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28/09/2016

Zehn Jahre Euro – Gedenken anstatt Feiern

Finanzen und Wirtschaft

Zehn Jahre Euro – Gedenken anstatt Feiern

Eigentlich besteht Europa nicht nur aus Finanzfragen und Fiskalpakt (Sondermünzen zur Erinnerung an den 10. Jahrestag der Euro-Einführung). Fotos: EC

Vor zehn Jahren wurde kräftig gefeiert und geworben, als es die ersten Euro-Scheine und Euro-Münzen ausgegeben wurden. Heute wird auf offizielle Feierlichkeiten verzichtet. Es gibt eine nüchterne Bilanz und Zwei-Euro-Gedenkmünzen.

Zum 10. Jahrestag der europäischen Einheitswährung wird auf offizielle Feierlichkeiten verzichtet. Allerdings gibt es Zwei-Euro-Gedenkmünzen, gestaltet vom österreichischen Münzdesigner Helmut Andexlinger.

"Die Tatsache, dass es keine Feier geben wird, heißt aber nicht, dass wir nicht stolz auf unsere Einheitswährung sind", sagte EU-Kommissionssprecher Olivier Bailly. Immerhin sei der Euro "eine der größten Errungenschaften der europäischen Geschichte".

Nüchterne Bilanz

Der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) lobte, dass es der Europäischen Zentralbank gelungen sei, ihr Stabilitätsversprechen einzuhalten. Die Währungshüter streben mittelfristig eine Teuerungsrate von knapp unter 2 Prozent an. Seit der Einführung des Euro habe die Inflationsrate im Durchschnitt bei 2,1 Prozent gelegen.

In der Bevölkerung wächst dagegen die Verunsicherung. So ziehen die Österreicher eine nüchterne Bilanz: "Eine Mehrheit sieht zwar mehr Vor- als Nachteile durch die Euro-Mitgliedschaft. Allerdings sinkt das Vertrauen in die gemeinsame Währung. Die Euro-Einführung wird nach wie vor, neben anderen Faktoren, für steigende Preise verantwortlich gemacht", so das Ergebnis einer aktuellen Umfrage der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik (ÖGfE), die im Dezember 2011 österreichweit durchgeführt wurde.

Euro-Einführung

Das Euro-Bargeld wurde am 1. Januar 2002 mit Feierlichkeiten und Werbekampagnen offiziell in Umlauf gebracht. Die Euro-Münzen und Euro-Banknoten haben damals die nationale Währung in zwölf Ländern abgelöst. Heute sind 17 Länder Mitglied der Euro-Zone:

1999: Belgien, Deutschland, Irland, Spanien, Frankreich, Italien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Portugal und Finnland
2001: Griechenland
2002: Einführung der Euro-Banknoten und Münzen
2007: Slowenien
2008: Zypern, Malta
2009: Slowakei
2011: Estland

Ob, mit welchen Mitgliedern und in welcher Form die Einheitswährung überleben wird, ist offen. Das Jahr 2011 wurde von EU-Spitzenpolitikern unisono als Europas schwerste Bewährungsprobe seit Jahrzehnten charakterisiert. 2012 könnte sich entscheiden, ob die Währung und die Union wieder stabilisiert werden.

Neujahrsreden

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte in der Neujahrsansprache: "Sie können nun darauf vertrauen, dass ich alles daran setze, den Euro zu stärken. Gelingen aber wird das nur, wenn Europa Lehren aus Fehlern der Vergangenheit zieht. Eine davon ist, dass eine gemeinsame Währung erst dann wirklich erfolgreich sein kann, wenn wir mehr als bisher in Europa zusammenarbeiten." Der Weg aus der anhaltenden Krise "bleibt lang und wird nicht ohne Rückschläge sein". Das Jahr 2012 werde auch für Deutschland "ohne Zweifel schwieriger als dieses", so Merkel weiter.

Auch Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der sich im Frühjahr zur Wiederwahl stellt, erklärte, dass 2012 "ein Jahr voller Risiken", aber auch "voller Möglichkeiten" sei. Es gehe darum, ein neues Europa zu schaffen.

Merkel und Sarkozy wollen bei ihrem nächsten Treffen am 9. Januar ihr weiteres Vorgehen im Euro-Krisenmanagement abstimmen. Am 30. Januar folgt der nächste EU-Sondergipfel, bei dem auch an den Feinheiten für den neuen zwischenstaatliche Euro-Sondervertrag zur Etablierung der sogenannten Fiskalunion gefeilt werden soll. Vier Wochen später, beim Gipfeltreffen am 1. und 2. März, soll der Euro-Sondervertrag offiziell unterzeichnet werden.

Aufregung in Italien

Der italienischen Staatspräsident Giorgio Napolitano ging in seiner Neujahrsansprache ebenfalls auf die finanziellen Schwierigkeiten seines Landes ein: "Niemand kann seiner oder ihrer Verantwortung entgehen, einen Beitrag zu leisten, um den Staatshaushalt wieder in Ordnung zu bringen und Italien vor dem finanziellen Kollaps zu bewahren", sagte Napolitano in der Fernsehansprache.

Für Aufregung sorgte ein Bericht des Wall Street Journal, wonach Merkel am 20. Oktober in einem vertraulichen Telefonat mit Napolitano dafür geworben haben soll, den damaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi zu ersetzen, falls dieser die notwendigen Reformen nicht umsetzen könne.

Ein solches Vorgehen würde gegen zwei Grundsätze verstoßen: Kein EU-Land soll sich in die inneren Angelegenheiten eines anderen EU-Landes einmischen. Zudem ist der Staatspräsident in Italien dazu verpflichtet, eine neutrale Position einzunehmen. Dennoch habe, so berichtet das Wall Street Journal weiter, Napolitano nach dem Telefonat mit Merkel "leise begonnen, bei den politischen Parteien Italiens zu sondieren, ob es Unterstützung für eine neue Regierung gebe, falls Berlusconi weder Europa noch die Märkte zufriedenstellen könne".

Weitere Schritte


9. Januar:
Treffen von Merkel und Sarkozy
30. Januar: EU-Sondergipfel
1.-2. März: Regulärer EU-Gipfel: Die Gruppe der "17 plus x"-EU-Länder wird voraussichtlich den neuen intergouvernementalen Euro-Sondervertrag unterzeichnen, mit dem die "Fiskalunion" etabliert werden soll.
Juli: Der neue permanente Euro-Rettungsschirm ESM (Europäische Stabilitätsmechanismus) soll vorzeitig in Kraft treten.
Ende 2012: Der Ratifikationsprozess zum Euro-Sondervertrag und zur Etablierung der "Fiskalunion" soll abgeschlossen sein.

EurActiv/mka

Ein englischsprachiger Beitrag zu diesem Thema erschien auf EurActiv.com.

Links


Europäische Kommission


Euro notes and coins – 10 years on I
(22. Dezember 2011)

Euro notes and coins – 10 years on II
(22. Dezember 2011)

10 years of euro cash

Der Euro

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