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24/09/2016

Studie: Mindestlohn führt kaum zu Entlassungen

Finanzen und Wirtschaft

Studie: Mindestlohn führt kaum zu Entlassungen

Der Arbeitsmarkt in Deutschland verzeichnet ein Rekordhoch.

[PROCarsten aus Bonn/Flickr]

Der gesetzliche Mindestlohn bringt in Deutschland kaum Nachteile, zeigt eine Studie. Die meisten betroffenen Betriebe behalten ihr Personal – und sparen an anderer Stelle.

Die Panikmache war groß. Bevor Anfang 2015 bundesweit der gesetzliches Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde eingeführt wurde, warnten etliche Experten, das Instrument würde zu Massenentlassungen führen und damit die Lage für Arbeitnehmer verschlimmbessern. Doch nun zeigt eine neue Studie des  Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): Der Mindestlohn vernichtet keine Arbeitsplätze – die Ängste waren unbegründet. Für seine Ergebnisse befragte das Nürnberger Institut etwa 16.000 Betriebe, von denen rund 20 Prozent angaben, direkt oder indirekt vom Mindestlohn betroffen zu ein.

Von ihnen reagierte die Mehrzahl auf die gestiegenen Lohnbelastungen nicht mit größeren Entlassungen. Stattdessen entschieden sich einige, ihre Preise für Waren oder Dienstleistungen zu erhöhen. Doch das, so konnten die Arbeitsmarktforscher des zur Bundesagentur für Arbeit gehörenden IAB zeigen, tat mit 18 Prozent nur ein Bruchteil der vom Mindestlohn betroffenen Firmen.

4,7 Prozent, also nicht einmal jeder 20. der vom IAB befragten Betriebe entschied sich für Personalabbau. Und auch hier lohnt sich ein Blick auf die Details: Wurde die Zahl der Mitarbeiter reduziert, dann laut Studie meist durch den Verzicht auf Neueinstellungen. Zurück hielten sich hier laut eigener Aussage gut zehn Prozent der Firmen, weitere 5,3 Prozent erwägen, damit zukünftig zu reagieren.

In konkreten Zahlen heißt das dem IAB zufolge: Ohne den Mindestlohn wären rund 60.000 Stellen mehr geschaffen worden. Die Zahl der Mini-Jobs verringerte sich um etwa 90.000. Rund 50 Prozent der Stellen wurden jedoch in sozialversicherungspflichtige Jobs umgewandelt. Der „negative Beschäftigungseffekt“ aufgrund des Mindestlohns sei damit relativ gering, so die Wissenschaftler.

Mit seiner Mindestlohnregelung ist Deutschland längst nicht allein. In 22 der 28 EU-Staaten galt zum Stand Juli 2016 ein branchen­übergreifender gesetzlicher Mindestlohn, unter ihnen liegt die Bundesrepublik an siebter Stelle. Spitzenreiter waren laut dem Statistischen Bundesamt Anfang 2016 Luxemburg mit 11,12 Euro sowie Frankreich mit 9,67 Euro, am unteren Ende lag Bulgarien mit 1,24 Euro.

Die Studie zeigt aber auch, dass mehr Betriebe auf anderen Wegen versuchten, Kosten zu sparen. Denn noch immer gibt es etliche Ausnahmeregelungen, die es erlauben, zum Beispiel Auszubildende, Praktikanten oder Langzeitarbeitslose vorübergehend mit weniger als 8,50 Euro zu entlohnen. Viele Unternehmen griffen auch auf flexible Beschäftigungsformen wie Leiharbeit oder Befristungen zurück oder verkürzten die Arbeitszeit.

Der deutsche Mindestlohn soll alle zwei Jahre an die Tarifentwicklung angeglichen werden. Zum 1. Januar 2017 wird er um 34 Cent erhöht, sollte sich die bisherige Entwicklung fortsetzen. Die Wirtschaft dürfte davon profitieren, denn mit wachsenden Löhnen wächst erfahrungsgemäß auch die Kaufkraft weiter.

Hintergrund

Die Mehrzahl der EU-Mitgliedsstaaten schreibt einen Mindestlohn vor, er ist in den EU-Staaten jedoch unterschiedlich geregelt. Dänemark, Finnland, Italien, Österreich, Schweden und Zypern haben bislang keinen branchen­übergreifenden gesetzlichen Mindestlohn.

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