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28/08/2016

MINT – Schicksalsfrage für Europa

Forschung und Innovation

MINT – Schicksalsfrage für Europa

Foto: dpa

Naturwissenschaftlich-technische Berufe gelten als einseitig, langweilig und unsexy. Das Resultat: Ein eklatanter Fachkräftemangel drückt auf das Wirtschaftswachstum in Europa. Doch MINT-Disziplinen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) bieten jungen Menschen attraktive Berufsaussichten. Um die Lücke zu schließen, setzen sich Politik, Wirtschaft und Wissenschaft für MINT ein. EurActiv.de gibt einen europäischen Überblick und zeigt, was einzelne Länder unternehmen.

EUROPÄISCHE UNION

In Europa herrscht Fachkräftemangel in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT). Der Mangel bedroht die wirtschaftliche Erholung. Unternehmen fürchten, ihr Wachstumspotenzial in den kommenden Jahren nicht voll ausschöpfen zu können. Nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IWK) registrierten 2011 knapp 14 Prozent der europäischen Unternehmen einen Fachkräfteengpass, das sind drei Viertel mehr als drei Jahre zuvor.

Doch nicht überall in Europa ist die Lage gleich: In Spanien etwa stieg die Arbeitslosenquote zuletzt auf über 25 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit beträgt sogar 55 Prozent. Die Beschäftigungsaussichten für MINT-Fachkräfte sind in vielen südeuropäischen Ländern derzeit schlecht. Kay Hradilak, Topmanager beim Softwarehersteller SAP und Autor des Buches "Führen von IT-Service-Unternehmen", spricht von einer Million arbeitslosen MINT-Akademikern allein in Spanien, Portugal und Griechenland.

Europa erlebt deshalb eine starke Binnenmigration von Arbeitskräften. Hochqualifizierte Arbeitswillige aus Südeuropa suchen vermehrt Jobs in strukturstarken Ländern wie Deutschland, Schweden, Österreich oder der Schweiz.

Kurzfristig entsteht dadurch eine Win-Win-Situation sowohl für die Herkunfts- als auch die Zielländer, da die regionalen Arbeitsmarktungleichgewichte abgebaut werden können. Mittel- und langfristig werden die Fachkräfte jedoch wieder in ihren Heimatländern benötigt. "Eines Tages wird Spanien wieder Menschen anziehen", gibt sich Spaniens Vize-Regierungschefin Sáenz de Santamaria gegenüber der ARD überzeugt.

Die Wirtschaft schlägt Alarm

Sowohl auf europäischer als auch auf nationalstaatlicher Ebene kommt der Förderung von Fachkräften auf lange Sicht größte Bedeutung zu. Denn Wirtschaftsvertreter warnen:  Der Kontinent drohe den Anschluss an die aufstrebenden Wirtschaften insbesondere in Asien zu verlieren. Bereits vor zwei Jahren veröffentlichte BusinessEurope, einer der wichtigsten europäischen Arbeitgeberverbände, einen Bericht zum Thema MINT, der die Bedeutung der Fachkräfte betont:

"Ein Mangel an Ingenieuren und Wissenschaftlern wird zu geringerer Produktivität und einem Rückgang des Marktanteils führen. MINT-Disziplinen sind der Stoff, auf dem unsere moderne Gesellschaft zu einem großen Teil aufbaut: Infrastruktur, Gesundheitssystem und die große Mehrheit der Produkte und Dienstleistungen, die wir jeden Tag für selbstverständlich nehmen, wären ohne die technologische Entwicklung nicht möglich gewesen. Neue Herausforderungen wie der Klimawandel und die alternde Bevölkerung verlangen nach neuen Lösungen, die auf den Ergebnissen der technologischen Entwicklung beruhen."

Der Bericht fordert ein verstärktes Engagement der EU und der Regierungen, um die entsprechenden Fachrichtungen zu fördern. Robert Plummer von BusinessEurope wünscht sich nichts Geringeres als die "Re-Industrialisierung der europäischen Wirtschaft". Eine Forderung, die die EU-Kommission teilt: Sie will bis 2020 den Anteil der industriellen Wertschöpfung auf 20 Prozent steigern. Heute steuert die Industrie nur knapp 16 Prozent zur EU-weiten Wirtschaftsleistung bei.

Was macht die EU?

Die EU hat den Ernst der Lage bereits früh erkannt. Schon 2000 drückte der Europäische Rat seine Sorge über Wachstum und Beschäftigung in Europa aus. Die im gleichen Jahr beschlossene "Lissabon-Strategie" sollte die EU bis 2010 zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum machen, mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und einem größeren sozialen Zusammenhalt. Sie war eine langfristig angelegte Wirtschaftsstrategie, die die EU wirtschaftlich, sozial und ökologisch stärken sollte.

Ein "Europäischer Forschungsraum"

Seit Anfang des Jahrtausends gibt es den "Europäischen Forschungsraum" (ERA). Zentrales Ziel dieser EU-Initiative ist, die Abwanderung von Wissenschaftlern (vor allem aus schwächeren Regionen), aber auch die großen regionalen Unterschiede bei den Forschungs- und Innovationsleistungen einzudämmen und stattdessen Spitzenleistungen in der gesamten Union durch intelligente Spezialisierung zu erreichen.

Die fünf Schwerpunktbereiche des ERA sind:

– Effektivere nationale Forschungssysteme

– Optimale länderübergreifende Zusammenarbeit und entsprechender Wettbewerb

– Ein offener Arbeitsmarkt für Forscher

– Gleichstellung der Geschlechter und Berücksichtigung des Gleichstellungsaspekts in der Forschung

– Optimaler Austausch von, Zugang zu und Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen, auch über den digitalen ERA

"Europa 2020"

2010 hat die Kommission ihr ambitioniertes Nachfolgeprojekt der Lissabon-Strategie vorgestellt: "Europa 2020" heißt die neue, auf zehn Jahre angelegte Wachstumsstrategie der EU. Sie soll mehr als nur die gegenwärtigen Krise überwinden. Sie soll die Mängel des europäischen Wachstumsmodels beheben und die Grundlagen für eine andere Art von Wachstum schaffen – ein Wachstum, das intelligenter, nachhaltiger und integrativer ist.

Europa 2020 beinhaltet sieben Leitinitiativen:

Digitale Agenda für Europa

Innovationsunion

Jugend in Bewegung

Ressourcenschonendes Europa

Industriepolitik im Zeitalter der Globalisierung

Agenda für neue Kompetenzen und Beschäftigungsmöglichkeiten

Europäische Plattform zur Bekämpfung der Armut

MINT als "klassisches Querschnittsthema"

Die Ziele sind ehrgeizig und breitgefächert – doch was unternimmt die EU speziell zur Förderung von MINT-Fachkräften? Es gibt keine eigentliche große paneuropäische Strategie, die das Problem aus einem Wurf angeht. EU-Bildungs-Generaldirektor Jan Truszczy?ski nennt auf Nachfrage von EurActiv.de an erster Stelle das 7. Forschungsrahmenprogramm. Die EU könne die Mitgliedsstaaten in Sachen MINT jedoch lediglich unterstützen. "Die Hauptverantwortung muss auf der nationalen Ebene verbleiben."

Bei MINT handele es sich um ein "klassisches Querschnittsthema", welches nicht nur von einer einzigen, sondern von vielen verschiedenen Politiken tangiert werde, gibt man auch bei der Vertretung der EU-Kommission in Berlin offen zu. Es gibt eine Fülle von regionalen, nationalen und internationalen Initiativen, die auf unterschiedliche Weise versuchen, MINT im weitesten Sinne zu fördern.

"Horizon 2020"

Einer gemeinsamen MINT-Strategie am nächsten kommt das EU-Projekt "Horizon 2020", dem weltweit größten Förderprogramm für Forschungsprojekte. Es ist das Finanzierungsinstrument, um die Innovationsunion – eine der sieben Europa-2020-Leitinitiativen – zu verwirklichen.

Mit Horizon 2020 will die EU zwischen 2014 und 2020 rund 80 Milliarden Euro in Innovation und Forschung investieren, um die globale Wettbewerbsfähigkeit Europas zu fördern, Unternehmen zu stärken und Arbeitsplätze zu schaffen. Das Instrument soll die Finanzierung von verschiedenen bestehenden Programmen unter ein Dach bringen: das Siebente Forschungsrahmenprogramm (RP7) – welches Ende 2013 ausläuft – , das Rahmenprogramm für Wettbewerbsfähigkeit und Innovation (CIP) und das European Institute of Innovation and Technology (EIT). Von der Förderung profitieren jedoch nicht ausschließlich die MINT-Bereiche.

Ob und in welcher Form Horizon 2020 realisiert werden kann, hängt allerdings von der Verabschiedung des Mehrjährigen Finanzrahmens ab. Der EU-Rat hatte sich im Februar auf die Eckpunkte für das EU-Budget 2014-2020 geeinigt, das Parlament lehnte das Paket jedoch ab. Ein Kompromiss ist derzeit nicht in Sicht.

Truszczy?ski ist sich indessen sicher, dass Horizon 2020 eine stärkere MINT-Förderung bedeuten werde als bisher. Der Berliner Europaabgeordnete Joachim Zeller (CDU) relativiert die Aussage des polnischen Generaldirektors gegenüber EurActiv.de: "Die Frage ist, ob das Glas halb voll oder halb leer ist." Selbst wenn die vorgesehenen Mittel für Horizon 2020 von 80 auf 70 Milliarden Euro zusammengestrichen würden, wäre dies immer noch deutlich mehr als die gegenwärtig für RP7 zur Verfügung stehenden 50 Milliarden Euro.

Europäischer Sozialfonds

Der Europäische Sozialfonds (ESF) unterstützt seit der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1957 die Schaffung von Arbeitsplätzen und ist das zentrale arbeitsmarktpolitische Förderinstrument der EU. Er unterstützt die Menschen durch Ausbildung und Qualifizierung und trägt zum Abbau von Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt bei. Jeder Mitgliedsstaat und jede Region entwickelt dabei eine eigene Strategie. Damit soll den Erfordernissen vor Ort am besten Rechnung getragen werden.

In der laufenden Förderperiode (2007-2013) vergibt der ESF insgesamt rund 75 Milliarden Euro an die Mitgliedsstaaten. Davon entfallen mehr als 80 Prozent auf das Ziel "Konvergenz", das Wachstum und Beschäftigung für die am wenigsten entwickelten Mitgliedsstaaten und Regionen schaffen will.

Unter den fünf ESF-Schwerpunkten sind zwei für den MINT-Bereich besonders relevant:

– Steigerung der Anpassungsfähigkeit der Beschäftigten, Unternehmen und Unternehmer, um den wirtschaftlichen Wandel besser bewältigen zu können, und

– Stärkung des Humankapitals durch Bildung und Ausbildung

Der ESF kann von Horizon 2020 geförderte Programme in den entsprechenden Regionen flankieren.

ESFRI

Das Europäische Strategieforum für Forschungsinfrastrukturen (ESFRI) ist ein multidisziplinäres Forum für die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union und assoziierte Staaten in Zusammenarbeit mit der EU-Kommission. Es dient der Verwirklichung der Ziele des ERA bezüglich der Forschungseinrichtungen. Die gemeinsame Strategie hilft, die Bemühungen der einzelnen Länder zu koordinieren und die Forschungsinfrastruktur auf modernstes Niveau zu bringen.

Informations- und Kommunikationstechnologie

Die Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) ist eine besonders wichtige MINT-Disziplin: EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso appellierte Anfang März 2013 an Europas IKT-Unternehmen, Regierungen sowie Aus- und Weiterbildungseinrichtungen, einer „Großen Koalition für digitale Arbeitsplätze“ beizutreten. Sie soll verhindern, dass 2015 in Europa – nach Schätzungen der Kommission – 900.000 Arbeitsplätze auf dem Gebiet der IKT unbesetzt bleiben.

Trotz der aktuell hohen Arbeitslosigkeit steigt die Zahl der digitalen Arbeitsplätze um mehr als 100.000 pro Jahr an. Die Zahl der neuen IKT-Hochschulabsolventen und qualifizierten IKT-Fachkräfte hält mit dieser Entwicklung nicht Schritt.

Der sichere Umgang mit Computern, Internet und (neuen) Medien ist heute eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg auf dem Arbeitsmarkt. Mit der Europa-2020-Initiative Digitale Agenda will die EU die europäische Wirtschaft "neustarten" und ihren Bürgern und Unternehmen den Zugang zu und die kompetente Nutzung von Computertechnologie ermöglichen. Die Digitale Agenda beruht auf sieben Säulen und enthält 101 Maßnahmen.

Aus der MINT-Perspektive besonders relevant: Säule V (Investitionen in Forschung und Innovation) sowie Säule VI (Verbesserung der digitalen Kompetenzen, Qualifikationen und Integration), darunter auch Maßnahme 60 zur Förderung von Frauen in IKT-Berufen.

Frauen im IKT-Sektor

Laut EU-Kommission arbeiten heute rund sieben Millionen Menschen im europäischen IKT-Sektor. Lediglich 30 Prozent davon sind Frauen – sie sind in allen Bereichen unterrepräsentiert, besonders in Führungspositionen. Um den rapide wachsenden Bedarf an neuen Arbeitskräften zu decken, ist die Ausbildung von mehr weiblichen IKT-Kräften absolut entscheidend. Um dem "Gender-Gap" die Stirn zu bieten, organisiert die EU zusammen mit der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) am 25. April 2013 einen internationalen "Girls in ICT Day". Hinter dem Motto "Wissenschaft ist Mädchensache" verbirgt sich eine weitere Initiative der EU-Kommission zur Förderung von Frauen in Forschung und Innovation.

"EM2-STEM"

Das von der EU-Kommission finanzierte Erasmus-Mundus-Programm "EM2-STEM" bietet Stipendien für über 260 Bachelor- und Masterstudenten, wissenschaftliche Mitarbeiter, Forschungsassistenten, angehende Doktoranden und Postdoktorierende, die in MINT-Bereichen forschen. (Die Bezeichnung für MINT ist im Englischen STEM: Science, Technology, Engineering, and Mathematics) Zur Verfügung stehen 3,8 Millionen Euro, die die wissenschaftliche Arbeit von sieben Partnern in der EU und acht auf dem Westbalkan enger koordinieren sollen mit dem Ziel, die Qualität der akademischen Qualität zu steigern und die Kooperation zwischen den Forschern aus unterschiedlichen Regionen zu verbessern.

Marie Curie Actions

Die "Marie-Curie-Maßnahmen" bieten finanzielle Hilfe für Forscher unabhängig von ihrem Alter, Geschlecht oder ihrer Nationalität. Zusätzlich zu großzügigen Stipendien haben die Forscher die Möglichkeit, Erfahrungen im Ausland und in der Privatwirtschaft zu sammeln und ihre Ausbildung durch andere Kompetenzen oder Disziplinen aufzuwerten, die für ihre Laufbahn wertvoll sein können. Laut EU-Kommission haben bisher über 60.000 Forscher von den Maßnahmen profitiert.

SCIENTIX

Die Gemeinschaft für naturwissenschaftliche Erziehung in Europa SCIENTIX hilft seit 2009 bei Verbreitung und Austausch von Know-how und bewährten Praktiken in der naturwissenschaftlichen Erziehung. SCIENTIX wird im Auftrag der EU-Kommission vom European Schoolnet (EUN) durchgeführt.

Das EUN ist ein Netzwerk von 30 Bildungsministerien aus Europa und einigen umliegenden Staaten. Unter seiner Ägide befindet sich auch das Portal "Pan-EU Youth", das jungen Menschen zwischen 14 und 18 Jahren eine Plattform für den Austausch über moderne Technologie ermöglicht. Wichtig ist dabei auch die Einbindung in Social Media wie Facebook, Twitter und YouTube.

"Science on Stage"

Auch das vom deutschen Arbeitgeberverband GESAMTMETALL gesponsorte Projekt "Science on Stage" bietet europäischen und kanadischen Primar- und Sekundarlehrern die Möglichkeit, innovative Lehrmethoden und -materialien untereinander auszutauschen. Es ermögliche den Lehrern einen "Blick über den Tellerrand", so Otto Lührs, Vorsitzender von Science on Stage Deutschland. Profitieren sollen davon die Schüler, denen sperrige wissenschaftliche Themen auf spannende Art und Weise vermittelt werden.

Im wahrsten Sinne des Wortes grenzüberschreitend wird das nächste Science on Stage Festival in S?ubice/Frankfurt an der Oder. Vom 25. bis 28. April 2013 richten Polen und Deutschland die zweijährlich stattfindende Veranstaltung gemeinsam aus – unter der Schirmherrschaft des deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck und seines polnischen Amtskollegen Bronis?aw Komorowski.

RESEARCH

"RESEARCH – The EU Contest for Young Scientists"
ist eine weitere Initiative der EU-Kommission, um junge Europäer für Naturwissenschaft und Technik zu begeistern und ihnen Anreize für eine Karriere in den entsprechenden Bereichen zu geben. Seit 1989 messen sich jedes Jahr junge Wissenschaftler mit ihren Kollegen aus anderen Ländern und bauen nebenbei ihr Netzwerk aus. Die nächste Runde wird von 20. bis 25. September 2013 in Prag ausgetragen.

DEUTSCHLAND

Trotz Krise geht es der deutschen Wirtschaft gut. Die Arbeitslosigkeit ist im europäischen Vergleich gering. Doch der Industrie fehlen die MINT-Fachkräfte. Die Zuwanderung aus Südeuropa lindert vorübergehend die Not, wird aber langfristig nicht ausreichen.

Auf dem deutschen Arbeitsmarkt wird sich bis 2022 eine Lücke von 6,5 Millionen Arbeitskräften auftun. Bereits heute leidet die deutsche Wirtschaft unter einem Mangel an qualifizierten Fachkräften. Laut IWK wiesen 2011 rund 15 Prozent der deutschen Unternehmen darauf hin, dass ihre Wachstumspotenziale in den folgenden zwei Jahren aufgrund fehlender Fachkräfte nicht ausgeschöpft werden. Dies bedroht die wirtschaftliche Entwicklung der Unternehmen.

Besonders weitreichende Konsequenzen hat der Fachkräftemangel in den MINT-Bereichen. Deutschland verfügt in den Branchen der "Hochwertigen Technologien" über einen komparativen Standortvorteil in Europa. Die Grundlage dieses Erfolgs bilden die MINT-Kompetenzen auf akademischer sowie beruflich qualifizierter Ebene, wie aus dem jüngsten MINT-Report des IWK hervorgeht.

Wirtschaftsmotor Innovation

Für die Innovationstätigkeit der deutschen Unternehmen ist die Verfügbarkeit von MINT-Fachkräften daher von höchster Bedeutung. Allein die Metall- und Elektroindustrie ist mit 66,34 Milliarden Euro oder einem Anteil von 55 Prozent der volkswirtschaftlichen Innovationsaufwendungen die innovativste Branche Deutschlands.

Peer-Michael Dick, bis Februar 2013 Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, bestätigt: "Die Metall- und Elektro-Industrie ist mit ihrer Innovationskraft eine wesentliche Stütze des Geschäftsmodells Deutschland. Sie verdankt ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht zuletzt dem hohen Anteil an MINT-Fachkräften. Dabei sind beruflich qualifizierte MINT-Arbeitskräfte in der Breite der innovationsstarken Unternehmen ebenso wichtig für den Innovationserfolg wie MINT-Akademiker."

Fachkräftemangel trotz guter Berufsperspektiven

Die Arbeitsmarktperspektiven für MINT-Fachkräfte sind in der Bundesrepublik ausgesprochen gut. Derzeit arbeiten knapp 1,4 Millionen MINT-Akademiker in naturwissenschaftlich-technischen Berufen – zusätzlich zu den gut 9 Millionen beruflich qualifizierten "MINTlern". Trotzdem fehlen 2013 in Deutschland 95.200 MINT-Fachkräfte, sagt Ernst Burgbacher (FDP), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, im Gespräch mit EurActiv.de.

IWK-Experten gingen im Oktober 2012 sogar von einer MINT-Lücke von 121.300 Arbeitskräften aus. "Besonders groß sind die Engpässe im Bereich der Ingenieurberufe Maschinen- und Fahrzeugtechnik. Keine Engpässe bestehen hingegen bei Chemikern oder Biologen", erklärt Professor Michael Hüther, Direktor des IWK.

Die guten Berufsaussichten locken viele ausländische Arbeitskräfte in die Bundesrepublik. Nicht nur Akademiker nutzen die Vorzüge des freien Personenverkehrs. Viele Jugendliche aus südeuropäischen Ländern – in denen die beruflichen Perspektiven derzeit eher trübe sind – suchen ihr Glück zunehmend auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Für die Unternehmen sind die ausländischen Nachwuchskräfte eine willkommene Gelegenheit, Kapazitätsengpässe zu vermeiden. Die Einwanderer ihrerseits erhalten eine solide Berufsausbildung und Zukunftsperspektive.

"Glücksfall" duales System

Verglichen mit den romanisch- und englischsprachigen EU-Staaten verfügt Deutschland über einen weiteren Standortvorteil: Das duale Berufsausbildungssystem hat sich als äußerst erfolgreich erwiesen. Die Ausbildung erfolgt dabei parallel in Berufsschule und Betrieb. Die Lehrlinge lernen dadurch praxisnah und können anschließend ohne große Reibungsverluste in die Betriebe integriert werden.

"Unser duales System ist heute weltweit anerkannt und wirklich ein Glücksfall für uns", so Burgbacher weiter. EU-Generaldirektor Jan Truszczy?ski pflichtet ihm bei: "Das deutsche duale System ist überall in Europa anerkannt."

Heute ist bereits jeder zehnte MINT-Absolvent in Deutschland ein Ausländer. Um diese wertvollen Arbeitskräfte auch langfristig im Land zu halten, muss die "Willkommensstruktur" in Deutschland weiter gestärkt werden. Denn die Lage auf dem deutschen MINT-Arbeitsmarkt bleibt weiterhin angespannt, wie der Report des IWK festhält.

"MINT Zukunft schaffen"

In Deutschland gibt es eine große Vielfalt nationaler und regionaler, öffentlicher und privater Initiativen zur Förderung von MINTlern. Die Bundesregierung wirbt mit der Fachkräfte-Offensive im In- und Ausland für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Eine der prominentesten und wichtigsten Initiativen der deutschen Wirtschaft ist "MINT Zukunft schaffen". Die bundesweite Aktion bündelt zahlreichen Einzelinitiativen der Verbände und Unternehmen und bietet ihnen eine breite Plattform, um sich zusammen für das gemeinsame Anliegen einzusetzen: Die Wissensvermittlung in den MINT-Fächern soll an Schulen und Hochschulen quantitativ und qualitativ deutlich verbessert werde, damit die Zahl der qualifizierten Absolventen steigt, die Abbrecherquoten sinken und der deutschen Wirtschaft genügend Fachkräfte zur Verfügung stehen. Schirmherrin von "MINT Zukunft schaffen" ist Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Thomas Sattelberger, Vorstandsvorsitzender bei "MINT Zukunft schaffen", will das Potenzial von MINT-Studenten besser nutzen: "MINT-Abbrecherquoten von weit über 50 Prozent an Universitäten sind ein Skandal." Auch müsse Deutschland für Absolventen attraktiver werden.

"Von 100 MINT-Studienanfängern an deutschen Hochschulen aus dem Ausland steigen nur 14 in unseren Arbeitsmarkt ein, 46 brechen ihr Studium ab, 40 verlassen Deutschland nach dem Studienabschluss." Behörden, Hochschulen und Unternehmen sollten ausländischen Studenten und Absolventen Anreize bieten, im Land zu bleiben, so Sattelberger.

Deutsche Telekom Stiftung als Impulsgeber

Sattelberger war bis 2012 im Personalvorstand der Deutsche Telekom AG. Deren Stiftung setzt sich seit 2003 für MINT ein. Mit einem Kapital von 150 Millionen Euro zählt sie zu den größten deutschen Unternehmensstiftungen. Sie fördert MINT-Interesse und -Kompetenzen vom frühkindlichen Alter an, unterstützt Lehrer und gewährt Stipendien für besondere Talente. Darüber hinaus versteht sie sich als "Impulsgeber" in der gesellschaftlichen und politischen Debatte.

Um mehr Interesse an MINT zu wecken, will sie ferner schulisches und außerschulisches Lernen miteinander verbinden und hält den engen Austausch von Schulen mit Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft für ein wichtiges Instrument, um den Übergang von der Schule auf die Hochschule oder in den Beruf zu erleichtern.

Hamburg will "skandinavischste Stadt Deutschlands" werden

In einer Diskussionsveranstaltung der Stiftung in Hamburg ging es um die Frage, ob der MINT-Fachkräftemangel ein echtes Risiko oder nur Mythos sei – nämlich ein Risiko für den Wirtschaftsstandort Deutschland oder eher nur eine Erfindung, um die Löhne niedrig zuhalten. Reinhard Clemens, Vorstandsmitglied Deutsche Telekom AG, sagte, es sei unvorstellbar, dass 80.000 Kinder in Deutschland ohne Schulabschluss seien, und zwar jedes Jahr. Eine Zahl, die nicht hinzunehmen sei. " Das MINT-Thema ist für mich einfach das wichtigste Thema für die Zukunft."

Clemens’ Vorschlag: die Zusammenarbeit mit den Universitäten zu verbessern und Startups zu finanzieren. "Ich möchte eine Kultur wie in Amerika aufbauen, sodass man einen Übergang hat, Innovation ermöglicht und Leuten hilft – damit sie nicht nach Amerika gehen."

Auch Olaf Scholz, Erster Bürgermeister von Hamburg, sieht hier "ein bisher völlig unterschätztes Problem. Wenn alle Leute, die ein Ingenieursstudium, ein Mathematikstudium beginnen, es auch beenden würden, hätten wir ein Überangebot an hochqualifizierten Ingenieuren."

Scholz’ Vorschlag: Hamburg will "letztendlich die skandinavischste Stadt Deutschlands werden – mit einem Schulsystem, das vom ersten Lebensjahr an bis zum Schulende Ganztagsbetreuung anbietet und das im Regelschulsystem nur Schulformen anbietet, die zum Abitur führen, und das sehr kleine Grundschulklassen hat."

Innovationsindikator: Bildungsföderalismus reformbedürftig

Der Innovationsindikator, den die Deutsche Telekom Stiftung mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie erstellt, entlarvt Deutschlands Bildungssystem als größte Schwachstelle. Deutschland schneide mit Ausnahme der beruflichen Bildung bei keinem der Bildungsindikatoren gut ab. Das duale System leiste zwar einen wesentlichen Beitrag zum Innovationserfolg, könne aber andere Schwächen nicht ausgleichen.

Der Vorschlag der Innovationsforscher klingt wie ein Angriff auf das föderale System: Langfristige Verbesserungen erforderten Bildungsbündnisse von Bund, Ländern und Kommunen mit Handlungsspielräumen. Der Bildungsföderalismus sei reformbedürftig, und das im Grundgesetz verankerte Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern müsse wegfallen.

(Ergebnisse und Grafiken stehen im Internet zum Download zur Verfügung)

MINT-freundliche Schulen

Um mehr Studenten und Auszubildende für MINT-Fachrichtungen zu gewinnen, reicht es jedoch nicht, die entsprechenden Studien- und Lehrgänge zu fördern. Man muss wesentlich früher ansetzen, um Kinder und Jugendliche von Anfang an für diese Fächer zu begeistern. "Der wichtigste Zugang sind natürlich die Lehrer. Es muss an den Schulen vorbereitet werden", so Staatssekretär Burgbacher.

Die bundesweiten Partner der Initiative "MINT Zukunft schaffen" zeichnen in Absprache mit den Landesarbeitgebervereinigungen und den Bildungswerken der Wirtschaft jedes Jahr "MINT-freundliche Schulen" aus, die die Schwerpunkte bei der Ausbildung in den entsprechenden Fächern setzen. Schüler, Eltern und Unternehmen erkennen an diesem "Gütesiegel", dass eine Schule besonderen Wert auf die MINT-Bildung legt und ihr hohe Priorität einräumt.

Daneben gibt es weitere Programme für die Auszeichnung und gezielte Förderung von Schulen mit einem ausgeprägten MINT-Profil:

– Die bundesweite Initiative „MINT-EC“ für Gymnasien und Schulen mit gymnasialer Oberstufe, gefördert durch den Arbeitgeberverband Gesamtmetall, die Siemens Stiftung und die Deutsche Telekom Stiftung

– Die Auszeichnung von "MINT-Haupt"- und "MINT-Real"-Schulen in Nordrhein-Westfalen durch unternehmer nrw

– Die Initiative "MINT-Schule Niedersachsen" der Stiftung NiedersachsenMetall, der NORDMETALL-Stiftung und der VME-Stiftung Osnabrück-Emsland in Niedersachsen für Schulen mit Sekundarstufe I (ausgenommen Gymnasien).

Ist Wissenschaft Männersache?

Wenn es schwierig ist, junge Menschen für MINT zu begeistern, so gilt dies erst recht für Mädchen und junge Frauen. "Technische Berufe werden oft dreckig, laut und unweiblich dargestellt", sagt Rosi Stolz vom bundesweiten Mädchennetzwerk Lizzynet, weshalb das Interesse vieler Schülerinnen und Studentinnen für die MINT-Fächer nur schwach ausgeprägt sei.

Das spürt die Wirtschaft. "Nach wie vor suchen wir händeringend junge Frauen, die Lust haben, einen technischen Beruf zu erlernen oder in den MINT-Studiengängen zu starten", so die ehemalige Hauptgeschäftsführerin von Gesamtmetall, Gabriele Sons. Die Zahlen des IWK sprechen eine deutliche Sprache: Von den rund 131.000 Erstsemestern der Ingenieurwissenschaften waren im Wintersemester 2011/12 lediglich 21 Prozent weiblich – das entspricht dem Niveau im Wintersemester 2001/02.

Wenn es nicht gelinge, mehr qualifizierte Frauen für den Arbeitsmarkt zu aktivieren, werde der Fachkräftemangel im MINT-Bereich "immer mehr zu einem Problem", heißt es auch im aktuellen Gutachten der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI), das die Bundesregierung berät. Bisher unzureichend genutzte Qualifikations- und Innovationspotenziale müssten besser ausgeschöpft werden. Dies betreffe neben Frauen in MINT-Fächern auch Frauen in Führungspositionen in Wissenschaft und Wirtschaft.

Das Image von technischen Berufen müsse aufpoliert werden, meint auch Staatssekretär Burgbacher. In der Gesellschaft herrsche immer noch eine "latente Technikfeindlichkeit". Otto Lührs von Science on Stage pflichtet ihm bei. MINTler gelten oft fälschlicherweise als Fachidioten mit "Tunnelblickbildung". Es sei Aufgabe der Schulen, diesem schlechten Ruf der MINT-Disziplinen entgegenzutreten, um insbesondere junge Frauen für Technik und Wissenschaft zu begeistern.

Wissenschaft ist Mädchensache!

"Komm, mach MINT", der Nationale Pakt für Frauen in MINT-Berufen, hat sich zum Ziel gesetzt, das Potenzial von Frauen für naturwissenschaftlich-technische Berufe auszuschöpfen. Kompetenzen von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Sozialpartnern und Medien sollen zusammengeführt werden, um das Bild der MINT-Berufe in der Gesellschaft zu verändern.

Komm, mach MINT ist Teil der Qualifizierungsinitiative "Aufstieg durch Bildung" der Bundesregierung und wurde 2008 vom Bundesministeriums für Bildung und Forschung gestartet. Auf der Homepage gibt es eine Projektlandkarte mit einer Übersicht über mehr als 1.000 MINT-Projekte – überwiegend für weibliche Nachwuchskräfte.

6. MINT-Tag in Leverkusen

Für Donnerstag, den 18. April 2013, hatte die Bayer AG zum 6. MINT-Tag nach Leverkusen eingeladen. Im Mittelpunkt der Tagung stand die Förderung von Innovation. Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft referierten und diskutierten über den Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft und dessen Bedeutung für eine dynamische und innovative Gründerkultur.

Als Gastgeber hob Bayer-Forschungsvorstand Wolfgang Plischke die Bedeutung von Naturwissenschaft und Technik hervor: "Ohne Forschung und Entwicklung – gerade in den MINT-Diziplinen – werden wir die aktuellen globalen Herausforderungen nicht meistern können. Innovationen sichern die Zukunft." Bayer betreibe in Deutschland vier Schülerlabore und unterstütze über die Bayer Science & Education Foundation den naturwissenschaftlichen Unterricht im Umfeld der Bayer-Standorte mit jährlich rund 500.000 Euro.

Bayer-Vorstand Plischke: Technikmündigkeit statt Technikmüdigkeit

In einem Standpunkt für EurActiv.de hatte Plischke zuvor plädiert, mehr "Technikmündigkeit" statt Technikmüdigkeit könnte die Einstellung zu neuen Technologien fördern und den Innovationsstandort Deutschland stärken.

Plischke führte darin aus: "In vielen Ländern findet die Bedeutung von Technik auch in den Lehrplänen der Schulen einen Niederschlag. Aber ausgerechnet am Technologiestandort Deutschland ist das nur in unzureichendem Maße der Fall. Denn trotz punktueller Fortschritte – wie etwa der Einführung des Fachs ‘Naturwissenschaft und Technik’ in Baden-Württemberg – fehlt es hierzulande an einem systematischen, flächendeckenden Lehrangebot, das so etwas wie technische Allgemeinbildung vermitteln würde."

Demnach mache bei den 12- bis 14-Jährigen in Deutschland Technik im Schnitt nur drei Prozent der Unterrichtszeit aus. In Frankreich seien es sechs, in England zwölf Prozent. "Mehr technisches Wissen kann dazu beitragen, das diffuse, häufig auf Vorurteilen beruhende Unbehagen abzubauen, das technologischen Innovationen bisweilen entgegengebracht wird – auch in Deutschland."

ÖSTERREICH


Österreich hat die niedrigste Arbeitslosenquote in der EU. Dennoch bleibt fast jeder fünfte neu ausgeschriebene MINT-Job unbesetzt. Während die Industrie auf eine Neustrukturierung des Schulunterrichtes setzt, will die Bundesregierung mehr Fachkräfte aus dem Ausland holen.

Die Arbeitslosenquote in Österreich ist mit aktuell 4,8 Prozent die niedrigste in den 27 EU-Staaten. Gleichzeitig hat das Alpenland mit einem Fachkräftemangel zu kämpfen. Vor allem in technischen Berufen beklagen Industrie und Wirtschaft diesen immer wieder.

30.000 neue MINT-Jobs bis 2016

Nach Einschätzung des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) werden bis 2016 rund 30.000 neue Arbeitsplätze in MINT-Berufen wie Informatiker, Physiker, Chemiker, Ingenieure und Biowissenschaftler entstehen.

Doch bereits heute haben acht von zehn Industrieunternehmen in Österreich Probleme, qualifiziertes Personal in den Bereichen Technik, Produktion, Forschung und Entwicklung zu finden. Damit bleibt laut Industriellenvereinigung (IV) jeder fünfte bis sechste neu ausgeschriebene MINT-Job unbesetzt. 

Die IV hat konstatiert, dass sich die "MINT-Lücke" in Österreich alleine in neun technischen Studienrichtungen auf tausend Neugraduierte pro Jahr beläuft. Vor allem Absolventen der Studiengänge Maschinenbau, Wirtschaftsingenieurwesen und Elektrotechnik werden von den Unternehmen gesucht.

Kaum Interesse an MINT-Berufen

Eine der Hauptursachen für den Fachkräftemangel ist das geringe Interesse der Schüler an MINT. Wie in vielen anderen Industrieländern nimmt auch in Österreich die Affinität der Jugend zu MINT-Berufen mit dem Grad des erreichten Wohlstandes des Landes ab.

Trotz steigender Studierendenzahlen und einer Verdoppelung der jährlichen Universitätsabschlüsse – auch in den Bereichen Naturwissenschaften und Technik – konnten viele der von der Industrie nachgefragten spezifischen MINT-Studienrichtungen demnach (noch) nicht von diesem Trend profitieren.

Der PISA-Studie 2009 zufolge liegen die mathematischen und naturwissenschaftlichen Kompetenzen der österreichischen Schüler im Mittelfeld zu vergleichbaren Staaten. Dennoch wollen im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich wenige eine Ausbildung in einem MINT-Beruf absolvieren.

So konnten sich bei einer Umfrage 2010 nur zwölf Prozent der Mädchen und 25 Prozent der Jungen vorstellen, Wissenschaftler zu werden. Etwas positiver sah es bei den technischen Berufen aus: Hier waren es rund 14 Prozent der Mädchen und gar 45 Prozent der Jungen.

Maßnahmen der Wirtschaft

Die Zahlen legen ein weiteres Problem offen, mit dem Österreich nicht alleine dasteht: den geringen Frauenanteil. Christoph Leitl, Präsident der österreichischen Wirtschaftskammer, sagte zu EurActiv.de, dass die Hälfte der Frauen in Österreich traditionelle Jobs wie Friseurin, Verkäuferin oder Büroangestellte anstrebe. Er sehe hier großes Potenzial für die MINT-Berufe, das verloren gehe. (Siehe unten stehendes Interview mit Christoph Leitl.)

Um MINT-Studiengänge attraktiver zu machen, sollen nach Leitls Vorschlag in diesen Fächern die Studiengebühren erlassen und die Stipendien sogar erhöht werden.

"MINT 2020"

Bereits im Jahr 2007 hat die Industriellenvereinigung eine umfassende Strategie für Österreich entwickelt, um dem Fachkräftemangel entgegenzutreten. Dabei sind die wichtigsten Handlungsfelder eine Neuerung des Bildungssystems, die Steigerung des Innovationsbewusstseins der Gesellschaft, verbesserte Rahmenbedingungen für Forschungs- und Innovationsberufe, die stärkere Einbeziehung von Frauen in MINT und die Erhöhung der Mobilität und Forcierung des qualifizierten Zuzuges.

Entstanden ist jetzt die Strategie "MINT 2020". Sie ist darauf ausgelegt, den Schulunterricht MINT-freundlicher zu gestalten. So soll die Jugend eine Begeisterung für MINT entfalten und diese während der gesamten Schullaufbahn beibehalten. Neben einer Neustrukturierung der Lehrpläne, sollen regelmäßig MINT-Wochen stattfinden und die Lehreraus- und Fortbildung optimiert werden.

Aber auch die österreichischen Industriebetriebe engagieren sich. So gibt es beispielsweise Betriebs-kindergärten mit MINT-Schwerpunkt, MINT-Schülerwettbewerbe, Experimentiermaterial oder spezielle MINT-Programme für Mädchen.

Darüber hinaus wurde 2011 die "Wissensfabrik – Unternehmen für Österreich" als Plattform der Industrie für exzellente Bildungsprojekte in den Bereichen MINT, Sprache und Wirtschaft gegründet. Hier sollen die einzelnen Maßnahmen gebündelt und besser sichtbar gemacht werden.

Fachkräftemangel für Politik kaum präsent

Aufgrund des dualen Berufsausbildungssystems hat Österreich nach Deutschland die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit in der EU. Dadurch sei das Thema Fachkräftemangel in der Politik momentan etwas in den Hintergrund geraten, erklärte Felix Lamezan-Salins, Sprecher des Wissenschaftsministeriums (BMWF), auf Anfrage von EurActiv.de.

Zur Förderung der MINT-Studiengänge an Universitäten hat das Wissenschaftsministerium 2011 mit dem Programm "Mint statt Masse"  40 Millionen Euro an Zusatzmittel zur Verfügung gestellt. Damit soll vor allem die Lehre und die Betreuung der Studierenden verbessert werden.

Um das Interesse der Schüler an den MINT-Fächern schon im Kindesalter zu wecken, veranstaltet das BMWF jedes Jahr im Sommer die sogenannten Kinderuniversitäten. Außerdem gibt es das Nachwuchsforschungsprojekt "Sparkling Science", bei dem Schüler gemeinsam mit Wissenschaftlern an konkreten Forschungsprojekten arbeiten.

"Rot-Weiß-Rot-Karte"

Das Bundesarbeitsministerium (BMASK) versucht durch arbeitspolitische Maßnahmen, den Bedarf an Fachkräften zu decken. Dabei setzt das BMASK auf eine Steuerung durch das Ausländerbeschäftigungsgesetz und die Qualifizierung von Arbeitslosen und Beschäftigten. Beispielsweise werden für Qualifizierungen im MINT-Bereich Förderprogramme im Rahmen der österreichischen Strategie zum lebensbegleitenden Lernen "LLL 2020" entwickelt.  Hinzu kommt das arbeitsmarktpolitische Programm "Frauen in Technik".

Um gezielt Fachkräfte aus dem Ausland anzulocken, wurde die "Rot-Weiß-Rot-Karte" eingeführt. Seit 1. Juli 2011 können Arbeitskräfte und ihre Angehörigen aus Drittstaaten einfacher und dauerhaft nach Österreich immigrieren – wenn sie entsprechend qualifiziert sind.

Dies wird anhand eines einfachen Systems errechnet: Für Ausbildung, Arbeitserfahrung oder Sprachkenntnisse gibt es verschiedene Punktzahlen. 70 von 100 Punkten sind notwendig für die Rot-Weiß-Rot-Karte. Hochschulabsolventen in MINT-Fächern oder Menschen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung in einem Mangelberuf – hauptsächlich technische Berufe – erhalten höhere Punktzahlen.

Das BMWF will außerdem die Anerkennung ausländischer Titel in Österreich erleichtern. Damit kein türkischer Arzt in Wien Taxi fahren müsse, so Lamezan-Salins.

Wirtschaftskammerchef Leitl: "Gas geben, Bewusstsein ändern!"

Christoph Leitl (64) ist seit 2000 Präsident der Wirtschaftskammer Österreich und somit oberster Interessenvertreter der österreichischen Wirtschaft. 2002 bis 2005 war er zudem Präsident des Europäischen Handelskammerverbands Eurochambres. Seit 2006 ist er dessen Ehrenpräsident. EurActiv.de sprach mit ihm über MINT-Initiativen.

EurActiv.de: Inwieweit sind MINT-Fächer in Österreich ein besonderes Thema? Fordert die Wirtschaft, dass die Schüler mehr in Richtung Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik gefördert werden?

LEITL: Ja, von mir stammt der Vorschlag, in diesen Fächern, in denen hoher Bedarf herrscht, Studiengebühren nicht zu erheben. Man sollte vielleicht sogar die Stipendien erhöhen. Wir wollen jetzt im Zuge der Attraktivierung der Berufsausbildung mit dreizehn- oder vierzehnjährigen jungen Menschen eine Begabungspotenzialanalyse machen.

Anschließend soll eine Berufsinformation auch unter Einbindung der Eltern stattfinden. Das heißt: Analyse und Ergebnisdiskussion mit den jungen Menschen und den Eltern. Ich bin überzeugt, da haben viele junge Menschen in Bereichen, die sie oft gar nicht vermuten, Begabungen – auch bei den Mädchen.

EurActiv.de: Sind österreichische Mädchen offener für MINT als andere Europäerinnen?

LEITL: Noch immer steckt die Hälfte der Mädchen in Österreich in drei Berufen: Friseurin, Verkäuferin und Büro. Nichts gegen diese drei Berufe, aber es ist eine Verschwendung von Ressourcen, dass sich die Hälfte der Mädchen nur für diese drei Berufe interessiert. Deshalb diese ganze Sache MINT.

Ich komme viel herum in technologisch orientierten Betrieben und sehe ich sehr viele Damen. Und wenn ich sie frage, wie es ihnen geht, antworten sie: ‘Hervorragend!’. Mädchen und Frauen haben ein ganzheitlich vernetztes Denken. Männer denken eher in eindimensionaler Logik. Beides zusammen ergänzt sich wunderbar.

EurActiv.de: Wie wollen Sie das Umdenken befördern?

LEITL: Wir müssen Gas geben. Wir sind stolz darauf, dass Österreich Europameister in der Berufsausbildung ist. Die Plätze eins, zwei und drei sind von den Ländern belegt, die eine duale Ausbildung anbieten.

In Leipzig finden im Juli 2013 die Weltberufsmeisterschaften statt. Da werden wir zwar nicht an erster Stelle sein, aber ich bin sicher, unter den Top Ten. Unsere Stärke liegt eher in den traditionellen Berufen und unsere Schwäche wirklich in den MINT-Bereichen. Da sind übrigens die Asiaten gut. Da müssen wir wirklich Gas geben. Es ist echt eine Schwäche, die wir derzeit dort haben.

Aber auch hier gilt: Bewusstseinsveränderung! Ich kann niemanden zwingen. Ich kann Anreize geben und Bewusstsein schaffen, Zukunftsperspektiven herausarbeiten und sagen: Junger Mensch, wenn du das machst, dann steht dir die Welt offen und du kannst dir die Wünsche deines Lebens erfüllen.

SCHWEIZ

Die Eidgenossen behauptet seit Jahren ihren Platz als wettbewerbsfähigstes Land der Welt. Trotzdem fehlen auch der Schweizer Industrie und Wirtschaft die MINT-Fachkräfte. Um die Führung zu verteidigen, investiert die Regierung in den Hochschulbereich.

In punkto Innovation rangiert die Schweiz im internationalen Vergleich seit Jahren an der Spitze. Dieser Erfolg liegt nicht zuletzt am guten Zusammenspiel zwischen der Privatwirtschaft und den öffentlichen Forschungseinrichtungen an den Fachhochschulen, an den kantonalen Universitäten und im ETH-Bereich (Eidgenössische Technische Hochschulen). Die Schweizer Hochschulen rühmen sich ihrer Autonomie und Weltoffenheit – sowohl ideell als auch personell. Die Privatwirtschaft finanziert ihrerseits mehr als zwei Drittel der Forschung (2008 umgerechnet gut 9,1 Milliarden Euro).

Treibende Kraft hinter der Innovation sind einmal mehr die MINT-Fachkräfte. Wie Deutschland und Österreich leidet jedoch auch die Schweiz unter einem entsprechenden Fachkräftemangel. Bereits zwischen 2005 und 2009 beklagten viele Schweizer Unternehmen, nicht über ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte zu verfügen. Die Regierung bezeichnet die Situation in einer Studie als "gravierend".

Trotz der ungünstigen Wirtschaftslage im Jahr 2009 fehlten der Schweiz demnach rund 14.000 MINT-Fachkräfte. Im MINT-Bereich standen den insgesamt 173.000 Erwerbstätigen nur 2.000 Stellensuchende gegenüber – bei 16.000 offenen Stellen. Der Bedarf variiert zwar je nach Konjunkturlage stark, trotzdem geht die Schweizer Regierung von einem strukturell bedingten Mangel von 10.000 Personen aus.

Immense wirtschaftliche Bedeutung

Fünf Jahre nach Erhalt des Diploms lag die Arbeitslosenquote von MINT-Akademikern bei 1,9 Prozent, gegenüber 1,8 Prozent bei Hochschulabsolventen anderer Disziplinen und 4,4 Prozent im nationalen Durchschnitt. Auffallend ist, dass fast jeder vierte MINT-Absolvent bereits mit einer Führungsposition in das Berufsleben einsteigt, gegenüber einem Sechstel der übrigen Absolventen. Fünf Jahre nach Hochschulabschluss übt rund die Hälfte aller MINTler eine leitende Position aus, gegenüber gut einem Drittel der anderen Akademiker. Diese Zahlen unterstreichen die vitale Rolle, die MINT-Akademiker in Schweizer Unternehmen spielen.

Auch der Bundesrat hält in seinem jüngsten MINT-Bericht fest: "Qualifizierte Arbeitskräfte sind der Motor für die Innovations-, Wettbewerbs- und Wachstumsfähigkeit  der Schweizer Volkswirtschaft. Mit ihrer Kreativität bei der Suche nach immer neuen oder verbesserten technischen Lösungen tragen insbesondere Ingenieur/innen und Naturwissenschaftler/innen maßgeblich zur Innovationskraft des Werkplatzes Schweiz bei. Die Verfügbarkeit von technischem Humankapital ist für eine exportorientierte, kleine Volkswirtschaft im globalen Standortwettbewerb der Wissensgesellschaften elementar."

Starke MINT-Zuwanderung

Der Mangel an Fachkräften führte zu einer starken Zuwanderung von ausländischen Spezialisten. 2007 und 2008 kamen je rund 10.000 MINT-Fachkräfte in die Schweiz. Auch ausländische Hochschulabsolventen bleiben nach ihrem Abschluss überwiegend im Land: 63,4 Prozent von ihnen lebten nach einem Jahr noch in der Schweiz. Verglichen mit ausländischen Absolventen anderer Disziplinen kehren sie jedoch öfter in ihre Heimat zurück – vermutlich da sie auch dort gute berufliche Perspektiven erwarten.

Beschränkter Einfluss der Regierung

Laut Bundesamt für Statistik (BFS) wird die Zahl der Erwerbstätigen in der Schweiz ab 2020 rückläufig sein. Das Land hat mit 79 Prozent (2009) eine der höchsten Erwerbstätigenquoten im europäischen Vergleich. Um das inländische Arbeitspotenzial noch besser zu nutzen, müsse die Schweiz sehr gezielt vorgehen.

Um den MINT-Nachwuchs zu sichern, empfiehlt der Bundesrat, das Technikverständnis auf allen Stufen der Volksschule stärker zu fördern, den Übergang in die Tertiärstufe zu verbessern und die Chancengleichheit zu sichern. Im föderalistischen Bildungswesen der Schweiz sind die Kantone jedoch die Hauptverantwortlichen für die Bildungspolitik, so dass der Bund oft nur Empfehlungen aussprechen kann.

Investitionen vor allem im Hochschulbereich

Der Bundesrat hat zur Förderung von Bildung, Forschung und Innovation (BFI) für 2013-2016 drei Leitlinien formuliert:

– Die Deckung des Bedarfs an qualifizierten Personen

– Das hohe Niveau der Förderung beibehalten die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz weiter stärken

– Die Schweiz als Denk- und Werkplatz nach den Prinzipien der Chancengleichheit, Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit

Um die gesteckten Ziele zu erreichen, will der Bund in den nächsten drei Jahren umgerechnet gut 21 Milliarden Euro in die BFI investieren. Ein gutes Drittel davon ist für die ETH vorgesehen, die – im Gegensatz zu Schulen und Universitäten – direkt dem Bund unterstehen. Von den restlichen Mitteln sollen in erster Linie der Schweizerische Nationalfond (SNF), die Berufsbildung, die Kantonale Universitäten und die Fachhochschulen profitieren.

Im Dezember 2012 hat das Parlament das Forschungs- und Innovationsförderungsgesetz (FIFG) verabschiedet, das die Förderung der wissenschaftlichen Forschung durch den Bund regelt. Es ist die Grundlage für die Förderaktivitäten des SNF, der Kommission für Technologie und Innovation (KTI) und des Verbunds der schweizerischen Akademien. Das Gesetz regelt zudem die internationale Zusammenarbeit im Bereich von Forschung und Innovation.

Frauenförderung führt ein Schattendasein

Der Frauenanteil in MINT-Studiengängen ist auch in der Schweiz ausgesprochen tief. Besonders untervertreten sind Frauen in den Bereichen Informatik, Technik und im Bauwesen. Laut economiesuisse, der größten Dachorganisation der Schweizer Wirtschaft, beträgt der Frauenanteil in Ingenieursberufen lediglich 9,5 Prozent und liegt damit deutlich unter dem europäischen Schnitt von 16,6 Prozent. Der Bundesrat macht geschlechterspezifische Stereotypen in der Schule und fehlende weibliche Rollenbilder dafür verantwortlich. Auch die bei Mädchen tiefere Einschätzungen der eigenen Leistungen oder die Vorstellung, Beruf und Familie seien in MINT-Berufsfeldern schlecht vereinbar, halten Mädchen und junge Frauen oft von einer MINT-Karriere ab.

Eine vergleichbare MINT-Frauenförderung wie in Deutschland gibt es in der Schweiz allerdings nicht. Eine hilfreiche Übersicht über eine Vielzahl von Projekten, Initiativen, Portalen und Veranstaltungen mit Bezug zu Frauen gibt es auf der Homepage des Nationalen Zukunftstags.

Weitere MINT-Initiativen

Mit der Plattform educa.MINT unterstützen Partner aus Politik und Wissenschaft den Ideenaustausch unter Lehrpersonen, um den MINT-Unterricht für die Schüler interessanter zu gestalten.

Das Portal Techmania des Verbands der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie Swissmem bietet einen Überblick rund um den Bereich Technik. Interessierte können sich darauf über Unternehmen, Ausbildung und Lehre, spannende Projekte und Veranstaltungen informieren.

Die SimplyScience-Stiftung fördert das Verständnis von wissenschaftlich-technischen Fragen bei Kindern und Jugendlichen und zeigt mögliche Ausbildungs- und Laufbahnmöglichkeiten auf. Die Stiftung ist eine Initiative von scienceindustries, dem Schweizer Wirtschaftsverband Chemie Pharma Biotech mit rund 250 Mitgliedsfirmen.

ING CH "IngCH Engineers Shape our Future" ist ein Verband von 27 Unternehmen. Er fördert das Verständnis von der zentralen Bedeutung der Technik für Wirtschaft, Kultur und Politik. Die Gesellschaft als Ganzes – aber insbesondere die Jugend soll dadurch ein vertieftes Technikverständnis erlangen.

GROSSBRITANNIEN

Britische Universitäten zählen zu den besten der Welt. Die Regierung will den Forschungs- und Innovationsstandort weiter stärken und der Jugend MINT-Fächer schmackhaft machen. Ob die Strategie aufgeht ist offen – denn sie vernachlässigt die Hälfte des vorhandenen Potenzials: die Frauen.

Großbritannien stellt lediglich 1 Prozent der Weltbevölkerung, ist aber gleichzeitig für 10 Prozent der globalen Forschungsleistung verantwortlich. Besonders die MINT-Fächer sind ein tragender Pfeiler der britischen Wirtschaft und für den Erfolg des Landes von enormer Bedeutung. Großbritannien ist der sechstgrößte Hersteller weltweit. Allein der technische Sektor setzt jährlich ungefähr 940 Milliarden Euro um.

MINT-Akademiker haben im Vereinigten Königreich beste Berufsperspektiven und erhalten bereits am Anfang ihrer Karriere Spitzenlöhne. Trotzdem haben auch britische Unternehmen Mühe, ausreichend qualifizierte Fachkräfte zu finden. Wirtschaft, Wissenschaft und Politik versuchen deshalb, junge Menschen auf die attraktiven Arbeitsbedingungen in MINT-Bereichen aufmerksam zu machen und sie bereits früh für naturwissenschaftlich-technische Themen zu begeistern.

Die Frauen fehlen…

Besonders Frauen sind in Großbritannien im MINT-Sektor stark unterrepräsentiert. Im europäischen Vergleich arbeiten im britischen Ingenieurswesen mit einem Anteil von 8,5 Prozent so wenige Frauen wie in keinem anderen Land Europas. In einigen naturwissenschaftlich-technischen Gremien kommt auf 75 Männer gerade mal eine Frau.

…doch die Regierung nimmt’s gelassen

Trotzdem räumt die britische Regierung der MINT-Frauenförderung keine hohe Priorität ein. So musste beispielsweise MentorSET, ein von der Regierung gefördertes Programm zur Stärkung von Frauen im MINT-Bereich, wegen Geldmangels eingestellt werden.

Das Stem Cohesion Programme des Bildungsministeriums fördert die MINT-Qualifikationen der Jugend, um den Fachkräftenachschub für die britische Wirtschaft zu sichern. Im Juli 2011 publizierte das Ministerium einen Abschlussbericht über den Erfolg des Programms. Das Wort "Frauen" kommt auf den beinahe 200 Seiten nicht ein einziges Mal vor.

Auf die Frauenförderung angesprochen, beteuert das Department for Business, Innovation and Skills (BIS) gegenüber EurActiv.de, man habe das Thema im Auge. Das BIS verweist auf Programme wie das STEM Ambassadors Programme, welches seinerseits Teil von STEMNET ist, einem Netzwerk zur MINT-Jugendförderung. Das Programm richtet sich zwar nicht gezielt an Mädchen und junge Frauen, die Regierung betont jedoch, dass 40 Prozent der "Ambassadors" (freiwillige MINTler, die als Vorbilder dienen sollen) Frauen seien.

Das BIS unterstützt außerdem die alljährlich stattfindende Big Bang Fair. Die Messe soll junge Menschen für MINT begeistern und ihnen die mannigfaltigen Karrieremöglichkeiten in diesen Bereichen vor Augen führen. Auch diese Veranstaltung richtet sich an junge Menschen generell. Allerdings waren laut BIS junge Frauen unter den diesjährigen Besuchern besonders gut vertreten.

Mit einer Befragung von 1.200 Ingenieursstudentinnen will die Regierung "einzigartige" Einsichten über deren Meinung und Wünsche erhalten und auch die sozio-ökonomischen Hintergründe der Frauen mitberücksichtigen. Die Studie wurde über die Royal Academy of Engineering an die Women’s Engineering Society in Auftrag gegeben. Erste Resultate der Studie sind erschienen, weitere sollen nach Angaben der britischen Regierung noch dieses Jahr folgen.

Weitere MINT-Initiativen

Das Team von Women in Science Engineering and Technology widmet sich gezielt dem Frauenmangel im MINT-Bereich. Es ist Teil des Centre for Education von der Sheffield Hallam University.

Das National STEM Centre hält die größte Sammlung von Lehr- und Lernressourcen in Großbritannien. Es bietet MINT-Lehrern Zugang zu umfangreichem Material, um die Qualität des Unterrichts zu verbessern.

Seit 2009 förderte das National HE STEM Programme MINT auf Hochschulebene. Die auf drei Jahre angelegte Initiative lief jedoch im Juli 2012 aus.

FINNLAND

Finnland liegt seit Jahren in sämtlichen Pisa-Studien an der Spitze. Egal ob in Mathematik, Naturwissenschaften oder beim Lesen – finnische Schüler gehören zu den stärksten der Welt. Es überrascht daher nicht, dass es in Finnland keinen Fachkräftemangel im MINT-Bereich gibt. Im Gegenteil.

Anna Hakala ist in der finnischen Botschaft zu Berlin zuständig für bildungspolitische Fragen. EurActiv.de sprach mit ihr über die Initiativen, mit denen Finnlands Bildungssystem die MINT-Fächer fördert.

In Finnland gebe es keinen Mangel an Fachkräften in den MINT-Sektoren, sagte Hakala. "Eher ist das Gegenteil der Fall." Das liege an den strukturellen Veränderungen in der Schwerindustrie und nach dem Abflauen des ICT Booms.

In manchen Sektoren arbeiten jedoch unqualifizierte Arbeitskräfte, die Jobs vor ihrem Universitätsabschluss gefunden haben. Sie sind also nur fast Magister oder Ingenieure. Dies führe dazu, dass es manchmal viele förmlich unqualifizierte Arbeitsuchende gebe.

Das Studium der MINT-Fächern wird in Finnland auf allen Schulebenen gefördert, aber es gibt momentan keine spezielle Projekte, die nur die MINT-Fächer fördern. Der Unterricht in Naturwissenschaften wird jedoch durchdringend auf allen Ebenen entwickelt, sodass statt auf Fakten der Fokus auf das Verstehen und aufs Networking (z.B. mit der Industrie) gelegt wird.

Unterschiedliche Art von E-Learning und das elektronische Lehrmaterial sowie die Zusammenarbeit mit der gesellschaftlichen Umgebung haben das Verständnis von der Bedeutung beispielsweise der Chemie in der Gesellschaft befördert. Das Lehren von Naturwissenschaften, der Mathematik, der Informatik und der Technologie werden in Finnland durch die sogenannten LUMA-Zentren (Finland’s Science Education Centre) und die schwedisch-sprachigen Ressourcenzentren gefördert.

Die Bachelor Abschlüsse werden in Finnland zur Zeit überarbeitet, wobei die Abschlüsse in Naturwissenschaften umfassender werden und die Zusammenarbeit mit der Industrie sowie die Forschung an den Universitäten früher ins Spiel kommen sollen.

Zudem wird es ab Herbst 2014 verboten sein, mehrere Studienplätze an den Hochschulen gleichzeitig zu belegen. Ein Ziel ist die Verminderung von Studienabbrüchen. Zum Beispiel hatte im Jahr 2010 nur ein Drittel von den Studenten, die Ihr Studium in Chemie, Physik und Mathematik im Jahr 2003 angefangen haben, einen Universitätsabschluss erlangt (und nur ein Fünftel in den genannten Fächern).

Der Meinung, MINT genieße in der finnischen Gesellschaft einen höheren Stellenwert als in anderen Ländern, ist auch Pasi Sahlberg, Generaldirektor des Nationalen Zentrums für Internationale Mobilität und Kooperation (CIMA).

Erfolgsprojekt Nationales MINT-Zentrum in Helsinki

Das LUMA-Zentrum in Helsinki wurde 2003 von zehn Institutionen gemeinsam gegründet, darunter das Bildungsministerium, mehrere Universitäten und Industrieverbände. LU steht für das finnische "luonnontieteet", Naturwissenschaft, und MA für "matematiikka". 

Seit zehn Jahren unterstützt das Zentrum Lehre und Studium von MINT-Fächern, um die wissenschaftliche Bildung und die praktischen Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen zu fördern und die Zusammenarbeit mit der Industrie zu stärken. Ein nationales LUMA-Netzwerk (auf Finnisch) soll dabei helfen. 

Das LUMA-Zentrum verfügt über sieben themenspezifische Subzentren, fünf interaktive Online-Magazine und stellt für Schulen und Universitäten vier kostenlose E-Lernumgebungen zur Verfügung. Darüber hinaus organisiert das Zentrum jedes Jahr wissenschaftliche Veranstaltungen. 

Das nächste "Millennium Youth Camp" wird im Juni in Helsinki stattfinden. Es richtet sich nicht bloß an die finnische Jugend: 2012 bewarben sich 1.600 Jugendliche aus 22 Ländern. Wer kommen darf, erhält außerdem einen Studienplatz an Wissenschaftlichen Fakultät der Universität Helsinki

Das Internetmagazin "Jippo" (auf Finnisch) richtet sich an Kleinkinder im Alter zwischen drei und sechs. Es erklärt auf spielerische Art und Weise die (Um)Welt, in der sich die Kinder bewegen, und soll ihnen damit die Berührungsängste vor den Naturwissenschaften nehmen. In eine ähnliche Richtung zielt auch "Luova" (auf Finnisch).

Von 10. bis 12. Juni lädt das LUMA-Zentrum zum Internationalen Symposium für Wissenschaftliche Bildung (ISSE). Themen sind dieses Jahr Klimawandel, Energie und erneuerbare Ressourcen, Wasser und Nahrung. Die Programm richtet sich an Lehrer und Wissenschaftler aus dem Bildungsbereich, die sich auf dem Symposium austauschen und gegenseitig inspirieren können.

Patrick Timmann, Othmara Glas, Ewald König

Links


Behörden:

Deutschland – Aufstieg durch Bildung

Deutschland – Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie

Deutschland – Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Deutschland – Bundeszentrale für politische Bildung: Die Duale Ausbildung

Deutschland – Expertenkommission Forschung und Innovation

Deutschland – Fachkräfte-Offensive

Deutschland – Make it in Germany


EU-Kommission: Erasmus Mundus

EU-Kommission: Erasmus Mundus: EM2-STEM

EU-Kommission: Europäischer Forschungsraum (ERA)

EU-Kommission: Horizon 2020

EU-Kommission: Horizon 2020: Die sieben Leitinitiativen

EU-Kommission: Horizon 2020: Digitale Agenda

EU-Kommission: Horizon 2020: Innovationsunion

EU-Kommission: Marie-Curie-Maßnahmen

EU-Kommission: Mehrjähriger Finanzrahmen 2014-2020

EU-Kommission: Siebtes Forschungsrahmenprogramm (RP7)

EU-Kommission: Rahmenprogramm für Wettbewerbsfähigkeit und Innovation (CIP)

EU-Kommission: RESEARCH – EU Contest for Young Scientists

EU-Kommission: Wissenschaft ist Mädchensache

EU-Kommission: Women in ICT

Pressemitteilung: Europäische Kommission startet Große Koalition für digitale Arbeitsplätze

Europäischer Sozialfond für Deutschland

Euroäisches Strategieforum für Forschungsinfrastrukturen (ESFRI)

Großbritannien – Department for Business, Innovation & Skills

Großbritannien – Department for Education: The STEM Cohesion Programme

Österreich – Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz (BMASK)

Österreich – Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung (BMWF): MINT.at

Österreich – BMWF: Kinderuniversitäten

Österreich – BMWF: Sparkling Science

Österreich – Strategie zum lebenslangen Lernen in Österreich

Österreich – Rot-Weiß-Rote Karte

Schweiz – Bundesamt für Statistik (BSF): MINT – Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt

Schweiz – Bundesrat: Mangel an MINT-Fachkräften in der Schweiz

Schweiz – Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF)

Schweiz – WBF: Förderung von Bildung, Forschung und Innovation in den Jahren 2013 – 2016

Schweiz – WBF: Kommission für Technologie und Innovation (KTI)

Schweiz – EVD Fachkräfteinitiative

Wissenschaftliche Institute und Studien:

Akademien der Wissenschaften Schweiz

European Institute of Innovation & Technology

Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IWK)

IWK-Studie: Fachkräfteengpässe und Arbeitslosigkeit in Europa

IWK-Studie: MINT-Herbstreport 2012

OECD: Pisa 2009

Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO)

WIFO-Studie: Mittelfristige Beschäftigungsprognose für Österreich und die Bundesländer

Rose – The Relevance of Science Education: An Overview and Key Findings

Royal Academy of Engineering

Schweizerischer Nationalfond (SNF)

Sheffield Hallam University: Centre for Education

University of Helsinki: Finland’s Science Education Centre LUMA

University of Helsinki: Nationales LUMA-Zentrum (auf Finnisch)

University of Helsinki: Internationales Symposium für Wissenschaftliche Bildung

Women’s Engineering Society

Woman in Science Engineering and Technology (WISET)


Wirtschaftsverbände, -Initiativen und -Stiftungen

Bundesverband der Deutschen Industrie: Innovationsindikator

BusinessEurope: Plugging the Skills Gap – The Clock is Ticking

Deutsche Telekom Stiftung

economiesuisse

GESAMTMETALL – Die Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektro-Industrie

Industriellenvereinigung (IV)

ingCH

IV: Menschen Schaffen Zukunft

IV: MINT 2020

NiedersachsenMETALL

Nordmetall Stiftung

Österreichische Wirtschaftskammer WKO

Siemens Stiftung

suissmem – Die Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie

unternehmer nrw

scienceindustries switzerland – Wirtschaftsverband Chemie Pharma Biotech

Techmania.ch

Wissensfabrik – Unternehmen für Österreich


Weitere Initiativen:


1st European MINT Convention 2014

azubidoo.de – Deine MINT-Ausbildung in Deutschland

educa.MINT

European Schoolnet

Girls in ICT

Jippo-Magazin (auf Finnisch)

Komm, mach MINT

Lizzynet (Mädchennetzwerk)

Luova-Magazin (auf Finnisch)

MentorSET

MINT-Bildung in NRW

MINT EC – Verein mathematisch-naturwissenschaftlicher Excellence-Center an Schulen e.V.

MINT-Schule Niedersachsen

MINT Zukunft schaffen

National STEM Centre

Nationaler Zukunftstag

Pan-EU-Youth

Pasi Sahlberg

Science On Stage Europe

Scientix – Die Gemeinschaft für naturwissenschaftliche Erziehung in Europa

Simply Science

STEMNET

The Big Bang Fair

World Economic Forum: The Global Competitiveness Report 2012 – 2013

Mehr zum Thema auf Euractiv.de:

Schulen sollten mehr technische Bildung vermitteln (8. Oktober 2012)

Hightech-Branche warnt vor Europas Standortnachteilen (19. Juli 2012)