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26/08/2016

Klagen über zu viele deutsche Studenten im EU-Ausland

Forschung und Innovation

Klagen über zu viele deutsche Studenten im EU-Ausland

© Sebastian Bernhard / PIXELIO

Interview mit Helge Braun (CDU)Die Niederlande fordern finanzielle Ausgleichszahlungen für die vielen deutschen Studenten an ihren Universitäten. “Wir halten davon ganz wenig”, stellt Helge Braun (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, im Interview mit EurActiv.de klar. Braun erläutert auch, weshalb die Bundesregierung das geplante EU-Bildungskonzept “Erasmus für alle” als “sehr problematisch” bewertet.

Zur Person

" /Helge Braun (CDU) ist seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages und wurde zum Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesbildungsministerium ernannt. Braun war bereits von 2002 bis 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages und dort im Ausschuss für Bildung und Forschung aktiv.



EurActiv.de:
Der niederländische Vize-Bildungsminister Halbe Zijlstra hat angekündigt, er wolle von der Bundesregierung finanzielle Kompensationen für die sehr hohe Anzahl deutscher Studenten an niederländischen Hochschulen einfordern. Was halten Sie davon?

BRAUN: Aus deutscher Sicht halten wir davon ganz wenig. Deutschland ist innerhalb der EU ein Land, das netto mehr Studierende aus anderen Ländern aufnimmt als es exportiert. Das stellt aber nicht in Frage, dass es im Verhältnis zu Nachbarländern zu Belastungen kommt. Das ist bei den Niederlanden der Fall. Wenn wir aber die Studierendenströme innerhalb Europas mit Ausgleichszahlungen versehen würden, würde Deutschland mehr Geld bekommen als es zahlen müsste. Das widerspricht aus unserer Sicht aber auch dem europäischen Gedanken, der auf eine Förderung der Mobilität setzt.

Niederlande, Österreich, Ungarn


EurActiv.de:
Sie erteilen also den Forderungen aus den Niederlanden nach finanzieller Kompensation eine klare Absage?

BRAUN: Wir haben zwar Verständnis für die niederländische Sicht, doch unsere Position ist klar. Wir halten nichts von einer isolierten Lösung für eine isoliert betrachtete Situation. Wir müssen den Gesamtkontext europäischer Mobilität betrachten. Alle Diskussionen die wir im Bildungsministerrat hatten, zielen darauf ab, die Bildungsmobilität in allen Bereichen zu steigern. Wir wollen die Zahl der Europäer, die ein Teil ihres Studiums im europäischen Ausland verbringen weiter steigern.

Bi-nationale Ausgleichsmaßnahmen, finanzielle Kompensationen, Quoten oder ähnliches wurden im Bildungsministerrat noch nie thematisiert. Klar ist aber auch, dass einzelne Länder, wie die Niederlande oder Österreich, ihre Probleme im Rat teilweise benannt haben. Einige Länder, darunter Ungarn, haben speziell beim Medizinstudium einen gewissen Andrang deutscher Studenten registriert und das Problem im Rat thematisiert. Offizielle Forderungen nach Kompensationen liegen uns aber weder aus den Niederlanden noch aus anderen Ländern vor.

EurActiv.de:
In den Niederlanden studieren etwa 34.000 ausländische Studenten, davon kommen 24.000 aus Deutschland. Die Anzahl deutscher Studenten in den Niederlanden steigt jährlich um 14 Prozent. Überrascht Sie dieser rasante Anstieg?

BRAUN: Ich kann mir den Anstieg nicht genau erklären, da wir durch den Hochschulpakt innerhalb Deutschlands die Zahl der Studienplätze in Deutschland massiv ausgeweitet haben. Das betrifft sowohl die absolute Zahl der Erstsemester als auch die relative Zahl der Erstsemester bezogen auf die Jahrgangsbreite. Diese Zahl der Studienanfänger ist in Deutschland heute so hoch wie nie zuvor. Die Studierneigung steigt in Deutschland rasant an. Das führt dazu, dass die Hochschulen in Deutschland immer voller werden und dass einige Studierenden im europäischen Ausland studieren. Das ist ein positives Zeichen für die Bildungsbegeisterung unserer Jugend.

Entspannung in Österreich

EurActiv.de: Auch in Österreich gibt es seit Jahren anhaltende Kritik an zu vielen deutschen Studenten. Ist die Kritik aus den Niederlanden mit denen aus Österreich vergleichbar?

BRAUN:
Im Grundsatz ist die Situation vergleichbar. In Österreich war das Problem früher dramatischer, jetzt ist die Diskrepanz etwas gesunken. In den Niederlanden hat das Problem hoher deutscher Studentenzahlen aktuell deutlich zugenommen. Deshalb verstehe ich auch die aktuelle Diskussion in den Niederlanden, vor allem mit Blick auf den deutlichen Anstieg in absoluten Zahlen. Ich weiß nicht, weshalb die Niederlande derzeit so attraktiv für deutsche Studierende sind. Das kann das Land aber freuen. Die Studienbedingungen scheinen dort offenbar außerordentlich gut zu sein.

EurActiv.de: Wo studieren die Deutschen denn am liebsten?

BRAUN: Besonders attraktiv sind Hochschulen mit einem englischen oder französischen Studienprogramm. Mit Frankreich gibt es die größten Wechselwirkungen. Es folgen England und Spanien. Relativ gering sind die Austauschzahlen mit Hochschulen, wo weder Englisch, Französisch noch Spanisch gesprochen wird.

EurActiv.de: Und anders herum betrachtet: Welche Europäer studieren besonders gern an deutschen Hochschulen?

BRAUN: Deutsche Hochschulen sind für alle Europäer sehr attraktiv. Wir haben einen starken Zuzug aus den osteuropäischen Ländern, aber auch aus England, Frankreich und Spanien. Aus den südeuropäischen Ländern kommen etwas weniger Studenten.

Deutsche Skepsis gegenüber "Erasmus für alle"

EurActiv.de: Das Jahr 2012 hat gerade begonnen. Welche Themen werden die Treffen der europäischen Bildungsminister in diesem Jahr prägen?

BRAUN: Das Hauptthema ist die von der Kommission vorgeschlagene Zusammenfassung der großen Bildungsmobilitätsprogramme in ein gemeinsames Programm namens "Erasmus für alle". Das werden wir weiter diskutieren müssen. Den Grundgedanken der Kommission, alle Programme unter ein Dach zu packen und das segmentierte Schubladensystem abzuschaffen, finden wir von der bildungspolitischen Grundüberzeugung gut.

Mit Blick auf die praktischen Auswirkungen ist dieser Ansatz aber sehr problematisch. Wie kann man die Refugien für diejenigen sichern, bei denen wir die Mobilität noch anstoßen müssen, wenn andere, etwa die Studierenden, ein solches gemeinsames Programm überproportional in Anspruch nehmen? Macht es am Ende überhaupt Sinn, dass alle in ein Programm gesteckt werden? Oder ist es nicht besser, die bestehenden gut eingeführten Labels für Studenten, Schüler oder Lehrlinge beizubehalten und weiterhin spezielle Anstrengungen für die einzelnen Zielgruppen zu unternehmen?

Der erste Aufschlag der Kommission zu diesem Thema wurde von der Mehrheit der Mitgliedsstaaten mit sehr verhaltener Euphorie aufgenommen. Alle befürchten, dass eines gut gemeinten Prinzips willens gut funktionierende Strukturen zumindest vorübergehend geschwächt werden. Wir haben unsere Skepsis zum Kommissionsvorschlag bei der Aussprache beim letzten Ratstreffen thematisiert. Wir stehen mit unserer Skepsis nicht allein, sondern wissen uns da im Einklang mit unseren traditionellen Partnern. Wir sind uns dabei übrigens auch mit den Niederlanden völlig einig.

Interview Michael Kaczmarek

Links

Dokumente der EU-Kommission

Wesite zum EU-Programm "Erasmus für alle"

Mitteilung: Erasmus für alle – Das EU-Programm für allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport (23. November 2011)

Erasmus für alle: EU-Fördermittel für 5 Millionen Bürgerinnen und Bürger (23. November 2011)

Kommission: Erasmus für alle – Häufig gestellte Fragen (23. November 2011)

In den Medien

RNW: Dutch want compensation for foreign students (29. Dezember 2011)

Zum Thema auf EurActiv.de

"Die besten Investitionen in die Zukunft Europas" (28. November 2011)

Neuer Rekord bei Erasmus-Programm (6. Juni 2011)

Erasmus-Intensivprogramme gefährdet (11. April 2011)

LinkDossier: Erasmus für Jungunternehmer (22. Februar 2011)