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25/08/2016

Muss Deutschland den Brexit fürchten?

Finanzen und Wirtschaft

Muss Deutschland den Brexit fürchten?

Wie sieht die Partnerschaft zwischen Deutschland und Großbritannien nach einem möglichen Brexit aus?

Foto: dpa

Europa braucht die Briten, das Vereinigte Königreich braucht Europa – fragt man deutsche Wirtschaftsvertreter zum drohenden Brexit gerät der Satz beinahe zur Phrase, so häufig fällt er. Die Sorge, die sich darin ausdrückt – mögliche negative Rückkoppelungen auf alle europäischen Staaten –, ist angesichts der tiefen Verzahnung der britischen Wirtschaft mit dem EU-Binnenmarkt allerdings keinesfalls unberechtigt.

Doch gilt dies ebenso für Deutschland? Wie sehr braucht die deutsche Volkswirtschaft das EU-Mitglied Großbritannien?

Eine Bertelsmann-Studie aus dem Jahr 2015 hat die möglichen Wachstumseinbußen für Deutschland, bezogen auf die direkten Handelseffekte, auf 0,1 bis 0,3 Prozent taxiert. Rechnet man „dynamische Effekte“ hinzu – Produktivitätseinbußen infolge eines abflauenden Wettbewerbsdrucks sowie aufgrund ausbleibender Wachstumsimpulse durch Handelsverträge der EU mit Drittstaaten – steigt der potentielle Verlust auf zwei Prozent. Hinzu käme der Wegfall der britischen Nettozahlungen an den EU-Haushalt, die von den übrigen 27 Staaten geschultert werden müssten. So ergäbe sich für Deutschland ein jährlicher Zusatz-Betrag von 2,5 Milliarden.

Widersprüchliche Prognosen

Ein BIP-Rückgang von 0,1 bis 2 Prozent plus 2,5 Milliarden an die EU-Kasse – eine nicht allzu besorgniserregende Bilanz, könnte man schlussfolgern. Vor diesem Hintergrund wirkt die Warnung des BDI-Geschäftsführers Kerber, der Brexit führe „uns alle in die Sackgasse“, etwas überspitzt, beinahe alarmistisch. Doch laut Thieß Petersen, einem der Macher der Bertelsmann-Studie, „schmerzen angesichts des relativ moderaten Wachstums in Deutschland auch solche Einbußen“. Sie würden direkt auf den Arbeitsmarkt und die öffentlichen Finanzen durchschlagen. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hingegen hält die in der Studie bezifferten Folgen für „deutlich zu niedrig“ veranschlagt. „Die Vernetzung der britischen mit der kontinentaleuropäischen Wirtschaft ist so hoch entwickelt und so verzweigt“, dass der Brexit ein nicht zu unterschätzendes Risiko für die deutsche Wirtschaft darstelle, so ihr Chefvolkswirt Jörg Zeuner. Auch der BDI betont die enge Verzahnung zwischen deutscher und britischer Wirtschaft: In den letzten 25 Jahren seien „deutsche Direktinvestitionen im Vereinigten Königreich um das 16-fache gewachsen“, der Handel habe sich seitdem verdoppelt.

Deutsche Automobilindustrie am stärksten betroffen

Mittlerweile ist Deutschland Großbritanniens wichtigster Handelspartner, umgekehrt belegt der britische Markt Rang vier im deutschen Außenhandel (statista). Daher würde sich die sinkende Kaufkraft britischer Einkommen automatisch auf die deutsche Exportwirtschaft auswirken, schätzt KfW-Volkswirt Zeuner. Insbesondere die deutsche Automobilbranche würde strengere Handelsbestimmungen zu spüren bekommen. Denn der Kfz-Sektor ist in Deutschland ungleich stärker als andere Industriezweige in die bilaterale Wertschöpfungskette eingebunden. Beispielsweise geht jedes fünfte Auto, das in Deutschland produziert wird, nach Großbritannien. „In kein anderes Land werden mehr deutsche Fahrzeuge exportiert“, rechnet der Verband der Automobilindustrie (VDA) vor. Laut Bertelsmann-Studie beziffert sich der zu erwartende Produktionsrückgang in der deutschen Autobranche auf 2 Prozent. Auch die Elektronikbranche und die Metallerzeugung wären merklich von einem Brexit betroffen.

Finanzmärkte sind verunsichert

Natürlich sind die tatsächlichen Folgen „nicht vorhersehbar“, so Petersen. Sie hingen unter anderem davon ab, wie „sanft“ Großbritannien den europäischen Club verlässt und ob es nach der Abnabelung in ein Netz bilateraler Verträge weich zurückfallen kann oder isoliert dasteht. Doch bereits jetzt führt die Ungewissheit über das genaue Austrittsdatum Londons zu Schwankungen auf den Finanzmärkten. Noch während des EU-Gipfels Mitte Februar in Brüssel, als der britische Premier Cameron um jede so kleine Ausnahmeregelung feilschte, sank das englische Pfund auf den tiefsten Stand seit knapp zwei Jahren. Selbst ein „Ja“ zum Referendum am 23. Juni brächte nicht mehr Gewissheit. Denn der tatsächliche Brexit würde nicht am darauffolgenden Tag eintreten, sondern am Tag X. Die Zeitspanne zwischen Referendum und eigentlichem Austritt könnte sich laut Experten bis zu zwei Jahre oder gar bis zu 10 Jahre hinziehen. Die Investitionen in den britischen Markt könnten dadurch auf eine empfindliche Talfahrt geschickt werden. Risikoaufschläge aller Art könnten steigen.

Dennoch könnte sich der deutsche Finanzmarkt als möglicher Profiteur eines plötzlichen Brexit entpuppen. Finanzgeschäfte, die bisher in der Londoner City abgewickelt wurden, insbesondere solche mit Devisen und Euro-Anleihen, könnten kurzfristig an die Frankfurter Börse abwandern. Doch die KfW trübt solche Aussichten und verweist auf die „komplexe Vernetzung“ in Europa: „Ich würde nicht auf Umzugsphantasien bauen,“ so Zeuner. Auch das Deutsche Aktieninstitut betont auf Anfrage von EurActiv, dass durch die Abspaltung Großbritanniens „die Effizienz des gesamten EU-Kapitalmarkts beeinträchtigt“ werde. Am Ende gäbe es nur Verlierer.

Großbritannien – Partner oder Mitbewerber bei Marktzugängen

Bei einem Brexit stünden harte Verhandlungen über Marktzugänge, Handelshindernisse, Subventionen und Zölle an, warnen Wirtschaftswissenschaftler. Laut ifo Institut könnte in Deutschland das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner im Jahr 2030 wegen handelsökonomischer Effekte zwischen 0,6 und 3 Prozent und damit zwischen 220 und 1025 Euro geringer ausfallen als bei einem Verbleib Großbritanniens in der EU.

Die derzeit aufwallenden nationalen Stimmungen in Europa würden die Diskussionen womöglich noch verhärten. Der BDI sieht gar ein „Hauen und Stechen“ zwischen den dann ehemaligen Partnern, bei dem jeder nur auf den eigenen Vorteil aus ist.

Neben Wachstumseinbußen könnte ein Brexit auch die politischen Kräfteverhältnisse in der EU ins Wanken bringen. Großbritannien war bisher eine wichtige Flanke deutscher Interessen, wenn es darum ging, Forderungen nach politischer und wirtschaftlicher Integration anderer EU-Länder zu verhandeln. Auch bei künftigen Vereinbarungen mit Drittstaaten, wie etwa beim Thema TTIP könnte aus deutscher Sicht eine fehlende britische Stimme schaden.

Die Wirtschaftsmacht der EU würde nach einer britischen Abspaltung mit einem Mal um 16 Prozent schrumpfen, ihre Verhandlungsposition gegenüber den USA wäre damit geschwächt. Zuletzt könnten sich weitere EU-Staaten dazu berufen fühlen, mit der Exit-Option auf Ausnahmeregelungen zu pokern, was die Integrationsfähigkeit der EU weiter beschneiden würde.

Aus wirtschaftlicher und politischer Sicht bleibt ein Brexit ein unkalkulierbares Risiko für Deutschland. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat sich jetzt für den Verbleib der Briten in der EU ausgesprochen: Bei einem Ja zum Brexit bei dem Referendum im Juni würde das Königreich “das Risiko eines instabileren, volatileren Kontinentaleuropas eingehen”. Auf die Frage, wie Deutschland auf den Brexit reagieren würde, sagte er: “Wir würden weinen (…) und ich hoffe, dass wir es nicht tun (müssen).”

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