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30/08/2016

Wirtschaftsboom in Tschechien: Viele Arbeitsstellen bleiben unbesetzt

Finanzen und Wirtschaft

Wirtschaftsboom in Tschechien: Viele Arbeitsstellen bleiben unbesetzt

Der U-Bahnhof Malostranská in Prag.

[Flickr/Carlos ZGZ]

Zum ersten Mal seit 2008 gab es im August mehr als 100.000 freie Stellen in Tschechien. Viele Unternehmen haben Mühe, genügend qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. Die Wirtschaft boomt und gleichzeitig hat das Land eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in Europa.

Die export-lastige tschechische Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal um 4,4 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres. Das ist die schnellste Wachstumsrate aller Volkswirtschaften in der EU. Gründe dafür sind steigende Auftragszahlen, eine starke Nachfrage sowie Mittel aus EU-Strukturfonds.

Der Wachstumsschub in einem der am meisten industrialisierten EU-Länder bringt immer mehr Menschen in Lohn und Brot. Gleichzeitig müssen Unternehmen länger und weitreichender nach Arbeitskräften suchen. Nur so können sie freie Stellen noch besetzen.

“Wir wachsen wie verrückt, aber wir könnten noch mehr wachsen, hätten wir nicht 100.000 freie Arbeitsstellen, die die Arbeitgeber nicht mit den richtigen Leuten besetzen können”, sagt Radek Spicar, Vizepräsident des Industrieverbandes, des größten tschechischen Arbeitgeberverbandes.

Im August sank die Arbeitslosenquote in dem 10,5-Millionen-Einwohnerland auf 6,2 Prozent. Das ist der niedrigste Stand seit vier Jahren. Im vergangen Jahr sank die Arbeitslosenquote auf 7,4 Prozent. Gleichzeitig verdoppelte sich die Zahl der freien Stellen beinahe auf 103.768.

Die Daten zeigen auch, wie Tschechien die Jahre der Rezession nach der Finanzkrise von 2008 überwand. Sie stehen im krassen Gegensatz zu der immer noch angespannten Situation in weiten Teilen der EU, die versucht Investitionen und Arbeitsplätze zu schaffen.

Im Süden der EU liegt die Arbeitslosenquote oft im zweistelligen Bereich. In Griechenland liegt sie bei 25 Prozent. Der EU-Durchschnitt liegt bei 9,5 Prozent.

Mehr Arbeitskräfte benötigt

Das Unternehmen Pars Nova modernisiert Schienenfahrzeuge. Nach Firmenangaben hat man Schwierigkeiten, 70 Stellen – darunter Arbeitsplätze für Schweißer, Elektriker und Techniker- zu besetzen. Nur so kann das Unternehmen den vielen Aufträgen nachkommen. Ihre Zahl wuchs im zweiten Quartal um 25 Prozent.

Der Markt würde den Boomjahren vor 2008 ähneln, als ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften für Kopfzerbrechen sorgte, sagt die Personalchefin Lucie Novotna. “Es war sehr problematisch, die Fertigungsaufträge in diesen Jahren abzudecken”, so Novotna. “Wenn wir nicht in der Lage sind, die Kundenaufträge zu erfüllen, kann das in Zukunft Folgen haben.”

Viele andere Unternehmen kämpfen ebenfalls mit zunehmenden freien Stellen. Sie bieten bessere Bedingungen für die Arbeitnehmer. Doch daneben schauen sie auch im Ausland nach Arbeitskräften.

Der Industrieverband drängt die Regierung dazu, eine einfachere und schnellere Rekrutierung von Arbeitskräften aus Nicht-EU-Ländern wie der Ukraine zu ermöglichen.

Analysten gehen davon aus, dass die Zahl der Arbeitslosen weiterhin sinkt. Das sind gute Aussichten für eine Lohnsteigerung. Es wäre gleichzeitig ein Signal an die tschechische Zentralbank. Denn erst bei Lohnzuwächsen kann sie ihre expansive Geldpolitik fallenlassen, mit der sie die Krone niedrig hält, um die Inflation anzuheben.

Die jährliche Inflationsrate lag im Juli bei 0,5 Prozent und damit weit unter dem Ziel von zwei Prozent.

Radomir Jac, Chefökonom bei Generali Investments CEE, sagt: “Das tschechische Wirtschaftswachstum gibt ein klares Signal ab: Die Zahl der Menschen ohne Arbeit wird vorausstichtlich weiterh sinken, da die Unternehmen mehr Arbeitskräfte benötigen.”