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09/12/2016

Londoner Finanzsektor wappnet sich für Brexit-Risiken

Finanzen und Wirtschaft

Londoner Finanzsektor wappnet sich für Brexit-Risiken

Überall in den Wolkenkratzern der City stellen sich Banken, Versicherungen und Börsenplätze dieselbe Frage: Was ist, wenn die Briten für den EU-Austritt stimmen?

© dpa

Vor dem Referendum über einen Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union wappnet sich der Londoner Finanzsektor für die Brexit-Gefahr.

Überall in den Wolkenkratzern der City stellen sich Banken, Versicherungen und Börsenplätze dieselbe Frage: Was ist, wenn die Briten für den EU-Austritt stimmen? Die Vorbereitungen für Plan B laufen dabei ebenso fieberhaft wie diskret.

Stärkere Schwankungen der Märkte, erschwerte Zugangsbedingungen zum EU-Binnenmarkt, internationale Handelsbeziehungen ungewiss – die kurz- und langfristigen Folgen eines Brexit wären vielfältig. Großbanken wie HSBC und Deutsche Bank haben schon mit der Geschäftsverlagerung in andere Länder gedroht. Die Bank of England wird in den Wochen rund um das mit Spannung erwartete Referendum die Liquidität erhöhen, um eine Kreditklemme wie in der Finanzkrise 2008-2009 zu verhindern.

Womit die Unternehmen im einzelnen ihre „Werkzeugkästen“ für den Fall eines Austritts aus der EU ausstatten, darüber schweigen sie. „Wir haben Notfallpläne, an denen wir sehr hart arbeiten“, sagt John Nelson vom Versicherungsmarkt Lloyd’s, ohne Details zu nennen.

Für die Wirtschaftsprofessorin Anastasia Nesvetailova von der City University London ist klar: Große Finanzdienstleister werden vor allem versuchen, ihre Reserven aufzustocken – also Bargeld, hochwertige Finanztitel und andere Wertpapiere, die von einem Brexit nicht in Mitleidenschaft gezogen würden.

Ferner erstellten die Finanzinstitutionen bewusst pessimistische Szenarien, um die möglichen Risiken abzuschätzen, sagt die Ökonomin. In ihren Stresstests müssten sie auch „massive und verlängerte Liquiditätskrisen“ überstehen können.

Und nicht zuletzt wird der Personalbedarf auf den Prüfstand gestellt, sollten Aktivitäten aus London verlagert werden. Im Fall eines Brexit könnten rund 100.000 Arbeitsplätze in der City verloren gehen, wie die Lobbyfirma TheCityUK errechnet hat. Das wäre fast jeder 7. Job.

Die größte britische und europäische Bank HSBC hat gewarnt, dass sie allein rund eintausend Arbeitsplätze nach Paris verlagern würde. Auch die Deutsche Bank, die rund 9000 Arbeitnehmer in Großbritannien beschäftigt, prüft nach eigenen Angaben mögliche Verlagerungen. Es gebe die „konkrete“ Gefahr, dass Mitarbeiter aus dem Finanzsektor nach Dublin, Frankfurt oder Paris versetzt würden, sagt auch Nesvetailova.

Laut einer Studie der HSBC könnte ein Brexit das britische Pfund um bis zu 20 Prozent fallen lassen, während die Inflation auf fünf Prozent stiege. Auch die Zinssätze würden demnach in die Höhe schießen, neben einem Anstieg der Lohnkosten. Die Wachstumsrate würde laut HSBC dagegen um bis zu 1,5 Prozent sinken.

Dennoch halten sich die meisten Unternehmen im Finanzsektor bedeckt mit einer Empfehlung zum Referendum am 23. Juni. Institute wie die Royal Bank of Scotland beziehen nicht offiziell Position, sprechen aber von gewissen „Risiken“, die eine Scheidung von Brüssel mit sich brächte. Die Bank of England, der Internationale Währungsfonds (IWF), der britische Industrieverband und TheCityUK sprechen sich offen für einen Verbleib in der Europäischen Union aus.