Endokrine Disruptoren – schädlich oder nicht?

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Der Streit um Endokrine Disruptoren hat sich zur ideologischen Grundsatzdebatte ausgewachsen. Längst geht es nicht mehr nur um die Frage, ob und wie schädlich sogenannte Endokrine Disruptoren sind. Die Konfliktparteien fahren schweres Geschütz auf: Die einen fürchten um die Gesundheit der EU-Bürger und fordern eine Regulierung gemäß dem „Vorsorgeprinzip“, andere sehen nichts weniger als die Fundamente der Wissenschaft „auf den Kopf gestellt“.

Sie stehen im Verdacht, Krankheiten auszulösen und zu Übergewicht oder Unfruchtbarkeit beizutragen: Seit Monaten sind über Endokrine Disruptoren kontroverse Diskussionen im Gange – nicht nur zwischen Umwelt- und Gesundheitsschützern und der Chemieindustrie. Auch unter Wissenschaftlern gehen die Meinungen auseinander, ob es einen Zusammenhang zwischen diesen Chemikalien und Krankheiten wie Krebs oder Diabetes gibt. Einig sind sich alle Parteien nur in einem Punkt: Der Schutz von Verbrauchern und Umwelt muss garantiert werden.

Die EU-Kommission muss bis Dezember 2013 Vorschläge für Kriterien zur Identifizierung und Regulierung von Substanzen mit endokrin disruptiven Eigenschaften bei den Pestizid- und Biozid-Bestimmungen vorlegen. Keine leichte Aufgabe.

Was sind Endokrine Disruptoren?

Hormone sind die chemischen Botenstoffe des Körpers. Sie regeln wichtige Funktionen wie Stoffwechsel, Wachstum, Entwicklung, Schlaf und Stimmung. Besonders während kritischer Entwicklungsphasen – im Mutterleib, als Säugling oder in der Pubertät – ist es wichtig, dass das endokrine System (Hormonsystem) nicht nachhaltig gestört wird, sonst drohen Fehlentwicklungen.

Sogenannte Endokrine Disruptoren gefährden die gesunde Entwicklung von Organismen. Die Stoffe sind mitverantwortlich für Missbildungen insbesondere bei Fischen und Amphibien – und werden von einigen Wissenschaftlern und Umweltschützern verdächtigt, auch beim Menschen für eine ganze Reihe von Erkrankungen und Fehlentwicklungen mit verantwortlich zu sein: Hoden- und Prostatakrebs, verringerte Spermienzahl, Unfruchtbarkeit, Hodenhochstand bei den Männern bzw. Brust-, Eierstock- und Gebärmutterhalskrebs bei den Frauen. Außerdem wird ein Zusammenhang mit Schilddrüsenkrebs, Frühgeburten, Frühreife, Übergewicht, Diabetes und dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS) vermutet.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass nicht alle endokrin wirksamen Stoffe automatisch Endokrine Disruptoren sind. Der Teufel steckt im Detail: Um einen Stoff als Endokrinen Disruptor zu identifizieren, muss ihm einerseits eine gesundheitsschädigende Wirkung nachgewiesen werden, und gleichzeitig muss diese auf einen endokrinen Mechanismus zurückzuführen sein. Eine endokrin wirksame Substanz, die keine schädlichen Auswirkungen hat, gilt demnach eben so wenig als Endokriner Disruptor wie eine gesundheitsschädliche Substanz, deren Schädlichkeit nicht auf einem endokrinen Wirkmechanismus beruht.

Laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) beeinflussen Endokrine Disruptoren das Hormonsystem auf unterschiedliche Weise: Manche dieser Stoffe binden sich direkt an einen Rezeptor und entfalten dort eine hormonähnliche Wirkung. Andere blockieren Rezeptoren und damit die Wirkung von Hormonen. Wieder andere beeinflussen die Synthese von Hormonen oder deren Abbau. Auch der Transport von Hormonen im Körper kann gestört werden.

Eine aktuelle Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des United Nations Environment Programme (UNEP) geht von rund 800 endokrin wirksamen Substanzen aus. Es handelt sich dabei allerdings nicht um eine klar definierte Stoffgruppe. Die Substanzen werden lediglich aufgrund ihrer ähnlichen Wirkung als endokrin aktive Stoffe identifiziert.

Um die endokrinen Wirkmechanismen zu klären, hat die OECD in den vergangenen 15 Jahren diverse Testmethoden entwickelt und einen Bewertungsrahmen erarbeitet. In diesen Rahmen sind auch Testmethoden integriert, die schon seit längerer Zeit gebräuchlich sind.
Ein möglicher Kausalzusammenhang ist in epidemiologischen Studien jedoch schwer nachzuweisen, da die Aufnahme der Stoffe und ihre mutmaßliche Wirkung im Organismus zeitlich weit auseinander liegen können. Außerdem ist der Mensch einer Fülle weiterer Umweltfaktoren ausgesetzt – die Wirkung einer bestimmten endokrinen Substanz auf die menschliche Gesundheit lässt sich deshalb kaum mit Sicherheit isolieren.

Wo gibt es Endokrine Disruptoren bzw. endokrin aktive Stoffe?

Eine vollständige Auflistung Endokriner Diskuptoren beziehungsweise endokrin wirksamer Stoffe ist nicht möglich – allein schon deshalb, weil es keine allgemein akzeptierten Kriterien dafür gibt. Über einige Stoffe wird allerdings in der Öffentlichkeit diskutiert.

Das in der Antibabypille enthaltene Ethinylestradiol hat eine besonders hohe endokrine Wirksamkeit. Es kann über den Urin der Frauen, die die Pille nehmen, ins Abwasser gelangen. Der Stoff ist chemisch sehr stabil, so dass er den Klärprozess übersteht und ins Grundwasser gelangt – sofern die Kläranlagen nicht mit entsprechenden Filtern nachgerüstet worden sind. Diese Substanzen haben bereits in geringen Konzentrationen Auswirkungen auf Fische und Amphibien. Die Belastung des Grund- und Trinkwassers ist aber in der Regel so gering, dass beim Menschen keine negativen Effekte nachgewiesen werden konnten.

Auch in vielen Gegenständen des täglichen Lebens können endokrin aktive Substanzen enthalten sein. Bekannte Stoffe mit potenziell endokriner Wirkung sind Tributylzinn (TBT) auf bedruckten Textilien, Outdoor-Jacken und dem 10-Euro Schein, Tenside in Shampoos sowie Wasch- und Spülmitteln, Flammschutzmittel wie polybromierte Diphenylether (PBDE) oder Kunststoffbestandteile wie Bisphenol A, welches in Kronkorken-Verschlüssen, Innenbeschichtungen von Konservendosen, Lebensmittelverpackungen, Trinkflaschen, Kassenbons oder Kinderspielzeugen eingesetzt wird.

Eine sehr heterogene Stoffgruppe, der ebenfalls endokrine Wirksamkeit zugeschrieben wird, sind die Phthalate. Auch sie werden bei der Herstellung von Kunststoffen eingesetzt und können sich unter anderem in Klebstoffen, Elektronikartikeln, Verpackungs- und Baumaterialien finden.

Auch bei Verbrennungsprozessen entstehende Dioxine, polychlorierte Biphenyle (PCB) und das in vielen Weltgegenden immer noch eingesetzte Insektizid Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT) wirken endokrin. Selbst Kosmetikprodukte und Sonnencreme können östrogenartige Substanzen enthalten.

Endokrin aktive Substanzen finden sich aber auch in natürlichen Produkten, beispielsweise in Soja, Nüssen und Klee (Isoflavone), in Leinsamen (Lignane) sowie in Süßholz und Lakritz (Glycyrrhetinsäure). Auch so verbreitete Genussmittel wie Alkohol oder Koffein weisen hormonelle Wirkungen auf.

Viele Frauen nehmen isoflavonhaltige Lebensmittel und Nahrungsergänzungspräparate sogar gezielt ein, da sie sich dadurch einen sanfteren Übergang in die Wechseljahre erhoffen. Das BfR hat deshalb bereits 2007 eine Risikobewertung zu Isoflavonen abgegeben. Demnach ist eine erhöhte Einnahme dieser Substanzen gerade bei Frauen in und nach den Wechseljahren "nicht ohne Risiko". Das BfR sieht Aufklärungsbedarf insbesondere bei Frauen mit Brustkrebs oder erhöhtem Brustkrebsrisiko.

Wie gefährlich können endokrin wirksame Substanzen sein?

Laut dem Bayrischen Landesamt für Umwelt (LfU) "wirken Umweltchemikalien mit östrogener Wirksamkeit im menschlichen Körper 1.000- bis 10.000-fach geringer als natürliche, körpereigene Hormone". Die relativ geringen Konzentrationen dieser Stoffe in der Umwelt liegen weit unterhalb der therapeutischen Wirkschwellen. Der menschliche Speiseplan ist zudem deutlich vielseitiger und ausgewogener als zum Beispiel derjenige eines Fischs, so dass eine andauernde, regelmässige Schadstoffaufnahme über die Nahrung unwahrscheinlich ist. Das LfU schätzt deshalb die Risiken für den Menschen durch endokrine Umweltschadstoffe als "eher gering" ein.
Das BfR geht ebenfalls davon aus, dass kein Risiko für die Verbraucher besteht. Auch ein schädlicher Einfluss endokrin aktiver Substanzen auf empfindliche Verbrauchergruppen wie Kleinkinder oder Jugendliche in der Pubertät sei nicht erwiesen. Trotzdem empfiehlt das Institut, die Exposition gegenüber diesen Substanzen so gering wie möglich zu halten.

Eine mögliche Wechselwirkung Endokriner Disruptoren mit anderen, ähnlich wirkenden Substanzen oder natürlichen Hormonen ist weiterhin Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.

Auch der umstrittene sogenannte Low-Dose-Effekt wird immer wieder ins Feld geführt, wenn es um die Wirkung Endokriner Disruptoren geht. Demnach können chemische Substanzen in sehr geringen Mengen schädlich für die menschliche Gesundheit sein, und nicht bei höheren Dosierungen – auf ähnliche Weise wirken angeblich auch homöopathische Arzneien. Diese Hypothese ist bisher aber nicht bestätigt.

Die EU hat das Thema auf der Agenda

Die EU-Kommission beschäftigt sich seit Dezember 1996 mit Endokrinen Disruptoren. Damals stand das Thema auf einem Kongress in der englischen Kleinstadt Weybridge zum ersten Mal auf der Tagesordnung. Ziel des internationalen Treffens war, das Wissen um den Einfluss Endokriner Disruptoren auf Mensch und Umwelt zusammenzutragen und den weiteren Forschungsbedarf der Mitgliedsstaaten abzuklären.

Im März 1999 publizierte der Wissenschaftliche Ausschuss für Toxizität, Ökotoxizität und Umwelt (CSTEE) der EU-Kommission einen Bericht, der Endokrine Disruptoren als "potenzielles globales Problem" einstuft und sie für krankhafte Veränderungen bei gewissen Tierarten verantwortlich macht. Noch im gleichen Jahr verabschiedete die Kommission daraufhin eine Strategie, in der sie kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen festgelegt hat, um den potenziellen Folgen Endokriner Disruptoren für Umwelt und Gesundheit Rechnung zu tragen. In bisher vier Updates (2001, 2004, 2007, 2011) berichtet die Kommission über die erzielten Fortschritte bei der Implementierung der Strategie.

Ein Stoff – eine Bewertung?

Die EU kennt verschiedene Regelwerke zur Klassifizierung, Bewertung und Regulierung von Chemikalien: Seit Juni 2007 ist die sogenannte REACH-Verordnung in Kraft, die das bisherige Chemikalienrecht harmonisieren und vereinfachen soll. Trotzdem deckt REACH nicht alle Stoffe ab: So unterliegen Pflanzenschutzmittel und Biozide, aber auch Kosmetika und die Wasserqualität weiterhin anderen Bestimmungen. Das Problem dabei ist, dass die gleiche Substanz verschiedenen rechtlichen Bestimmungen unterliegt.

Das BfR spricht sich für das Prinzip "ein Stoff – eine Bewertung" aus: "Wird ein Stoff in unterschiedlichen Rechtsbereichen verwendet, muss die Bewertung dennoch identisch sein und nur auf Basis der dem Stoff inhärenten Eigenschaften erfolgen", so BfR-Präsident Andreas Hensel. Es könne nicht sein, dass für denselben Stoff unterschiedliche toxikologische Grenzwerte zugrunde gelegt werden, da die Toxizität immer die gleiche sei.

Die Kommission will deshalb ein einheitliches "horizontales" Bewertungssystem für Endokrine Disruptoren schaffen, welches die Substanzen in sämtlichen chemikalienrechtlichen Verordnungen nach den gleichen Maßstäben beurteilt. Dazu hat der Wissenschaftliche Ausschuss der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) im Auftrag der Kommission ein Gutachten erstellt, das wissenschaftliche Kriterien zur Identifizierung Endokriner Disruptoren definiert. Demnach kann ein Stoff als Endokriner Disruptor identifiziert werden, wenn er erstens endokrin wirksam und zweitens schädlich ist und wenn drittens ein kausaler Zusammenhang zwischen endokriner Aktivität und den Auswirkungen auf die Gesundheit besteht. Die EFSA betont in dem Gutachten ausdrücklich, wie wichtig es ist, zwischen endokrin aktiven Substanzen und Endokrinen Disruptoren zu unterscheiden. Das Gutachten soll Entscheidungsträgern als Grundlage für zukünftige Regulierungen dienen.

EFSA: Toxizität einzeln beurteilen

Die verfügbaren Prüfverfahren hält die EFSA für ausreichend. Ihre Empfehlungen berücksichtigen sowohl die "Gefahr" als auch das "Risiko", die von endokrin wirksamen Substanzen für Lebewesen ausgehen. Diese Unterscheidung ist für Experten wichtig: Während mit "Gefahr" die Schädlichkeit eines Stoffes an sich gemeint ist, besteht ein "Risiko" nur dann, wenn ein Organismus mit dem Stoff in Kontakt kommt und er deshalb "Schaden" anrichten kann. Dabei spielt es eine Rolle, in welcher Dosis und wie lange die Exposition erfolgt oder ob dies zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt geschieht (zum Beispiel während der Schwangerschaft).

Auch wenn die EFSA wichtige begriffliche Fragen geklärt hat, gibt es noch immer keine präzise und allgemeingültige Definition, wann genau von einem Endokrinen Disruptor gesprochen werden soll und wann nicht. Die EFSA plädiert daher dafür, dass Experten die Toxizität jeder Substanz einzeln beurteilen sollten.

Parlament will das Tempo erhöhen

Dem EU-Parlament gehen die Bestrebungen der Kommission nicht weit genug. Am 14. März 2013 fasste das Parlament auf eigene Initiative einen Entschluss und fordert die Kommission darin auf, gemäß dem Vorsorgeprinzip weitere Maßnahmen zum Schutz vor Endokrinen Disruptoren zu erlassen.

Angesichts der Unsicherheit dürfe nicht gezögert werden, präventiv gegen die möglichen Gefahren von Endokrinen Disruptoren vorzugehen, fordert Åsa Westlund, EU-Abgeordnete und Berichterstatterin des Ausschusses für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. "Selbst wenn wir nicht alle Antworten haben, wissen wir genug, um diese Substanzen entsprechend dem Vorsorgeprinzip zu regulieren."

Bis 2015 ist die EU-Kommission aufgefordert, einen überarbeiteten Gesetzesvorschlag zur Eindämmung von Endokrinen Disruptoren vorzulegen. Die Substanzen sollten als "besonders gefährliche Stoffe" im Sinne der REACH-Verordnung eingestuft werden, so die Abgeordneten. Aufgrund der möglichen Wechselwirkung mit anderen Stoffen sollten endokrin aktive Substanzen außerdem als "Stoffe ohne Schwellenkonzentration" gelten, sofern der Hersteller keine wissenschaftlichen Nachweise dafür erbringen kann, dass sich ein Schwellenwert ermitteln lässt.

Diese Forderung haben 71 angesehene Wissenschaftler in einem offenen Brief an Ann Glover, die oberste Wissenschaftsberaterin von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, scharf kritisiert. Ein solcher Ansatz würde "aktuelle wissenschaftliche und regulatorische Vorgehensweisen auf den Kopf stellen", heißt es in dem Brief.

Insgesamt sei zu befürchten, dass die EU einen Ansatz zur Regulierung endokrin aktiver Substanzen wähle, für den es keine wissenschaftliche Basis und keine breite Unterstützung in der Wissenschaft gebe. Andere Wissenschaftler warfen den Autoren des Briefs jedoch vor, sie hätten mit ihrer Intervention die Grenze zwischen Wissenschaft und Politik verwischt.

Umweltverbände unterstützen die Initiative des EU-Parlaments

Die Initiative des EU-Parlaments löst bei Interessensvertretern unterschiedliche Reaktionen aus. Einhellige Zustimmung herrscht unter den Umweltverbänden. So begrüßt die Health and Environment Alliance (HEAL), ein Verband von 65 europäischen Natur- und Gesundheitsschutzorganisationen aus ganz Europa, insbesondere die Auffassung des Parlaments, die Richtlinien müssten die besondere Verwundbarkeit in bestimmten Lebensphasen sowie den "Cocktail-Effekt" verschiedener Chemikalien mitberücksichtigen.

"Wir brauchen eine EU-Strategie und Gesetze, die der Realität des täglichen Kontakts unserer Körper mit Endokrinen Disruptoren gerecht werden. Die Gesetze sollten uns schützen, noch bevor auch der letzte Wissenschaftler und die Chemikalien-Industrie eingesehen haben, dass ein Zusammenhang zwischen der Schadstoffbelastung und der zunehmenden Häufigkeit endokrin-bedingter Krankheiten besteht", betont Lisette van Vliet von HEAL.

In einem Brief vom 7. Mai 2013 fordert HEAL-Geschäftsführerin Genon Jensen EU-Kommissionspräsidenten Barroso sowie die Kommissare Antonio Tajani (Unternehmen & Industrie), Janez Poto?nik (Umwelt) und Tonio Borg (Gesundheit) zum Handeln auf. Die Beweise für die Gefahr durch Endokrine Disruptoren seien "überwältigend", man befinde sich an einem Wendepunkt. Die Kommission müsse das europäische Chemikalienrecht nun möglichst schnell dem neusten wissenschaftlichen Erkenntnisstand anpassen.
Da es keine Belege für sichere Grenzwerte bei Endokrinen Disruptoren gebe, soll die Kommission die REACH-Verordnung so anpassen, dass entsprechende Substanzen nur dann zugelassen werden dürfen, wenn sie "essenziell für die Gesellschaft" seien und es keine sicheren Alternativen gebe.

Industrie fordert Rückkehr zu wissenschaftsbasierter Diskussion

Die Industrie kritisiert, eine pauschale Anwendung des Vorsorgeprinzips ohne Relation zum tatsächlichen Risiko laufe Gefahr, großen Schaden anzurichten – ohne größere Sicherheit für Mensch und Natur. Daher sollte die Beurteilung endokrin aktiver Stoffe nach Ansicht des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) wissenschaftlich basiert sein und eine "Vorverurteilung" vermieden werden. "Trotz massiven Forschungsaufwands in den vergangenen 20 Jahren", heißt es in einer Stellungnahme des VCI, "gibt es bislang keine breit akzeptierten fachlichen Hinweise, dass von hormonwirksamen Substanzen aus dem Bereich der chemischen Industrie neue oder bisher unterschätzte Gefahren ausgehen".

Der Verband bezog bereits vor der EU-Parlamentsempfehlung Position gegen die Forderung, Endokrine Disruptoren müssten als Stoffe ohne Schwellenwertkonzentration klassifiziert werden. Im Gegensatz zu einigen krebserregenden und erbgutschädigenden Stoffen, die bereits in geringsten Mengen schädlich wirken und für die keine Grenzwerte festgelegt werden können, sei es bei Endokrinen Disruptoren sehr wohl möglich, Grenzwerte zu definieren, bei deren Unterschreitung keine schädliche Wirkung zu befürchten sei.

Der Verband der europäischen chemischen Industrie (CEFIC) weist darauf hin, dass endokrin wirksame Stoffe – entgegen dem Eindruck, der bisweilen erweckt werde – gründlich untersucht und reguliert seien. Bei Hinweisen auf schädliche Auswirkungen würden entsprechende Vorkehrungen getroffen und – falls erforderlich – Stoffe vom Markt genommen. In den wenigen Fällen negativer Auswirkungen durch endokrine Effekte habe dies funktioniert – etwa bei DDT, dessen landwirtschaftlicher Einsatz heute in den meisten Ländern verboten ist. Von der aktuellen Diskussion erhofft sich der Verband eine weitere Verbesserung und Vereinheitlichung des existierenden Regulierungsrahmens, so dass die Beurteilung etwaiger Risiken auf der Grundlage aller verfügbaren wissenschaftlichen Daten erfolge.

Diskussion geht in die nächste Runde

Die Faktenlage ist komplex, und der Streit dürfte sich weiter zuspitzen. Denn bis Dezember 2013 muss die EU-Kommission Vorschläge für Kriterien zur Identifizierung und Regulierung von Substanzen mit endokrin disruptiven Eigenschaften bei den Pestizid- und Biozid-Bestimmungen vorlegen.

pat

LINKS

Entschließung des Europäischen Parlaments zum Schutz der öffentlichen Gesundheit vor endokrinen Disruptoren (14. März 2013)

Aktuelle Informationen und Studien zum Thema Endokrine Disruptoren

Informationen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR): Fragen und Antworten zu Endokrinen Disruptoren

BfR: "Ein Stoff – eine Bewertung" (22. März 2013)

Informationen des Bayrischen Landesamts für Umwelt (BfU): Umweltchemikalien mit hormoneller Wirkung (2005)

Umfangreiche Informationen der EU-Kommission

Verschiedene Studien im Auftrag der EU-Kommission

Studie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) im Auftrag der EU-Kommission (20. März 2013)

Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO): Endocrine disrupters and child health – Possible developmental early effects of endocrine disrupters on child health (2012)

Studie der WHO und des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP): State of the Science of Endocrine Disrupting Chemicals – 2012 (2013)

Europäische Chemieagentur (ECHA)

Bericht der Europäischen Umweltagentur (EEA): The "Weybridge +15 Report" (10. Mai 2012)

Informationen der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zur Chemie- und Biosicherheit

Publikationssammlung zu Endokrinen Disruptoren des European Centre for Ecotoxicology and Toxicology of Chemicals (ECETOC)

Einschätzungen von Umweltorganisationen

Pressemitteilung der Health and Environment Alliance (HEAL) zum Entschluss des Europäischen Parlaments (13. März 2013)

Reaktion der Cancer Prevention and Education Society auf die EFSA-Studie (21. März 2013)

Pressemitteilung von PAN-Europe zur EFSA-Studie (20. März 2013)

EDC-Free Europe

Informationen und Reaktionen des Europäischen Umweltbüros zur REACH-Verordnung

Positionen der Interessensverbände der Chemie

Positionen des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) zu Endokrinen Disruptoren

Die "Standortbestimmung" des VCI – eine sehr ausführliche Einführung in das Thema (30. Januar 2013)

Kommentar des International Council of Chemical Associations (ICCA) zu WHO/UNEP-Bericht auf der Homepage des Verbands der Europäischen Chemischen Industrie (CEFIC) (20. Februar 2012)

Position von CEFIC zu Endokrinen Disruptoren (3. Juli 2012)