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27/07/2016

Industrie 4.0: Wie Europas Unternehmen wirklich profitieren

Finanzen und Wirtschaft

Industrie 4.0: Wie Europas Unternehmen wirklich profitieren

Versäumen wir die Chance, der Industrie in Europa einen Schub zu geben?

[EP]

Die Digitalisierung kommt mit unglaublicher Geschwindigkeit auf uns zu. Ob Europas Unternehmen in der Breite von der Digitalisierung der Industrie – oder Industrie 4.0 – profitieren werden, ist dagegen nicht sicher. Ein Gastbeitrag von Reinhold Festge, Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA).

Sie werden wahrscheinlich schon einmal gehört haben, dass die Digitalisierung der Industrie – oder Industrie 4.0 – Produktion und Konsum in Europa radikal verändern wird. Politiker sehen in Industrie 4.0 die Chance, die heimische Industrie zu beleben. Damit könnten Sie recht haben: erst kürzlich hat die IT-Branche auf der Cebit in Hannover gezeigt, dass die Digitalisierung mit unglaublicher Geschwindigkeit auf uns zu kommt.

Nicht sicher ist dagegen, ob Europas Unternehmen in der Breite von Industrie 4.0 profitieren werden. Wir als Maschinenbau befürchten, dass es Europa versäumt, rechtzeitig den nötigen politischen Rahmen zu setzen für die kommenden Herausforderungen – und wir die Chance versäumen, der Industrie in Europa einen Schub zu geben.

Dabei ist die Idee, wie eine digitale Produktion Europas Industrie retten kann, nicht übermäßig kompliziert. Stellen Sie sich vor, Sie sind auf der Suche nach einem Paar blauer Turnschuhe mit roten Schnürsenkeln.

In Zukunft werden Schuhfirmen in der Lage sein, Turnschuhe exakt nach Ihren Wünschen herzustellen. Technisch ist es schon heute möglich, die Produktion mit kleinen Datenchips zu steuern, die man zum Beispiel in den Sohlen einarbeitet.

Nehmen wir an, die Schuhe werden auf zwei Maschinen gefertigt. Wenn die Produktion beginnt, bekommt die erste Anlage von dem Chip das Signal, dass genau diese Sole einen blauen Schaft braucht. An der zweite Maschine dann sendet der Chip die Anweisung, den Schuhen ein Paar rote Schnürsenkel beizulegen.

Ökonomisch betrachtet verliert dadurch der Faktor Arbeitskosten an Bedeutung. Hersteller können ein individuell gefertigtes Produkt zum Preis von Massenware anbieten. Dadurch können Unternehmen Produktion zurück nach Europa holen, die vor vielen Jahren nach Asien abgewandert ist.

Wer wird Europas Fabriken für die digitale Produktion ausrüsten? Im Wesentlichen wird das der europäische Maschinenbau sein und seine drei Millionen Mitarbeiter. Maschinen für Industrie 4.0 zu entwickeln und herzustellen stellt für sie eine enorme Chance dar.

Doch gerade weil der Maschinenbau im Zentrum dieser Entwicklung steht, können wir ziemlich sicher sagen: Europa hat noch Arbeit vor sich.

Ein großes Problem ist, dass ein richtiger Binnenmarktes für Güter und Dienstleistungen von Industrie 4.0 fehlt. Leider behandeln viele Politiker Maschinen für die digitale Produktion wie Maschinen zu Zeiten der industriellen Revolution – nur irgendwie mit Internetanschluss.

Das führt dazu, dass die EU dieser Tage zwei getrennte Pakete für den Binnenmarkt vorantreibt: auf der einen Seite für Güter und Dienstleistungen, auf der anderen Seite für die digitale Produkte. Beide Initiativen betreffen die Maschinen für Industrie 4.0 – aber keine wird ihnen so richtig gerecht.

Das Problem ist aber: wenn wir nicht zeitig einen Binnenmarkt aus einem Guss für Industrie 4.0 schaffen, wird die Entwicklung der digitalen Produktion auf anderen Erdteilen vorangetrieben, etwa von Firmen aus den USA. Wenn deren Heimatmarkt größer ist, zahlen sich Investitionen in Forschung und Entwicklung schneller aus. In der Folge würden die Standards und Regeln für Industrie 4.0 außerhalb Europas festgezurrt.

Das zweite Problem sind die Daten. Wenn Maschinen und Produkte kommunizieren, entstehen davon eine ganze Menge – und noch mehr, wenn wir in unserem Beispiel mit den blau-roten Turnschuhe auch noch die Auslieferung dazu denken. Diese Daten sind hochsensibel, weil sie verraten, wie Unternehmen produzieren und an wen sie verkaufen.

Doch wem gehören diese Daten? Wer darf sie auswerten? Der Hersteller der Maschine? Der Besitzer? Das Unternehmen, das die Anlage wartet? Der Entwickler der Software? Heute streiten wir in Europa vor allem über den Umgang mit Verbraucherdaten. Wir brauchen auch eine Debatte über Daten in der Industrie – und klare Regeln für ihre Nutzung, wenn es nötig ist.

Am Ende werden Unternehmen der digitalen Technologie nur vertrauen, wenn es keine Zweifel gibt an Datenschutz und Datensicherheit. Viele Leute kennen das schlechte Gefühl, wenn sie im Internet ihre Kreditkarte benutzen müssen – genauso werden sich Unternehmer sträuben, Daten über ihre Produktion einem Risiko auszusetzen.

Eine Lösung könnte ein europäischer Ansatz für Datenplattformen und Cloudcomputing sein, nach europäischen Gesetzen. Es ist absehbar, dass wir uns viele Probleme ersparen, wenn unsere Industrie künftig nicht abhängig ist von Infrastruktur aus dem Ausland.

All das – ein Binnenmarkt aus einem Guss, Rechtssicherheit bei der Datennutzung, eine europäisch geprägte Cloud – können wir nicht von heute auf morgen umsetzen. Wir werden eine Debatte brauchen, keinen Schnellschuss. Umso dringender ist es, diese Herausforderungen jetzt anzugehen. Wenn wir damit warten, bis Industrie 4.0 Alltag in unseren Unternehmen ist, dann ist es zu spät.

Wir brauchen eine Strategie – und zwar jetzt.

Diesen Beitrag auf Englisch lesen Sie hier.

Der Autor

Dr. Reinhold Festge ist Präsident des Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), der 3.100 vor allem kleine und mittelgroße Unternehmen vertritt.