Wende der EZB: Ein Wachsen des Schuldenbergs ist sicher

Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), hat angedeutet, ein Ende der ultralockeren Geldpolitik könne bevorstehen. [Boris Roessler/dpa]

Nachdem die EZB eine Politikänderung angedeutet hat, herrscht Aufruhr. Doch die Anleihepreise brechen nicht zusammen. Noch nicht. Eine Kreditblase von ungekannter Größe droht, analysiert EURACTIVs Medienpartner „WirtschaftsWoche

Das Wort „Blutbad“ macht an den Märkten die Runde, seit Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), angedeutet hat, ein Ende der ultralockeren Geldpolitik könne bevorstehen. Ultralocker, das bedeutet: Der EZB-Leitzins liegt bei 0,00 Prozent, der Einlagenzins für Banken bei minus 0,4 Prozent. Und die Notenbank kauft für 60 Milliarden Euro im Monat Euro-Anleihen auf, was deren Renditen in Richtung Nullmarke drückt.

Ultralocker also – bis jetzt? Nachdem Draghi von einer „Normalisierung“ der Geldpolitik sprach, sackten die Kurse binnen einer Woche um 1,9 Prozent, die von italienischen Staatsanleihen um drei Prozent. Ist das der Vorbote einer großen Zinswende, der Anfang vom Ende der Kredit- und Anleiheblase?

„Das erscheint uns übertrieben“, sagt Sebastian Sachs, Kapitalmarktspezialist vom Bankhaus Metzler in Frankfurt.

EZB: Firmen kommen leichter an Kredite

Das billige Geld der Europäischen Zentralbank (EZB) findet laut einer Umfrage unter Geschäftsbanken langsam den Weg zu den Unternehmen.

Denn genau genommen ist die Zinswende längst passiert und schon wieder zu Ende, zumindest in den USA: 30 Jahre lang ging es unter Schwankungen immer weiter runter mit den Renditen. Vor ziemlich genau einem Jahr, am 6. Juli 2016, verzeichneten zehnjährige US-Staatsanleihen ihr Renditetief bei 1,32 Prozent. Danach ging es hoch bis an die 2,6-Prozent-Marke. Inzwischen haben sie sich – dank rückläufiger US-Inflationsraten – bei 2,4 Prozent eingefunden.

Von einer beängstigenden Preissteigerung ist auch in Euro-Land keine Spur. Zuletzt lag die Inflation bei gerade mal 1,3 Prozent. „Auch wenn die EZB das Volumen ihrer Anleihekäufe Ende 2017 verringern könnte, rechnen wir nicht mit einer bevorstehenden Änderung der Zinssätze“, so Matthias Hoppe, Portfoliomanager, Franklin Templeton Multi-Asset Solutions.

Gigantischer globaler Schuldenberg von 216 Billionen Dollar

Und wenn es doch eng werden sollte, springen wohl die Notenbanken am Ende wieder ein. Das erfuhren Anleger zuletzt am 7. Juli, als die Bank of Japan über Nacht ankündigte, zehnjährige japanische Staatsanleihen bei einer Rendite von 0,11 aufzukaufen. Unbegrenzt, um einen weiteren Anstieg der Renditen auszuschließen.

Die EZB riskiert eine enorme Inflation

Ökonom Kjell Nyborg erzählt die Euro-Rettung als Verfallsgeschichte: Die Zentralbank akzeptiert Ramschpapiere als Sicherheiten. Deutschland drohen enorme Verluste.

Eine Zinswende ist daher so unwahrscheinlich, wie ein weiteres Anwachsen des gigantischen Schuldenbergs sicher ist.

Die weltweiten Verbindlichkeiten belaufen sich mittlerweile auf 216.000.000.000.000 Dollar – das sind 216.000-mal eine Milliarde oder eine Million Mal 216 Millionen – eine unfassbare Summe, die sich Staaten, Unternehmen, Konsumenten und Häuslebauer aufgebürdet haben. 216 Billionen Dollar, gebündelt in Krediten und Anleihen, in Papieren, die jeder besitzt, sei es direkt oder über eine Lebensversicherung zum Beispiel.

Allein das schiere Volumen ängstigt Anleger: Eine Rückzahlung aller Schulden ist äußerst fraglich, weil sich eine Kreditblase von bisher unbekannter Größe aufgebaut hat, mächtig aufgepumpt von den Notenbanken nach der Pleite von Lehman Brothers, künstlich aufgeheizt von einem Niedrigzins, der das Schuldenmachen so leicht wie nie gemacht hat.

Deshalb ist die Gefahr, die von höheren Zinsen ausgeht, extrem wie wohl noch nie. Deshalb greift die Angst vor einem Platzen der Blase um sich, sobald die Zinsen auch nur einen kleinen Satz nach oben machen. So wie jetzt geschehen.

Irgendwann wird die Blase platzen, so viel ist sicher. Aber vorerst absehbar wieder mal nicht.

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