EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

20/01/2017

Herz-Kreislauferkrankungen und Cholesterin: Die unterschätzte Gefahr?

Forschung und Innovation

Herz-Kreislauferkrankungen und Cholesterin: Die unterschätzte Gefahr?

Gezerre um EMA-Standort: EU-Arzneibehörde soll nach Bonn umziehen

Foto: Martin Berk / pixelio..de

Herz-Kreislauferkrankungen sind in Europa und Deutschland die häufigste Todesursache. Der volkswirtschaftliche Schaden geht in die Milliarden. Dabei ließen sich Leid und Kosten durch cholesterinsenkende Medikamente leicht reduzieren – doch es fehlt das Problembewusstsein.

Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems gehören weltweit zu den häufigsten Todesursachen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass jährlich mehr als 17 Millionen Menschen an den Folgen von Herzinfarkten oder Schlaganfällen sterben. Im Gegensatz zu HIV/AIDS, Tuberkulose oder Malaria sind Herz-Kreislauferkrankungen jedoch nicht übertragbar. Vielleicht ist dies ein Grund dafür, weshalb sie in der öffentlichen Wahrnehmung nur eine Nebenrolle spielen. Anders als Infektionskrankheiten sind Herz-Kreislauferkrankungen das Resultat verschiedener individueller Faktoren: Neben der genetischen Veranlagung, dem Alter und dem (männlichen) Geschlecht spielen Umwelteinflüsse, das soziale Umfeld und ganz besonders der persönliche Lebensstil eine entscheidende Rolle. Wer raucht und viel trinkt erhöht damit sein Herz-Kreislauf-Risiko erheblich. Auch wer zu salzig isst oder zu viel Zucker konsumiert und in der Folge an Bluthochdruck oder Diabetes leidet, riskiert Herz-Kreislauferkrankungen. Übergewicht und mangelnde Bewegung sind ebenfalls Risikofaktoren. Ein weiterer wichtiger Risikofaktor ist Cholesterin. Laut dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) gilt dabei einfache Faustregel: Je höher der Cholesterinspiegel im Blut, desto höher ist auch das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen. Wolfgang Koenig, Professor für Kardiologie an der Uniklinik Ulm, bestätigt dies: „Es ist eine eindeutige Sache. Seit der Framingham-Studie vor über 60 Jahren wissen wir, dass Cholesterin ein Risikofaktor ist.“ Unterdessen gibt es zahlreiche weitere Studien, die alle belegen, dass eine Reduzierung des Cholesterinspiegels das Risiko einer Herz-Kreislauferkrankung deutlich senken. Doch was ist Cholesterin eigentlich? Cholesterin ist für den Menschen unentbehrlich und wird von jeder Zelle im Körper benötigt. Entgegen der landläufigen Meinung handelt es sich dabei jedoch nicht um ein Fett. Biologen sprechen von einem polyzyklischen Alkohol aus der Gruppe der Steroide. Den größten Teil seines Bedarfs stellt der Körper in der Leber selbst her, nur einen kleineren Teil nimmt er mit der Nahrung auf. Aus der Leber wird Cholesterin über das Blut in die Zellen aller Organe und Gewebe transportiert, wo es weiterverarbeitet wird. Überschüssiges Cholesterin wird über das Blut wieder zur Leber zurücktransportiert. Doch Cholesterin ist nicht gleich Cholesterin. Es wird zwischen zwei Typen unterschieden, die umgangssprachlich gerne als „gutes“ und „schlechtes“ Cholesterin bezeichnet werden: Zum einen ist da das „gute“ HDL-Cholesterin (HDL: High Density Lipoprotein). Das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen ist bei einem normalen bis hohen HDL-Wert geringer als bei einem niedrigen Wert. Nicht so beim „bösen“ LDL-Cholesterin (LDL: Low Density Lipoprotein): Ein hoher LDL-Wert korreliert mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen. Schlechte Cholesterinwerte begünstigen Ablagerungen an den Gefäßwänden und damit Arteriosklerose. Dadurch können sich Entzündungen und Gerinsel bilden, die die Gefäße verletzten oder verstopfen, so dass die Herzinfarktgefahr steigt. Verengen sich die Gefäße im Gehirn, droht ein Schlaganfall.

Wieviel Cholesterin ist zuviel?

Ab wann ein Cholesterinwert zu hoch ist, hängt von den persönlichen Lebensumständen ab. Das IQWiG geht davon aus, dass der Gesamtcholesterinwert bei Gesunden nicht über 200 Milligramm pro Deziliter Blut (mg/dl) liegen sollte. Der LDL-Wert sollte sich möglichst unter 130 mg/dl bewegen, der HDL-Wert über 40 (bei Männern) beziehungsweise 50 mg/dl (bei Frauen). Die European Society of Cardiology (ESC) empfielt dagegen bei einem LDL-Wert von über 190 mg/dl eine Intervention via Lebensumstellung oder Medikamenteneinnahme. Wer ein speziell hohes Risiko hat, einen Herz-Kreislauf-Vorfall zu erleiden – zum Beispiel ein älterer, fettleibiger Raucher – , sollte seinen LDL-Wert gar unterhalb von 70 mg/dl halten. Auch das Deutsche Institut für Kardiologie empfiehlt für Patienten, deren Risiko, innerhalb der nächsten zehn Jahre eine tödliche kardiovaskuläre Erkrankung zu erleiden, „sehr hoch“ ist (10 Prozent oder höher), LDL-Zielwerte unter 70 mg/dl. Patienten mit „hohem“ Risiko (5 bis 10 Prozent) sollen einen Wert von unter 100 mg/dl anpeilen. Wer innerhalb der nächsten 10 Jahre mit 1 bis 5 prozentiger Wahrscheinlichkeit ein „moderates“ Risiko eingeht, an einer kardiovaskulären Erkrankung zu sterben, sollte nicht mehr als 115 mg/dl LDL-Cholesterin im Blut haben.

Jeder Vierte ist ahnungslos

Das Robert Koch-Institut hat von 2008 bis 2011 insgesamt 8152 Personen in Deutschland zwischen 18 und 79 Jahren befragt oder untersucht. Knapp die Hälfte von ihnen hatte bereits 1998 an einer Vorgängerstudie teilgenommen, so dass mit den neuen Zahlen nicht nur eine repräsentative Querschnittsanalyse sondern darüber hinaus auch Trendaussagen möglich sind. Das Resultat lässt aufhorchen: Der mittlere Gesamtcholesterinwert der Teilnehmenden liegt bei gut 200 mg/dl. Insgesamt 60,5 Prozent der Frauen haben einen Gesamtcholesterinwert von über 190 mg/dl, bei den Männern sind es 56,6 Prozent. 20,3 Prozent der Frauen beziehungsweise 17,9 Prozent der Männer haben sogar einen stark erhöhten Wert von über 240 mg/dl. Laut Studie steigen die Werte besonders in den Lebensjahren zwischen 20 und 45 rapide an und pendeln sich danach auf hohem Niveau ein. Rund zwei Drittel der Erwachsenen in Deutschland haben somit eine Fettstoffwechselstörung. Doch nicht nur das: Über 40 Prozent der betroffenen Männer und Frauen wussten bis dahin nicht, dass ihre Cholesterinwerte zu hoch sind. Besonders groß ist der Anteil der Unwissenden unter Personen mit niedrigem Sozialstatus. Von diejenigen, die um ihre erhöhten Cholesterinwerte wissen, nimmt nur knapp ein Drittel lipidsenkende Medikamente ein.

Hohe Kosten durch den „Killer Nummer eins“

Alleine in der EU sterben jedes Jahr 1,9 Millionen Menschen an Herz-Kreislauferkrankungen wie Herzinfarkten oder Schlaganfällen. Herz-Kreislauferkrankungen töten somit in der EU mehr Menschen als sämtliche Krebsarten zusammengerechnet: 52 Prozent aller Todesfälle bei Frauen und 42 Prozent aller Todesfälle bei Männern gehen auf das Konto von Herz-Kreislauferkrankungen. Laut Statistischem Bundesamt starben 2012 in Deutschland 349.217 Menschen an Herz-Kreislauferkrankungen, das sind gut 40 Prozent aller Todesfälle. Damit sind Herz-Kreislauferkrankungen auch in Deutschland der „Killer Nummer eins“. Doch nicht nur die Kosten an Leib und Leben sind hoch. Auch finanziell schlagen die Herz-Kreislauferkrankungen zu Buche. Schätzungen beziffern den volkswirtschaftlichen Schaden in der EU auf beinahe 200 Milliarden Euro. In Deutschland sind die Kosten laut Statistik besonders hoch. 2011 wurden in deutschen Krankenhäusern 17,7 Millionen Menschen stationär behandelt – die größte Gruppe von ihnen, rund 2,8 Millionen Menschen, aufgrund von Kreislauferkrankungen. Allein 2 Millionen Menschen wurden als Folge einer Fettstoffwechselstörung stationär behandelt. Die entstehenden Gesundheitsausgaben wachsen in Deutschland stetig: von rund 230 Milliarden Euro 2002 auf fast 300 Milliarden Euro 2011. Auf den Einwohner gerechnet stiegen die Kosten damit von rund 2.800 Euro (2002) auf über 3.500 Euro (2011). Die durch Herz-Kreislauferkrankungen (einschließlich Schlaganfällen) entstandenen Kosten beliefen sich 2002 auf über 50 Milliarden Euro und stiegen bis 2008 auf fast 60 Milliarden Euro an.

Medikamente reichen nicht

Die medikamentöse Behandlung von zu hohen Cholesterinwerten erfolgt in erster Linie durch die Vergabe von sogenannten Statinen. Diese hemmen die körpereigene Bildung von LDL-Cholesterin. Statinhaltige Arzneien zeigen gute Wirkung: „Mit Statinen kann zum Beispiel nach einem Herzinfarkt die Gefahr für einen erneuten Herzinfarkt um teilweise mehr als 30 Prozent gesenkt werden“, erklärt Helmut Gohlke, Kardiologe und Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung. „Außerdem kann die Gefahr, an einer Herzerkrankung zu sterben, je nach Cholesterinwert um mehr als 40 Prozent verringert werden – ebenso ist eine bedeutsame Reduktion des Schlaganfallrisikos mit Statinen möglich.“ Trotz Medikamenteneinnahme gelingt es jedoch in vielen Fällen nicht, den Cholesterinwert auf das gewünschte Niveau abzusenken. Mehrere Studien haben ergeben, dass rund die Hälfte der Patienten ihr individuelles Ziel verfehlt. Auch werden Statine von vielen Patienten nicht vertragen, beispielsweise Muskelschmerzen sind die Folge. Die Entwicklung weiterer, wirksamerer Medikamente sind deshalb notwendig. Wolfgang Koenig warnt jedoch davor, zu viele Hoffnungen in die „reparative Medizin“ zu stecken. Am wirksamsten und günstigsten sei immer noch die Prävention. Vor dem Hintergrund einer immer älter werdenden Gesellschaft, immer mehr übergewichtiger Menschen sowie einer steigenden Anzahl Diabetiker sei eine verstärkte öffentliche Debatte über ein gesundes Leben unerlässlich. Auch sollte mehr Geld in präventive Maßnahmen investiert werden. Nur so könne der Kampf gegen das Cholesterin und die Herz-Kreislauferkrankungen langfristig gewonnen werden.

Daten und Termine

1948: Beginn der Framingham Heart Study in den USA zur Identifizierung der Ursachen für Herz-Kreislauferkrankungen. 1976: Das erste Statin „Mevastatin“ und dessen lipidsenkende Wirkung wird vom japanischen Forscher Akira End? beschrieben. Ab 1994: Die Erkenntnis setzt sich durch, dass Statine das Herz-Kreislauf-Risiko massiv senken. November 2013: Eine neue US-Studie zur Behandlung erhöhter Cholesterinwerte löst in Fachkreisen eine heftige Debatte aus. 20. Juni 2014: Bundesweiter Tag des Cholesterins in Frankfurt am Main. Liste wird aktualisiert.

Links

Europäische und internationale Organisationen European Atherosclerosis Society (EAS) European Heart Network (EHN) European Society of Cardiology (ESC) European Stroke Organisation (ESO) International Council of nurses (ICN) MEP Heart Group MEP Heart Group: Facts & Figures MEP Heart Group: European Cardiovascular Diseases Statistics 2012 MEP Heart Group: Trends in age-specific coronary heart disease mortality in the European Union over three decades: 1980– 2009 Weltgesundheitsorganisation (WHO): Factsheet zu Herz-Kreislauferkrankungen Weltgesundheitsorganisation (WHO): Global atlas on cardiovascular disease prevention and control World Heart Federation (WHF) Deutsche Ministerien Bundesministerium für Gesundheit Bundesministerium für Bildung und Forschung Organisationen in Deutschland Bundesverband Niedergelassener Kardiologen Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK): Prävention von Herz-Kreislauferkrankungen Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK): Stellungnahme zu neuen US-Empfehlungen zur Behandlung mit Statinen Deutsche Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauferkrankungen (DGPR) Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung von Fettstoffwechselstörungen und ihren Folgeerkrankungen (DGFF) Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung von Fettstoffwechselstörungen und ihren Folgeerkrankungen (DGFF): Informationen zu Cholesterin und Herz-Kreislauferkrankungen Deutsche Herzstiftung Deutsche Herzstiftung: Informationen zu Cholesterin Deutsche Stiftung für Herzforschung Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): Informationen zu Herz und Gefäßen Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): Überblick: Erhöhte Cholesterinwerte Robert Koch-Institut: Verbreitung von Fettstoffwechselstörungen bei Erwachsenen in Deutschland Unternehmen Sanofi Sanofi: Factsheet zu Herz-Kreislauferkrankungen Sanofi: Factsheet zu LDL-Cholesterin