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08/12/2016

Silicon Valley auf Abstand zum Militär – deutsche Rüstungsunternehmen auf Annäherung

Finanzen und Wirtschaft

Silicon Valley auf Abstand zum Militär – deutsche Rüstungsunternehmen auf Annäherung

Bei zu viel Nähe zu Pentagon und Geheimdienst fürchten US-amerikanische IT-Unternehmen um ihren Ruf und ihr Zivilgeschäft.

Foto: Frontpage / Shutterstock

Aufträge des US-Verteidigungsministeriums haben die IT-Branche groß gemacht. Doch jetzt wenden sich Google & Co. ab. Sie fürchten um ihren Ruf und ihr Zivilgeschäft – zur Freude der deutschen Rüstungsbranche. EurActivs Medienpartner „WirtschaftsWoche“ berichtet.

Wenn US-Verteidigungsminister Ashton Carter ein Hightech-Unternehmen besuchte, war jahrelang die Freude groß. Schließlich ist der Doktor der theoretischen Physik und ehemalige MIT-Professor nicht nur ein hoch gebildeter und fachkundiger Gesprächspartner für die Techniker. Der 62-Jährige verwaltet in seinem Haus den jährlich 72 Milliarden Dollar großen Forschungsetat des US-Militärs. „Das ist mehr als Apple, Intel oder Google zusammen ausgeben“, so Carter.

Zumindest bei einer Art von Unternehmen, ziehen Carters Forschungsmilliarden inzwischen nicht mehr so recht: den IT-Riesen des Silicon Valley. Zwar hat Carter die Hightech-Region im Norden Kaliforniens im vergangenen Jahr öfter besucht als seine Truppen in den Krisenregionen im Mittleren Osten. Es waren Besuche, bei denen er nicht an warmen Worten für Gründer und Erfinder sparte. „Ich will neue Brücken errichten zwischen unserer Arbeit im Pentagon an der nationalen Sicherheit und den Innovatoren besonders hier aus dem Silicon Valley“, erklärte der Minister gleich auf mehreren Veranstaltungen.

Doch der Empfang war kühl. „Fast alle Hightech-Unternehmen scheuen inzwischen Regierungsaufträge“, so die Erfahrung von Steve Blank, Unternehmer und Professor der Universität in Stanford, mitten im „Valley“.

Anzeichen dafür gibt es viele.  Nachdem Google die Roboter-Start-ups Schaft und Boston Dynamics übernommen hatte, kappte der Konzern nach Informationen der britischen Financial Times alle Kontakte zum Pentagon. „Google will nicht, dass die sich mit uns abgeben“, schimpfte Adam Jay Harrison, Chef des National Security Technology Accelerator (NTSA) genannten Gründerförderers, den die US-Armee Mitte Oktober offiziell gestartet hat. Der für seinen intelligenten Staubsauger Roomba bekannte Hersteller iRobot verkaufte sogar sein komplettes Militärgeschäft – trotz lukrativer Armee-Aufträge zum Bau von Maschinen zur Entschärfung von Sprengfallen.

Das war noch vor vier Jahren undenkbar. Bis dahin waren die Beziehungen zwischen IT-Industrie und Pentagon Jahrzehnte lang eng und profitabel. Das US-Verteidigungsministerium hatte bereits in den fünfziger Jahren die Bedeutung elektronischer Datenverarbeitung für die Kriegsführung erkannt. Darum hatte es nicht nur zur weltweiten Datenübermittlung das Internet ins Leben gerufen – sondern auch die passende Industrie gefördert.

Einige Topmanager hatten hohe Posten im Verteidigungsapparat. Dave Packard, Mitbegründer des Druckerpioniers HP, war zwischenzeitlich sogar Rüstungs-Staatssekretär. Zudem half das US-Militär bei Produkten wie GPS-Navigation, Bilderkennungsprogrammen und immer stärkeren Rechnern. Selbst Apples Spracherkennungsassistent Siri entstand im Stanford Forschungsinstitut auch dank Pentagon-Geldern.

Bloß Werkzeuge der US-Regierung?

Doch die Eintracht schwindet offenbar. Zwar spricht keine der beiden Seiten offen über das Thema. „Doch der Umgang zwischen den führenden Unternehmen des Valley und Washington wird immer kühler und eine Art Zerwürfnis ist die einzige Erklärung für das kühle Verhältnis“, so ein Insider. So wurde NTSA-Chef Harrison offenbar bei seinen Besuchen in mehreren Unternehmen gebeten, er möge sich nicht ins öffentlich ausliegende Gästebuch eintragen.

Den Unmut der IT-Riesen umschreibt der US-Autor Peter Singer so: „Die Regierung reicht dem Valley über Aufträge die eine Hand – aber schlägt sie mit deren anderen ins Gesicht.“

Der erste Auslöser war im Jahr 2013 die Enthüllung des ehemaligen Geheimdienstlers Edward Snowden über die ausgeprägten Überwachungsprogramme, mit denen der US-Geheimdienst NSA Firmen und Privatleute im Rest der Welt ausspähte. Dabei wurde klar, dass die US-Regierung viele heimische Unternehmen nutzte, teilweise ohne deren Wissen und nicht selten auch gegen deren Willen, schreibt der Autor Scott Malcomson in seinem Buch „Splinternet“.

Seitdem fürchten die IT-Riesen, eine zu großer Nähe zur US-Regierung könnte ihrem Ruf bei den Konsumenten schaden und das besonders in Ländern wie China oder Teilen Europas, die den USA kritisch bis ablehnend gegenüberstehen. „Für das Silicon Valley ist es jetzt ein Nachteil als Werkzeug der US-Regierung gesehen zu werden“, glaubt Malcomson.

Als der Schock über die NSA-Schnüffelei zu verebben begann, kam Rückschlag Nummer zwei. Nach einem islamistischen Anschlag im Dezember 2015 verlangte das amerikanische Justizministerium, Apple solle dem FBI eine Software schreiben zum Freischalten eines iPhones der Terroristen. Apple weigerte sich und erhielt selbst von Konkurrenten sofort eine breite Rückendeckung in der Branche. Die Branche fürchtete nach einem solchen Präzedenzfall eine Flut solcher Anfragen von Strafverfolgern zu erhalten. Dazu könnte die Software in falsche Hände geraten und zu einem Einfallstor für Hacker werden.

Über den Differenzen ist den Hightech-Riesen dann offenbar klar geworden, dass sie die Militärs ohnehin nicht mehr so recht brauchen. Beispiel Forschungsgelder: Stand die US-Regierung in 1980er Jahren für fast die Hälfte des weltweiten Forschungsbudgets, sind es laut einer Studie der New York University nun keine zehn Prozent mehr. Risikokapitalgeber und andere Regierungen wie die Chinas haben inzwischen deutlich tiefere Taschen.

Das gilt für das Auftragsvolumen ebenso. „So attraktiv eine Order aus Washington auch lange Zeit war. Inzwischen ist für viele der Zivilmarkt viel größer und attraktiver“, sagt Heinz Schulte, Chef des auf Wehrtechnik spezialisierten Informationsdienstes Griephan.

„Die Arbeit mit dem Pentagon verursacht bürokratische Kopfschmerzen“

Zum einen sind Militäraufträge relativ klein. Selbst das bislang größte Rüstungsprojekt aller Zeiten, der Joint Strike Fighter, kommt mit einem Bestellwert von rund einer Billion Dollar über gut 20 Jahre nur auf ein paar Prozent des Markts für Apps.

Dazu kommen die hohen Nebenkosten des Rüstungsgeschäfts. „Die Arbeit mit dem Pentagon verursacht unsägliche bürokratische Kopfschmerzen“, sagst Josh Wolfe, Mitbegründer des auf Rüstungsstartups spezialisierten Risikokapitalgebers Lux Capital. Lassen Risikokapitalgeber ihren Schäfchen weitgehend freie Hand, wenn sie die Business-Pläne einhalten und vielleicht sogar auf einen lukrativen Börsengang zusteuern, scheuen die Rüstungskunden kein Detail.

Die Einkäufer der Armeen kommen gern mit Verträgen, die auf gern auch mehr als 3000 Seiten Anhang Jahre im Voraus feste Garantien über Preis und Leistung verlangen. Dazu muss jeder Lieferant sich und sein Personal strengen Sicherheitskontrollen unterziehen, Geräte oder Ersatzteile über Jahrzehnte liefern und weder Firmenanteile noch Technology ohne OK aus Washington verkaufen. „Und wer das nicht einhält bekommt gewaltigen Ärger“, so ein deutscher Rüstungslieferant.

Nicht nur diese Festlegung über mehr Jahre als viel Gründer alt sind ist der IT-Branche artfremd. Dazu kommen auch der Startup-Denke komplett zuwiderlaufende Dinge wie lange Praxistests oder Produktanforderungen mit hundertprozentiger Betriebssicherheit und Laufstabilität gleichermaßen in arktischer Kälte wie Wüstenhitze, die für Soldaten überlebenswichtig sein können.

Nun will das Pentagon sein Werben um die IT-Riesen verstärken. Am Ende braucht es die neue Technik dringend, um die Überlegenheit der US-Army gegenüber Terroristen oder den Armeen anderer Länder zu sichern. Denn, so die Furcht, diese können sich nach Lage der Dinge bald auf dem Zivilmarkt nicht nur beim 3-D-Druck oder Sensoren, sondern auch in Bereichen wie selbstfahrenden Autos und Drohnen, Datenanalyse oder Medizintechnik fortschrittlichere Produkte kaufen als sie das Pentagon hat. Immerhin steht der weltgrößte Supercomputer an Chinas Militäruniversität – und läuft mit Rechenchips aus den USA.

Deutsche Rüstungsindustrie wittert Chance

Einen Außenstehenden kann das zivile Denke von Google & Co. immerhin freuen: die deutsche Waffenbranche. Denn während Autohersteller und Maschinenbauer zunehmend Konkurrenz aus den Silicon Valley bekommen in Bereichen wie dem Autobau, fallen für die heimische Rüstungsbranche Google & Co mit dem Abrücken von der Verteidigungsindustrie vorläufig als Wettbewerber aus.

Zwar wird auch bei Waffensysteme in Zukunft wie bei wie fast allen Hightech-Produkten künftig Software immer wichtiger. Dazu halten auch neue Produkte Einzug wie die Prognose wann bestimmte Systeme in die Wartung müssen und wieviel Ersatzteile gebraucht werden. Doch das Feld haben Airbus, Rheinmetall & CO künftig für sich.

Das gilt auch wenn die Rüstungseinkäufer der Streitkräfte künftig bei den klassischen Rüstungsfirmen keine komplett neu entwickelten Geräte mehr bestellen, sondern lieber vorhandene Zivilgeräte aufrüsten lassen bis sie die strengen Anforderungen der Armeen erfüllen. Hier kommt eigene auf die Armee maßgeschneiderter Software ebenso in Frage wie die Aufrüstung durch einzelne Teile der Robustheit „Military Grade“. Die Idee verfolgen inzwischen nicht nur die amerikanischen Militärs, sondern auch Europas Streitkräfte, die in Verhandlungen mit den US-Hightech-Unternehmen eine noch schwächere Position haben als das US-Verteidigungsministerium.

Für dieses Upgrade-Geschäft sind vor allem die vielen kleineren deutsche Unternehmen der Branche wie Rohde & Schwarz oder ESG prädestiniert. Denn die etwas frickeligen Softwareanpassungen dürften nicht nur den IT-Riesen aus USA, sondern auch den Rüstungsriesen zu klein sein, nicht aber den Betriebe der deutschen Rüstungsbranche. Die ist nicht nur dank ihrer mittelständischen Struktur nicht zu groß für solche vergleichsweise kleinen Aufträge. Weil die meisten germanischen Waffenfirmen auch ein starkes ziviles Standbein haben, kommen sie mit der Arbeit an der Schnittstelle zwischen Konsumgütern und Militärprodukten laut Experten besser zurecht als die meist ausschließlich in der Rüstung tätigen ausländischen Wettbewerber.

Das dürfte dann auch ins Dual-USE genannte Geschäft mit Sicherheitstechnik hinüber wirken. Ein wichtiges Feld ist die Computersicherheit. „Wem traut man da wohl einen besseren Schutz vor Missbrauch zu“, fragt ein Branchenmanager. „Google, der Telekom – oder uns?“

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