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07/12/2016

Studie: Löhne in Deutschland steigen zu langsam

Finanzen und Wirtschaft

Studie: Löhne in Deutschland steigen zu langsam

Die Euro-Zone Arbeitslosenquote ist unter 10% und die Industrie wächst seit die Trump-Wahl.

Foto: dpa

Arbeitnehmer in der Bundesrepublik erhalten noch noch immer vergleichsweise geringe Löhne. Dadurch leidet nicht nur die Kauflust der Menschen – auch die Ungleichgewichte in der Europäischen Union nehmen zu, zeigt nun eine Studie.

Die Löhne in Deutschland steigen seit Jahren zu schwach, mahnt das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung. Wie der nun vorgestellte „Arbeits- und Lohnstückkostenreport“ des IMK zeigt, hinkte Deutschland verglichen mit dem EU-Durchschnitt in den gesamten 2000er Jahren zudem deutlich hinterher, was die von den Unternehmern gezahlten Arbeitskosten betrifft – also etwa betriebliche Altersversorgung, Sozialversicherungsbeiträge und Lohn- und Gehaltsfortzahlungen im Krankheitsfall.

Zwar habe die Bundesrepublik bei Löhnen und Arbeitskosten zuletzt etwas aufgeholt und seit 2011 scheine sich die Entwicklung langsam zu „normalisieren“, so die Wissenschaftler. Dennoch sei die Entwicklung weiterhin zu matt, Deutschland rangiere wie in den Vorjahren auf Rang acht unter den EU-Ländern.

Deutschland ist Drittletzter bei Anstieg der Arbeitskosten

Zwischen 2000 und 2015 nahmen die Arbeitskosten laut IMK in der EU-weiten Privatwirtschaft um durchschnittlich 2,8 Prozent pro Jahr zu, im Euroraum um 2,5 Prozent. In Deutschland wuchsen sie jedoch nur um 2,0 Prozent im Jahresdurchschnitt. Damit liegt das Land EU-weit an drittletzter Stelle – nach den krisengeschüttelten Ländern Griechenland (0,5 Prozent) und Portugal (1,8 Prozent),  wo die Arbeitskosten in den vergangenen Jahren zeitweise stagnierten oder sogar sanken.  Zuletzt aber stiegen die Arbeitskosten schneller als im Durchschnitt des Euroraums.

Die Normalisierung der Lohnentwicklung habe maßgeblich dazu beigetragen, dass die deutsche Wirtschaft in einem „schwierigen internationalen Umfeld“ wachse, meint der wissenschaftliche Direktor des IMK, Gustav Adolf Horn. „In Zeiten von Wachstumsschwäche in den Schwellenländern, von Brexit und nachwirkender Euro-Raum-Krise würden wir mit dem alten, einseitig exportorientierten Wachstumsmodell Schiffbruch erleiden.“

Was die normalisierte Lohnentwicklung bedeutet, schlüsselt die Studie auch auf. 2015 zahlten deutsche Arbeitgeber in der Privatwirtschaft, also der Industrie und dem privaten Dienstleistungsbereich, 32,70 Euro pro Arbeitsstunde. Zum Vergleich: In Dänemark, Belgien, Schweden, Luxemburg, Frankreich, Finnland und den Niederlanden sind es zwischen 43 und 33,30 Euro. Schlusslichter sind Rumänien und Bulgarien mit fünf und 4,10 Euro pro Stunde. Der Durchschnitt des Euroraums liegt bei 29,50 Euro.

Nachholbedarf bei der inländischen Nachfrage

Die Ökonomen warnen allerdings trotz des leichten Aufwärtstrends in Deutschland, dass die deutschen Lohnstückkosten – das sind die Löhne im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt – wesentlich schwächer gestiegen sind als in allen anderen Mitgliedsstaaten des Euro-Raums außer Irland. Dies habe zu den „ausgeprägten wirtschaftlichen Ungleichgewichten im Euro-Raum“ beigetragen.

Dass im längerfristigen Durchschnitt seit 2000 die deutschen Lohnstückkosten nur um ein Prozent im Jahr gestiegen sind zeige,  dass weiter großer Nachholbedarf bei der Stärkung der inländischen Nachfrage bestehe, mahnen die Forscher. „Die deutschen Exporte haben sich seit Anfang 2000 real mehr als verdoppelt, während die Binnennachfrage preisbereinigt gerade einmal um rund elf Prozent zulegte“, so die Studien-Autoren.

Bei allem Nachholbedarf hat Deutschland aber auch positive Entwicklungen zu verzeichnen: Laut dem am vergangenen Donnerstag veröffentlichten OECD-Beschäftigungsausblick steht Deutschland im OECD-weiten Vergleich bei den Arbeitslosenzahlen gut da. Und zumindest im Gegensatz zu vielen anderen Staaten sind demnach die Reallöhne in Deutschland seit 2011 deutlich gewachsen.

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