Macht „Gelddrucken“ Inflation?

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.com PLC.

EZB-Präsident Mario Draghi will Euro-Länder mit Staatsanleihenaufkäufen in unbegrenzter Höhe vor der Staatspleite bewahren. Foto: EC

Standpunkt von Matthias Kroll (WFC)Wenn die EZB Staatsanleihen kauft, tut sie dies mit neu geschaffenem Geld, und wenn sie dies unbegrenzt macht, schafft sie auch unbegrenzt Geld. Für viele Beobachter der letzte Beweis dafür, dass Europa schon bald in einer großen Inflation versinkt. Es wird Zeit, einige geldpolitische Sachverhalte nochmal grundsätzlich zu klären, meint Matthias Kroll vom World Future Council.

Der Autor

" /Dr. Matthias Kroll studierte Volkswirtschaftslehre, Soziologie und Rechtswissenschaften an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg und schloss dieses als Diplom-Sozialökonom ab. Anschließend promovierte er im Bereich Geldtheorie/Geldpolitik und lehrte Wirtschaftspolitik an der Universität Hamburg. Heute arbeitet er für die Future Finance Kommission des World Future Council im Bereich Finanzmarktregulierung und Klimaschutzfinanzierung.
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Seit der Ankündigung von EZB-Chef Mario Draghi, im Zweifel unbegrenzt Staatsanleihen von Mitgliedsländern des Euroraums am Sekundärmarkt aufzukaufen, um deren Zinssatz auf einem nachhaltigen Niveau zu stabilisieren, hat auch die Inflationsdiskussion eine neue Dimension erreicht.

Wenn die EZB Staatsanleihen kauft, tut sie dies mit neu geschaffenem Geld, und wenn sie dies unbegrenzt macht, schafft sie auch unbegrenzt Geld. Für viele Beobachter war dies der letzte Beweis dafür, dass Europa schon bald in einer großen Inflation versinkt. Doch was hier übersehen wird, ist, dass der Begriff "unbegrenzt" genau das Schlüsselwort ist, welches den Finanzmärkten ein für alle Mal klar macht, dass die EZB beim Thema Eurorettung am längeren Hebel sitzt.

Denn um den Hebel zu nutzen oder besser um mit ihm zu drohen, muss die EZB glaubwürdig kommunizieren, dass sie auch tatsächlich unbegrenzt eingreifen wird. Halbherzige Ankündigungen oder selbst gesetzte Obergrenzen bei der Intervention am Sekundärmarkt würden den Finanzmärkten dagegen signalisieren, dass sie es doch mal versuchen können, gegen einzelne Länder zu spekulieren.

Die Krux an der Sache ist eben, dass nur die Drohung mit dem unlimitierten Aufkaufen von unter Druck geratenen Staatsanleihen dafür sorgt, dass die EZB ihre Ankündigung eben nicht wahr machen muss.

Kein Interesse an Feinheiten der Finanzmarktlogik

Aber an solchen Feinheiten der Finanzmarktlogik haben deutsche Politiker und der große Teil der Medienvertreter kein Interesse. Denn wenn sie auch nicht viel über Makroökonomie und Geldpolitik wissen, eins wissen sie ganz genau: Kauft die EZB Staatsanleihen, ist dies Gelddrucken, und Gelddrucken macht Inflation, und bei Inflation verliert der kleine Mann all sein mühsam Erspartes.

Dieser immer wieder beschworene simple Zusammenhang aus Geldmenge und Inflationsrate gehört offenbar zu den wenigen verbliebenen Gewissheiten in unserer immer komplexeren Welt. Die Rechnung, dass bei einem Geldmengenwachstum um z.B. zehn Prozent auch die Inflation irgendwie um zehn Prozent zunehmen muss, ist eben schon auf den ersten Blick  gut nachvollziehbar und überzeugend. Und Erkenntnisse, die leicht zu verstehen sind, werden eben lieber geglaubt (und weiter verbreitet) als komplizierte und gar interdependente Sachverhalte.

Fester deutscher Glaube an alte Theorie des Monetarismus

Aber es hilft nichts, denn der feste deutsche Glaube an die alte Theorie des Monetarismus droht einen zentralen Lösungsweg aus der Krise zu blockieren und damit das Ende des Euro zu riskieren. Daher wird es Zeit, einige geldpolitische Sachverhalte nochmal grundsätzlich zu klären.

Zunächst: Was macht eigentlich die EZB den lieben langen Tag?

Sie macht das, was alle Zentralbanken tun. Sie leiht den Banken, die nicht über genügend Einlagen ihrer Kunden verfügen und die sich auch nicht am Geldmarkt bei anderen Banken refinanzieren möchten (oder können), für einen gewissen Zeitraum Zentralbankgeld. Also das Geld, das der Bankensektor nicht selbst schaffen kann, sondern als gesetzliches Zahlungsmittel nur die staatliche Zentralbank.

Dabei setzt die Zentralbank in der Regel den Zinssatz und gibt zu diesem Satz die nachgefragte Menge an Krediten an die Banken heraus. Da eine Zentralbank diesen neuen Kredit quasi aus dem Nichts schafft, bedeutet jede Kreditvergabe der Zentralbank Geldschöpfung. "Geld drucken" ist also das normale Tagesgeschäft einer Zentralbank und nicht eine zu skandalisierende Ausnahme.

Zentralbankgeld wird bei Rückzahlung wieder vernichtet

Hierbei ist allerdings darauf hinzuweisen, dass das geschaffene Zentralbankgeld bei Rückzahlung durch die Banken wieder vernichtet wird (Volkswirte benutzen hier wirklich den Begriff Vernichtung). Dauerhaft wird nur mehr Geld geschaffen, wenn die Höhe der nachgefragten und vergebenen Kredite in jeder Verleihperiode ansteigt.

Kauft nun die EZB am Sekundärmarkt Staatsanleihen, gelangen die verkaufenden Banken in den Besitz des neuen Zentralbankgeldes und müssen sich um den gleichen Betrag weniger bei der EZB mit Zentralbankgeld versorgen.

Um es auf den Punkt zu bringen: Die Menge neuen Geldes, die die EZB mehr "drucken" würde, um am Sekundärmarkt Staatsschuldtitel zu erwerben, müsste sie auf der anderen Seite weniger "drucken", da sich das restliche Bankensystem nun in geringerem Ausmaß bei ihr refinanzieren muss. Einen dramatischen Effekt auf die Geldmenge wird der Kauf von Staatsanleihen am Sekundärmarkt durch die EZB daher nicht haben.

Blick in die Empirie

Der Blick in die Empirie der letzten Jahre zeigt außerdem, dass der unterstellte Zusammenhang aus Geldmengenwachstum und Inflationsanstieg so nicht existiert. Bei Licht betrachtet, ist das auch nicht verwunderlich, denn die Inflationsrate setzt sich zusammen aus Millionen von einzelnen Preisentscheidungen, die Unternehmen beim Anbieten ihrer Güter und Dienstleistungen treffen. Und Entscheidungen über Preisanhebungen treffen Unternehmen eben nicht aufgrund der Tatsache, dass eine der verschiedenen Geldmengen (M1, M2, oder M3) um den Prozentsatz x gestiegen ist. Unternehmen treffen Preisentscheidungen anhand ihrer Kostensituation, der Stärke des Wettbewerbes und der daraus resultierenden Aussicht, diese ohne Verlust von Marktanteilen durchzusetzen.

Dabei ist natürlich klar, dass bei hohem Wachstum, steigenden Löhnen und entsprechend höherer Nachfrage Preisanhebungen zumindest in der Tendenz leichter durchzusetzen sind als bei stagnierender Nachfrage. Und offenbar unterstellen die "Mehr Geldmenge macht nur mehr Inflation"-Protagonisten, dass Staatsanleihekäufe mit neu geschaffenem Geld automatisch zu einer Übernachfrage führen.

Diese Ängste sind angesichts einer um sich greifenden Rezession in Europa allerdings absurd. Nichts ist in der jetzigen ökonomischen Situation so wichtig wie ein Mehr an Nachfrage. Nähme man die Inflationsneurotiker ernst, müsste man konsequenterweise auf jedes Wachstum der Nachfrage verzichten.  

Mit neuem Geld finanzierter Nachfrageanstieg

In einer funktionierenden Marktwirtschaft kann durchaus angenommen werden, dass ein mit neuem Geld finanzierter Nachfrageanstieg, der nicht zu einer Überauslastung des Produktionspotentials führt, die Unternehmen zu mehr Produktion anregt und nicht dazu sofort die Preise anzuheben. Außerdem wird jeder als dauerhaft eingeschätzter Anstieg der Nachfrage von den Unternehmen als Anreiz angesehen werden, die Kapazitäten auszudehnen und zusätzliche Anbieter auf den Plan rufen, die an der höheren Nachfrage mit verdienen wollen.

Der beliebte Mythos "Geld drucken macht Inflation" blockiert aber nicht nur die Eurorettung. Er verhinderte bisher auch fast jede rationale Diskussion über eine sinnvolle Nutzung der Möglichkeiten, die eine Zentralbank aufgrund ihres Alleinstellungsmerkmals als Produzent des Geldes hat. Denn wenn eine Zentralbank die Wirtschaft über den Weg des Bankensektors mit Liquidität versorgen kann, kann sie dies im Prinzip auch über den Weg einer Teilfinanzierung der öffentlichen Haushalte. Die gesamte im Umlauf befindliche Geldmenge bliebe die gleiche. Das Geld käme nur über einen anderen Weg in Umlauf. Für den Steuerzahler und den Bürger als Nutznießer, der nun zusätzlich finanzierbaren öffentlichen Aufgaben, ergäbe sich aber ein großer Gewinn.