Jean-Yves Le Gall: Der Mars ist der Höhepunkt des menschlichen Entdeckungsdrangs

Jean-Yves Le Gall, Vorsitzender der Europäischen Weltraumorganisation (ESA)

Die Europäische Weltraumorganisation (ESA) hat den Mars im Visier. Das einzige echte Hindernis für eine bemannte Mission sei die Reisedauer zu unserem Nachbarplaneten, so Jean-Yves Le Gall im Interview mit EURACTIV France.

Jean-Yves Le Gall ist Präsident des französischen Zentrums für Weltraumwissenschaften. Er ist außerdem seit 1. Juli Vorsitzender der ESA.

Wie sehen Sie die Zukunft der ESA? Es hat oft den Anschein, dass das europäische Weltraumprogramm im Schatten des amerikanischen steht.

Die Ansicht teile ich nicht: Europa ist bei einer Reihe Entwicklungen die Nummer Eins. Wir haben nur ein halb so großes Budget wie die USA, decken aber trotzdem die gesamte Bandbreite der Weltraumaktivitäten ab. Bei den Themen Wissenschaft und Klima sind wir führend. Ich würde sagen, die EU ist weltweit wohl die Nummer Zwei, aber mit sehr starken Dynamiken und einer beeindrucken Breite an Aktivitäten.

Die Amerikaner haben schon mehrere Roboter auf dem Mars…

Europa ist auch auf dem Mars präsent. Wir kooperieren mit den Amerikanern, wir haben eine Kamera an Bord des Curiosity-Rover, von der wir täglich Bilder  erhalten. Europa hat auch die Sonde Rosetta zum Kometen Tschuri geschickt – alleine. Wir werden auch weitere Asteroiden untersuchen.

Der französische Astronaut Thomas Pesquet träumt von einer Mission zum Mars. Wie ist der Zeitplan? Ist Europa wenigstens schon in den Startlöchern?

Natürlich! Die Mission zum Mars wird auf die Internationale Raumstation (ISS) folgen; sie wird eine internationale Mission. Die ISS wird noch bis Ende der 2020er betrieben. Wir arbeiten an der Marsmission und peilen das Jahr 2030 an. Das ist gar nicht so weit weg! Die Amerikaner haben schon 12 Astronauten, darunter sechs sehr junge Leute, für eine bemannte Mission rekrutiert.

Was fasziniert uns so am Mars?

Der Mars ist die Spitze, der Höhepunkt des menschlichen Entdeckungsdrangs. Wir wissen, dass auf dem Mars früher theoretisch Leben möglich war. Wir wollen jetzt herausfinden, ob es auch tatsächlich Leben gab. Das werden keine kleinen, grünen Männchen gewesen sein, aber wir wollen Beweise für irgendeine Lebensform finden. Alle eingesetzten Sonden haben genau dieses Ziel, Spuren von früherem Leben zu entdecken. Wir untersuchen die Oberfläche des Planeten mit Lasern und einem kleinen Bohrer, um Proben zu nehmen. Bisher haben wir noch nichts gefunden, aber es gibt noch viel zu untersuchen. Curiosity bewegt sich nicht sehr schnell; das Fahrzeug hat bisher nur 16 Kilometer in fünf Jahren zurückgelegt. Das liegt daran, dass die 120 involvierten Wissenschaftler jeden Tag spannende neue Ideen für den Fahrplan haben. Im Jahr 2020 werden wir einen neuen Roboter mit erweiterten Fähigekeiten einsetzen.

Warum können wir nicht heute schon Astronauten zum Mars schicken?

Die Reise zum Mars dauert neun Monate. Das heißt, dass ein Astronaut insgesamt zwei Jahre im All verbringen würde. Genau das ist das Problem: Wir wissen nicht, ob und wie ein Mensch zwei Jahre im Weltraum leben und dabei gesund bleiben kann. Es ist also eine medizinische Frage. Wenn Hin- und Rückflug in neun Monaten möglich wären, könnten wir morgen starten.

Werden international Weltraumprojekte auf jeden Fall weitergeführt – trotz geopolitischer Spannungen?

Sogar auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges hat es ein gemeinsames Programm mit den sowjetischen Sojus-Raketen gegeben. Wir haben nie aufgehört, zu kooperieren, es gab keine Probleme. Der Weltraum steht über solchen Spannungen.

EU bringt zwei weitere Galileo-Satelliten ins All

Die europäische Weltraumagentur ESA wird zwei weitere Galileo-Satelliten ins All bringen. Nach Pannen in der Vergangenheit ein wichtiger Schritt für das europäische Weltraumprojekt – auch im Wettlauf mit dem US-Navigationssystem GPS.

Bei den europäischen Großprojekten geht es oft um Galileo, die europäische Antwort auf GPS. Wann werden wir diesen Dienst auf unseren Telefonen haben?

Die Handyfirmen fangen bereits damit an, es anzubieten. Wenn Sie Ende 2017 ein neues Smartphone kaufen, wird es Galileo haben. Die Menschen wechseln ihre Mobiltelefone durchschnittlich alle 30 Monate. Innerhalb von drei Jahren sollten somit die meisten Europäer Zugriff auf diesen Geolokalisierungsdienst haben.

Was sind die Vorteile von Galileo gegenüber GPS?

Es ist sehr viel genauer. Galileo kann Ihnen sagen, ob Sie sich im Europäischen Rat oder in der Kommission befinden, und nicht nur, dass Sie irgendwo auf der Rue de la Loi in Brüssel stehen. Außerdem werden alle Ereignisse mit genauem Datum gespeichert. Das ist beispielsweise für Versicherungsfälle sehr wichtig. Ich bin Vorsitzender der europäischen Agentur für globale Satellitennavigationsprogramme, die für Galileo verantwortlich ist, und ich wiederhole wirklich oft, dass es für die Europäer wichtig ist, konkrete Erfolge der EU zu sehen. Dieser Geo-Service wurde von der Europäischen Kommission entworfen und er bietet Fortschritt für Alle. Er bietet auch einen wichtigen Schritt für die Unabhängigkeit Europas.

Anderes Thema: Wie kann die Weltraumpolitik beim Thema Klimawandel helfen?

Satelliten waren die ersten Geräte, die einen Anstieg der Oberflächentemperaturen auf der Erde festgestellt haben.  Außerdem haben sie steigende Meeresspiegel entdeckt, und sie ermöglichen es uns, Treibhausgase zu messen. Frankreich versprach auf der COP21-Klimakonferenz in Paris, zwei neue Satelliten zu entwickeln. Microcarb soll die Menge kohlenstoffhaltiger Gase überwachen, und Merlin beobachtet die Menge an Methan. Damit wollen wir die Ursprünge von Treibhausgasen verstehen und sicherstellen, dass die Zusagen der Pariser Klimakonferenz auch eingehalten werden.  Das wird der einzige verlässliche Weg sein, Treibhausgase zu messen. Am 1. August werden wir dann gemeinsam mit Isreal einen Satelliten mit dem Namen Venus starten, der die Vegetation der Erde überwachen soll. Der Satellit wird Vegetation an 110 Orten auf der ganzen Welt beobachten.

Star Wars: Luxemburg will sich Weltraumressourcen sichern

Luxemburg will offiziell „europäischer Bezugspunkt“ für Abbau und Verwertung außerplanetarischer Ressourcen wie Asteroidmineralien werden. EURACTIV-Kooperationspartner EFE berichtet.

Luxemburg will eine Führungsrolle im Asteroidenbergbau übernehmen. Glauben Sie an dieses Projekt?

Natürlich ist das ein sehr, sehr langfristiger Plan. Aber warum nicht? Vor 50 Jahren hätten wir uns auch niemals die Möglichkeiten vorstellen können, die uns das Weltall heute bietet.