EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

24/07/2016

Schmidt will Lebensmittelverschwendung per Elektro-Chip eindämmen

Finanzen und Wirtschaft

Schmidt will Lebensmittelverschwendung per Elektro-Chip eindämmen

Bundesagrarminister Christian Schmidt will gegen die Lebensmittelverschwendung vorgehen.

[Ian Barbour/Flickr]

82 Kilogramm Lebensmittel wirft jeder Deutsche jährlich in den Müll – obwohl ein Großteil noch genießbar wäre. Bundesernährungsminister Schmidt will das nun ändern – und dazu auch das Mindesthaltbarkeitsdatum abschaffen.

Tonnen noch genießbaren Essens landen jedes Jahr in Deutschland im Müll. Laut einer vom Bundesernährungsministerium geförderten Studie aus dem Jahr 2012 warf jeder Bundesbürger jährlich im Schnitt 82 Kilogramm jährlich weg – und damit Lebensmittel im Wert von durchschnittlich 235 Euro pro Person. Etwa die Hälfte des weggeworfenen Essens sind demnach Obst und Gemüse, gefolgt von Teigwaren wie Pasta und Brot, die etwa ein Fünftel der Abfälle ausmachen.

Das große Verschwenden will Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) nun bremsen, und plant dazu, das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) auf Verpackungen so schnell wie möglich abzuschaffen.

Bis 2030, so Schmidts erklärtes Ziel, soll die Nahrungsmittelverschwendung halbiert werden. Die meisten Produkte seien erheblich länger genießbar, als auf den Verpackungen steht, betont er – und übt klare Kritik am bisherigen Verbraucherschutzprinzip. „Wir werfen massenweise gute Lebensmittel weg, weil die Hersteller zu große Sicherheitspuffer eingebaut haben“, der Minister Schmidt kürzlich gegenüber den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Das Mindesthaltbarkeitsdatumist kein Verfallsdatum

Was viele Verbraucher tatsächlich nicht wissen: Das in Deutschland seit mehr als 30 Jahren per Gesetz vorgeschriebene Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Verfallsdatum. Vielmehr zeigt es, wie lange das ungeöffnete und vorschriftsmäßig gelagerte Lebensmittel mindestens den spezifischen Geschmack, Geruch, Farbe, Konsistenz und Nährwert bewahren. Darum  tragen Produkte wie Salz oder Zucker, die dauerhaft genießbar sind, kein Haltbarkeitsdatum mehr auf der Verpackung, sondern lediglich das Herstellungsdatum.

Für Nahrungsmittel, die verderblich sind, will das Ernährungsministerium das Mindesthaltbarkeitsdatum nun zu einer qualifizierten Verbraucherinformation weiterentwickeln und bei Produkten wie Schinken ein echtes Mindesthaltbarkeitsdatum einführen.

Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH) lehnt diese Idee hingegen ab. Die Angabe, verbunden mit der Information zu den richtigen Aufbewahrungsbedingungen, sei eine wichtige Hilfe für Verbraucher, heißt es vom BVLH, dem die Landesverbände des Einzelhandels als Mitglieder sowie auch  einzelne Unternehmen der Branche angehören. Vor allem bei kühlpflichtigen Produkten sei diese Orientierungsgröße wichtig, sonst erschwere man Konsumenten die Entscheidung, ob das Produkt noch gegessen werden kann oder entsorgt werden soll.

Farbskala von elektronischen Chips soll Zustand des Produkts anzeigen

Eine Reform des Haltbarkeitsdatums ist für Schmidt allerdings sowieso nur der erste Schritt im Kampf gegen die Verschwendung. Seine Forderung: Elektronische Chips in der Verpackung, etwa im Joghurtbecher, sollen künftig ermitteln, wie sich das Produkt verändert und dies auf einer Farbskala anzeigen. Zehn Millionen Euro investiert Schmidts Ministerium in ein entsprechendes Forschungsprojekt, das in drei Jahren Ergebnisse zeigen soll.

Im Alleingang kann Deutschland diese Regelung allerdings nicht durchsetzen. Doch Schmidt ist zuversichtlich, dass in wenigen Monaten der Entwurf einer europäischen Richtlinie vorliegt. Deutschland habe bereits zusammen mit den Niederlanden eine Initiative in Brüssel gestartet, die Veränderungen beim Haltbarkeitsdatum jedoch nur als eine Übergangslösung betrachte und auf die intelligente Verpackung als langfristiges Modell setzen wolle.

Damit gehen die zwei Länder noch weiter als etwa Frankreich und demnächst auch Italien. Dort ist es Supermärkten gesetzlich untersagt, Lebensmittel wegzuwerfen. Sie müssen sie stattdessen entweder billiger verkaufen, spenden, zu Tierfutter verarbeiten oder kompostieren. Auch Österreichs Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter will nun gemeinsam mit dem Lebensmittelhandel eine Initiative ins Leben rufen, die ähnliche Ziele verfolgt.