS-$ im jahr 1985 auf fast 6 Milliarden im Jahr 1996. In diesem Jahr erreichten die staatlichen Aufwendungen hierfür einen Höchstwert von 0,14 Prozent des BIP.

1996 senkte man die Tax Concession von 150 auf 125 Prozent. Dies führte zu unmittelbar sinkenden FuE-Aufwendungen. 2001 wurde eine inkrementelle Förderung integriert, die zusätzlich vorgenommene Ausgaben zu 175 Prozent abzugsfähig macht. Zudem existieren seit 2001 Steuerabschläge speziell für kleine Unternehmen, die im Falle einer negativen Steuerlast (etwa bei Start-ups) auszahlbar sind. Durch die Reform von 2001 zogen die FuE-Investitionen wieder an (siehe Grafik).

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FuE-Aufwendungen der Wirtschaft absolut (blauer Graph) und prozentual am BIP (rot) in Australien, Quelle: NIS Review Australia, 2008

Deutschland

Deutschland liegt mit einem Anteil der FuE-Aufwendungen von 2,8 Prozent des BIP (2010) unter der anvisierten Marke von 3 Prozent. Zwar ist die Förderung wissenschaftlicher Einrichtungen in den letzten Jahren gestiegen, der Anteil der FuE-Förderung für die Firmen war aber bis auf das Krisenjahr 2009 rückläufig. Im Gegensatz zur Mehrzahl der EU-Mitgliedsstaaten sowie zu bedeutsamen Drittstaaten existieren in Deutschland keine speziellen steuerlichen Maßnahmen zur FuE-Förderung.

Seit Jahren wird gefordert, die Förderung von einzelnen Forschungsprojekten durch eine breite, branchenübergreifende Forschungsförderung zu ergähzen. Im Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und FDP heißt es: "Wir streben eine steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung an, die zusätzliche Forschungsimpulse insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen auslöst." Schon 2009 hatte die Bundesregierung mit dem "Acht-Punkte-Plan für Innovation und Wachstum" ein innovationsfreundliches Steuersystem vorgeschlagen, doch bis heute nicht umgesetzt.

Wenn die Bundesregierung sich nicht bald zur steuerlichen Forschungsförderung entschließt, bestehe die Gefahr, dass deutsche Betriebe ihre Forschungs- und Entwicklungsabteilungen ins Ausland verlagern, zum Beispiel nach Frankreich oder Österreich, deren Regierungen den Unternehmen besonders unter die Arme greifen, warnt der Bundestagsabgeordnete Garrelt Duin (SPD).

Der nordrhein-westfälische FDP-Landtagsfraktionsvorsitzende Christian Lindner fordert, die steuerliche Forschungsförderung "noch in dieser Legislaturperiode zu beginnen, sobald sich dafür unter Berücksichtigung des Konsolidierungskurses finanzielle Spielräume ergeben. Hierzu erwarten wir Vorschläge der Bundesregierung."

Mehrfach hat sich die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI), ein von Bundeskanzlerin Angela Merkel eingerichtetes Beratergremium, in den vergangenen Jahren dafür ausgesprochen, den klassischen direkten Fördermitteln mit zusätzlichen Geldern eine steuerliche Forschungsförderung zur Seite zu stellen. Das würde zusätzliche Innovationsimpulse auslösen. Das EFI-Gutachten 2012 empfiehlt erneut die Einführung einer steuerlichen Forschungsförderung. Die privatwirtschaftlichen und staatlichen Investitionen in Forschung und Entwicklung seien in den letzten Jahren erfreulicherweise gestiegen. Doch um die Innovationskraft Deutschlands und den Wirtschaftsstandort langfristig zu sichern, seien steuerliche Anreize dringend geboten.

Einigkeit, aber noch immer keine Umsetzung

In großen Teilen von Wissenschaft und Wirtschaft und bei vielen Abgeordneten quer durch alle Fraktionen des Bundestages besteht Offenheit für die Einführung einer steuerlichen Forschungsförderung. Warum ist es also bislang nicht gelungen, diese im Koalitionsvertrag vereinbarte Maßnahme umzusetzen?

Bisher scheiterte das Vorhaben an haushaltspolitischen Erwägungen, seitens der Finanzpolitiker wird unter Finanzierungsvorbehalt gestellt: "Sobald die haushalterischen Spielräume vorhanden sind, müssen wir darüber sprechen", sagt etwa der für Finanzen zuständige CDU/CSU-Fraktionsvize Michael Meister. Die Vorsitzende des Finanzausschusses im Bundestag, Birgit Reinemund (FDP) erklärte: "Eine zusätzliche steuerliche Förderung on top zur Projektförderung lässt sich aus haushaltspolitischer Sicht schwer darstellen."

Dieses Argument ist aus Sicht der Industrie jedoch bereits entkräftet. Die von BDI und VCI bei Christoph Spengel, Professor an der Universität Mannheim/ZEW, und Wolfgang Wiegard, Professor an der Universität Regensburg, in Auftrag gegebene Studie weist darauf hin, dass eine steuerliche Forschungsförderung mittelfristig positive Effekte auf den Haushalt entwickelt. Über die Steigerung des BIP wären die Rückflüsse an Steuereinnahmen höher als die Investitionen, die getätigt werden. Zwar ist eine gewisse Vorfinanzierung notwendig, aber mittelfristig käme es über die gestiegene Innovationskraft und über Steuermehreinnahmen zu einer Verbesserung der haushaltspolitischen Situation.

Welches Modell?

Für die Ausgestaltung der steuerlichen Forschungsförderung sind mehrere Varianten vorstellbar. In Deutschland dreht sich die Debatte derzeit unter anderem darum, ob man sich auf KMU und Start-ups konzentriert.

Diese seien es, die beim klassischen Fördermodell das Nachsehen haben, ermittelten Wissenschaftler des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). So seien die Forschungsprojekte von KMU oft zu speziell, um für die direkte Projektförderung infrage zu kommen. Zudem seien die Antragswege langwierig und kostenträchtig. Eine zusätzliche steuerliche Förderung würde diese Zugangsschwellen senken. Mitnahmeeffekte, bei denen Firmen intern Gelder umschichten, allein um die Anreize in Anspruch nehmen zu können, seien zwar nicht auszuschließen. In der Gesamtbetrachtung aber schätzt das ZEW dies als wenig relevant ein.

Der Verband der Chemischen Industrie entgegnet, die Förderung müsse für forschende Unternehmen aller Größenklassen gelten. Nur dann sei eine substanzielle Steigerung der Forschungsaktivitäten der Wirtschaft erreichbar. Innovationsrelevant seien neben den KMU vor allem große Unternehmen, die oft als Systemführer bei Innovationen fungieren.

"Der überwiegende Teil der Forschung findet in größeren Unternehmen statt", ergänzt Bernd-Peter Bier, Leiter der Steuerabteilung von Bayer. "Auf sie entfallen 85 Prozent der FuE-Ausgaben aller Unternehmen in Deutschland. Eine reine Beschränkung auf KMU würde daher nicht die gewünschte Steigerung der Innovationstätigkeit in Deutschland bringen, die Maßnahme würde ihre Wirkung verfehlen. Und die großen Unternehmen, die im Inland forschen, würden im internationalen Wettbewerb weiter zurückfallen.

Die Industrie spricht sich daher eher für eine Staffelung aus, bei der ein erhöhter Fördersatz für Forschungsaufwendungen unterhalb einer bestimmten Grenze vorliegen würde. Konkret würde zum Beispiel ab einem Forschungsaufwand von 10 Millionen Euro nicht mehr mit 10 Prozent, sondern nur noch mit 7 Prozent gefördert.

Die OECD empfiehlt Deutschland die Schaffung eines gemischten Systems der direkten und indirekten FuE-Förderung, bei dessen Ausgestaltung sichergestellt werden solle, dass geeignete Innovationsanreize gesetzt werden.

Die steuerliche Förderung sollte die bestehende Projektförderung ergänzen, nicht ersetzen, erklärte Christian Lindner. Sie könnte in Form einer Steuergutschrift eingeführt werden, damit Unternehmen auch in Verlustphasen profitieren. Bemessungsgrundlage könnten die Personalkosten sein, die auf Forschungsbemühungen entfallen. Möglich wäre auch, den steuerlichen Fördersatz für kleine und mittlere Unternehmen etwas höher zu wählen als den für die übrigen Unternehmen, um gezielt Hürden auszugleichen. Doppelförderungen und Mitnahmeeffekte seien auszuschließen.

Forschungspolitiker der Regierungsfraktionen schlugen 2010 vor, KMU und Start-ups über Steuergutschriften von Personalaufwendungen zu entlasten. Etwa 60 Prozent der FuE-Aufwendungen entfallen auf diesen Posten. Rund 1,5 Milliarden Euro wollte man zur Verfügung stellen, ohne an anderer Stelle Gelder zu streichen. Das Kabinett kippte das Vorhaben im September 2010 mit Hinweis auf die angespannte Kassenlage.

Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller e.V. plädiert dafür, in nächster Zeit einen Grundsatzbeschluss zur Einführung einer steuerlichen Forschungsförderung in Deutschland zu fassen. Diese sollte zusätzlich zur Projektförderung erfolgen und als "tax credit" in Form eines 10-prozentigen Abzugs des FuE-Aufwands von der Steuerschuld (abzüglich bereits geförderter Projekte) ausgestaltet werden. Liegt keine Steuerschuld vor, sollte eine Gutschrift erfolgen. Eine solche Ankündigung würde unmittelbar eine positive Wirkung im Hinblick auf künftige FuE-Investitionen in Deutschland entfalten.

Auch die Spengel/Wiegard-Studie empfiehlt eine umfassende volumenbasierte Steuergutschrift in Höhe von 10 Prozent sämtlicher FuE-Aufwendungen (als tax credit). Der Umfang der Aufkommensausfälle betrüge maximal 4,75 Milliarden Euro p.a. Die Begrenzung der Steuergutschrift auf FuE-Personalaufwendungen wäre eine pragmatische Fördervariante, die das Ausmaß der Steuerausfälle begrenzen würde.

Die Grünen fordern die Bundesregierung auf, eine steuerliche Forschungsförderung in Form einer Steuergutschrift von 15 Prozent auf alle Forschungs- und Entwicklungsausgaben für Unternehmen mit bis zu 250 Mitarbeitern einzuführen.

Positionen

CDU
Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach sich Ende Februar 2012 für die steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung aus. Dies sei "ein ganz wichtiger Punkt". Sie unterstütze Forschungsministerin Annette Schavan ausdrücklich in ihrem Ansinnen, hierbei "zumindest einen Einstieg hinzubekommen". Deutschland messe der steuerlichen Forschungsförderung, die es im europäischen Ausland längst gebe, hohe Priorität bei.

Bundesministerin für Bildung und Forschung Annette Schavan erklärte im Interview mit "Der Mittelstand – Das Unternehmermagazin" im März 2012: "Ich bin davon überzeugt, dass zusätzliche steuerliche Anreize für Forschung und Entwicklung die Innovationsfähigkeit Deutschlands stärken. Noch haben wir dazu keine Einigung, aber wir sollten in dieser Wahlperiode den ersten Schritt tun. So ist es verabredet."

Michael Kretschmer, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, erklärte Anfang 2012 im Bundestag: "Für die Koalitionsfraktionen ist klar, dass die steuerliche Forschungsförderung ein wichtiges Instrument ist, das wir gerne realisieren möchten." Dennoch müsse man ehrlich und redlich sein und seine Prioritäten klar benennen. "Sobald finanzieller Spielraum für die steuerliche Forschungsförderung da ist, werden wir sie auch einführen. Daran kann überhaupt kein Zweifel bestehen."

FDP
Der nordrhein-westfälische FDP-Landtagsfraktionsvorsitzende Christian Lindner schrieb im März 2012 in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Gerade mittelständische Unternehmen leisten mit ihren Forschungsaktivitäten wichtige Beiträge zur Wertschöpfung in Deutschland – oft im Schatten großer Konzerne, aber häufig flexibler, innovativer und schneller." Doch die hohe Zahl der Förderprogramme und -projekte, insbesondere auch auf Länderebene, sei für den innovativen Mittelstand zu oft nur schwer zu überschauen, nicht selten sei die Antragstellung zu bürokratisch.

Der forschungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Martin Neumann, sagte Ende Februar 2012: "Die positiven ökonomischen Effekte einer Steuergutschrift werden durch zahlreiche Studien belegt. Die christlich-liberale Koalition kann noch in dieser Legislaturperiode den Einstieg in die steuerliche Forschungsförderung schaffen, ohne dabei die Haushaltskonsolidierung aus dem Blick zu verlieren."

SPD
Der Bundestagsabgeordnete Garrelt Duin erklärt: "Nahezu alle vergleichbaren Industrieländer unterstützen die Forschung und Entwicklung in Betrieben mit einer steuerlichen Entlastung von rund acht Prozent. Wenn die Bundesregierung sich nicht bald zur steuerlichen Forschungsförderung entschließt, besteht die Gefahr, dass deutsche Betriebe ihre Forschungs- und Entwicklungsabteilungen ins Ausland verlagern, zum Beispiel nach Frankreich oder Österreich, deren Regierungen den Unternehmen besonders unter die Arme greifen."
 
Grüne
Die Bundestagsabgeordnete Krista Sager erklärte Anfang 2012, die Koalition habe sich beim Thema steuerliche Forschungsförderung "ein Bein gestellt, als Sie sich von den Industrieverbänden ein besonders teures Modell haben einreden lassen. Dieses Modell wäre nicht nur teuer; es würde vor allen Dingen die Großkonzerne der Pharma- und Autobranche bevorzugen. Dass Sie das bei ihrem Bundesfinanzminister schlecht durchbekommen, muss einen nicht verwundern."

Linke
Die Linke will "die Innovationspolitik besser auf Schwerpunkte orientieren, insbesondere auf sozial und ökologisch wichtige Innovationen mit hohem gesellschaftlichen Gebrauchswert", heißt es in einem Positionspapier der Partei. "Die Einnahmeausfälle durch die steuerliche FuE-Förderung stehen aus unserer Sicht nicht im Verhältnis zum gesellschaftlichen Nutzen. Die Unternehmen investieren, wie sich empirisch gezeigt hat, gerade soviel, wie sie auch an Steuern vergütet bekommen, das heißt, sie bekommen die Investitionen zu 100 Prozent subventioniert. Internationale Vergleiche zeigen darüber hinaus: Gerade die Länder, die besonders viel in Bildung und Grundlagenforschung investieren und keine spezifischen Steuerermäßigungen gewähren, stehen in der Summe ihres Innovationspotenzials besonders gut da (zum Beispiel Schweden, Finnland und die Schweiz). Diese Länder erreichen besonders hohe Werte industrieller FuE-Ausgaben ohne spezielle steuerliche Förderung. Umgekehrt schaffen es einige Länder seit Jahren nicht, trotz steuerlicher Förderung bessere Ergebnisse zu erzielen (zum Beispiel die Niederlande und Großbritannien)."
 

Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI)
Der Vorsitzende des Mittelstandsausschusses vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und Arbeitgeberverbänden (BDA), Arndt Kirchhoff, erklärte: "Die Erfolge deutscher Unternehmen auf den Weltmärkten resultieren vor allem aus ihrer Innovationsstärke. Gerade die mittelständische Industrie finanziert Forschung und Entwicklung zu etwa drei Vierteln aus Eigenmitteln. Jede Maßnahme zur Stärkung der Eigenmittel in den Unternehmen ist potenziell eine Maßnahme zur Stärkung der Innovationsfähigkeit. Der BDI fordert deshalb die in der Koalitionsvereinbarung festgelegte steuerliche Forschungsförderung: Sie ist unbürokratisch und kommt insbesondere den mittelständischen Unternehmen entgegen. Sie ist themenneutral und wirkt in die Breite. Nicht zuletzt ist sie, wie aktuelle Untersuchungen belegen, volkswirtschaftlich rentabel."

Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie e. V. (BPI)
Die Bundesregierung sei "dringend angehalten, ihre im Koalitionsvertrag verankerte Absicht FuE steuerlich zu fördern, auch endlich umzusetzen. Eine steuerliche FuE-Förderung ist für die Unternehmen gut planbar und kommt vor allem ohne langwierige Antrags- und Bewilligungsverfahren aus", sagte Norbert Gerbsch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des BPI. "Wir sind im europäischen Vergleich sehr weit zurück. Deutschland ist hier gefordert, nachzubessern. Ein Sparen an dieser falschen Stelle würde langfristig katastrophale Folgen haben."

Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW)
Für die Einführung einer steuerlichen Forschungsförderung hat sich der Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW), Mario Ohoven, auf dem "Wachstumsdialog innovativer Mittelstand" im Februar 2012 in Berlin ausgesprochen. "Die steuerliche Förderung von Forschungsaufwendungen wird gerade im Mittelstand eine Innovationswelle auslösen", so Ohoven. Damit könne Deutschland im internationalen Wettbewerb zu den Innovationsspitzenreitern USA, Japan, Südkorea und der Schweiz weiter aufschließen.

Der Mittelstandspräsident schlug eine spezielle Komponente für Klein- und Mittelbetriebe vor, bei der zwölf Prozent der Personalaufwendungen für Forschung und Entwicklung gefördert werden. "Die unsichere Finanzierung ist im Mittelstand ein Innovationshemmnis", betonte Ohoven. Der Markt für Wagniskapital sei unterentwickelt, die Fremdkapitalfinanzierung über Banken scheitere oftmals an den im Vergleich zur Anlagen- oder Immobilienfinanzierung hohen Kosten. "In Deutschland werden gerade einmal 0,04 Prozent des BIP als Venture Capital eingesetzt. Hier muss das Steuerrecht innovationsfreundlicher gestaltet werden."

"Die Familienunternehmer"
"Unternehmer sollten aus Eigeninteresse in Forschung investieren und nicht wegen Förderungen", sagt Lutz Göbel, Präsident des mittelständischen Verbands "Die Familienunternehmer". Das Handwerk kritisiert, dass sich dadurch die Großunternehmen subventionieren lassen wollen. 

Verband der Chemischen Industrie (VCI)
VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann betont, dass die Bundesregierung mit der Einführung einer steuerlichen Forschungsförderung die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen am Standort Deutschland stärken würde. "Schließlich sind unsere Innovationen ein wichtiger Beitrag für nachhaltiges Wachstum und Wohlstand."

Zentralverbandes des Deutschen Handwerks
Der Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Holger Schwannecke, sagte laut WirtschaftsWoche: "Die erzielbaren Gewinne sind bei kleinen und mittleren Unternehmen insgesamt geringer als in Großunternehmen. Bei einer steuerlichen Absetzbarkeit sei "das Handwerk in seiner kleinbetrieblichen Struktur benachteiligt".

Links

 
EU-Kommission

Steuerliche Anreize: Kommission für eine wirksamere steuerliche Förderung von FuE (22. November 2006)

Tax incentives: Commission promotes an effective use of tax incentives for R&D (22. November 2006)

COMMUNICATION FROM THE COMMISSION TO THE COUNCIL, THE EUROPEAN PARLIAMENT AND THE EUROPEAN ECONOMIC AND SOCIAL
COMMITTEE  – Towards a more effective use of tax incentives in favour of R&D
  (22. November 2006)

EU Tax Policy Strategy

Taxation and Customs Union

Studien

ANRT – Association Nationale de la Recherche et de la Technologie: Crédit d’impôt recherche : la France redevient compétitive (November 2011)

ANRT – Association Nationale de la Recherche et de la Technologie: Comparaison Internationale sur le Cours du Chercheur Comptabilise par les Groupes Bene ciaires du CIR (2011)

Australian Government: Venturous Australia – Review of the National Innovation System (2008)

Bundesministerium für Bildung und Forschung: Bundesbericht Forschung und Innovation 2012

Deutsche Telekom Stiftung: Innovationsindikator 2011

Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI): Jahresgutachten zu Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands 2012

IBFD: Tax Treatment of Research & Development Expenses (Dezember 2004)

Institut der deutschen Wirtschaft Köln: Hürden statt Hilfen

OECD: OECD Wirtschaftsberichte: Deutschland 2012 (14. Februar 2012)

Spengel, Christoph/ Wiegard,Wolfgang: Ökonomische Effekte einer steuerlichen  Forschungsförderung in Deutschland  – Studie im Auftrag des  Bundesverbandes der Deutschen Industrie e.V. (BDI)  und des Verbandes der Chemischen Industrie e.V. (VCI)  (3. September 2011)

World Economic Forum: The Global Competitiveness Report 2011-2012

Industrie

Bayer AG: Stärker mit Forschung. Mit einer steuerlichen Förderung aus der Krise (Mai 2009)

Bundesverband der Deutschen Industrie e.V.: Steuerliche Forschungsförderung unverzüglich einführen (August 2009)

GE: GE Global Innovation Barometer Press Release (18. Januar 2012)

GE: GE Global Innovation Barometer – 2012 Data

GE: GE Global Innovation Barometer – 2012 Global Results Report

Verband der chemischen Industrie e.V.: Steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung (19. März 2012)
 
Verband der chemischen Industrie e.V.: Studie belegt ökonomischen Nutzen von Steuergutschriften für FuE-Aufwendungen (24. Januar 2012)